Hausgeburt auf einem Hausboot: "Ich wollte auf keinen Fall noch mal mit Wehen über die Autobahn rasen"

Die Geburt ihres ersten Kindes in einem Krankenhaus war für Jill Grigoleit purer Stress. Darum wollte sie für ihr zweites Kind unbedingt eine Hausgeburt. Hier erzählt Jill von der Geburt ihrer Tochter Morlin im November 2016 auf einem Hausboot im Yachthafen Ilmenau. Dieser Text enthält einen Affiliate Link

Die Geburt ihrer ersten Tochter Line in einem Krankenhaus war für Jill Grigoleit keine schöne Erfahrung. Das Baby kam sehr schnell, die Fahrt mit Wehen über die Autobahn war für Jill sehr unangenehm und im Kreißsaal fühlte sie sich unwohl und ausgeliefert mit all den fremden Menschen um sich herum.

Bei der Geburt ihrer zweiten Tochter wollte Jill Grigoleit nach dieser Erfahrung alles anders machen – und entschied sich deshalb für eine Geburt auf dem Hausboot im Yachthafen Ilmenau, auf dem die Familie seit einigen Jahren lebt: "Damals habe ich beschlossen: Sollten wir ein zweites Kind bekommen, werde ich das Haus nach der ersten Wehe nicht mehr verlassen: Ich möchte die Geburt in Ruhe erleben, ohne Stress, Hektik, rasante Fahrt auf der Autobahn und fremde Menschen um mich herum." 

Wie diese Hausbootgeburt verlaufen ist, das schildert Jill hier in einem Auszug aus ihrem Buch "Heimathafen – Wie wir mit unserem Hausboot das Glück auf dem Wasser fanden": 

Wenn natürlich auch schmerzhaft, so gehört diese Geburt definitiv zu den schönsten Erlebnissen meines Lebens.

"Ich kann es nicht fassen. Ich sitze am Fenster und beobachte die dicken Schneeflocken, die vom Himmel fallen. Zentimeter um Zentimeter wächst die Schneeschicht auf unserem Hof und auf dem Steg. Das dritte Mal schon geht Ole die Wege mit Schneeschippe und Streugut ab. Aber schon nach kürzester Zeit ist von seinen Bemühungen kaum mehr was zu sehen. Im Moment sieht es so aus, als ob er wie so oft Recht behalten wird. Ich weiß nicht, ob mich diese Tatsache allein schon wütender macht als die Möglichkeit, dass ich meine romantische Vorstellung von einer gemütlichen Hausgeburt begraben muss. Wer hätte das ahnen können, dass wir ausgerechnet in diesem Jahr so einen frühen und starken Wintereinbruch haben würden?

Zum ersten Mal in unserer gemeinsamen Zeit ist Ole derjenige, der sich Sorgen macht und lieber auf Nummer sicher gehen würde, während ich felsenfest davon überzeugt bin, dass alles gut gehen wird. Vermutlich liegt es daran, dass er zum ersten Mal mehr Zuschauer ist und es nicht um seine Sicherheit geht, sondern um meine und um die unseres Kindes, um die er sich sorgt und die er nicht in der Hand hat. Er muss mir das Steuer überlassen, und das fällt ihm schwer.

Oles größte Sorge war von Anfang an, dass uns das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen würde. 'Was, wenn der Deich zugeschneit ist und die Hebamme nicht mit dem Auto rüberkommt? Und was, wenn du mittendrin doch noch ins Krankenhaus verlegt werden musst und dann die Brücke vereist ist? Stell dir vor, es ist Niedrigwasser und die Rettungskräfte kriegen dich nicht die steile, rutschige Brücke rauf!' Die Schreckensszenarien, die er so bildlich beschreiben kann, machen mir schon ein bisschen Angst. 

Aber mein Entschluss steht fest: Ich werde mein zweites Kind zuhause bekommen. 

Tatsächlich habe ich diesen Entschluss bereits vor zwei Jahren gefasst, als Line, gerade ein paar Minuten alt, auf meiner Brust lag und ich mich von den schmerzhaftesten zwei Stunden meines Lebens erholte. Lines Geburt war zwar komplikationsfrei, doch für eine erste Geburt ziemlich rasant. Von der ersten Wehe bis zu ihrem ersten Schrei vergingen nur knapp zweieinhalb Stunden. Den Großteil der Geburt verbrachte ich bei hochsommerlichen Temperaturen zusammengekrümmt und schweißgebadet auf dem Beifahrersitz unseres Polos, während Ole aufs Gaspedal drückte. 

Als wir endlich hollywoodreif mit quietschenden Reifen vor dem Krankenhaus hielten, konnte ich der entgegenkommenden Hebamme kaum noch meinen Namen nennen. 

Im Kreißsaal angekommen, hatte ich bereits Presswehen, durfte aber laut Hebamme noch nicht pressen, weil mein Körper noch nicht bereit war. Es ging einfach zu schnell. Die Hölle auf Erden. Ich wurde verkabelt und auf dem Rücken liegend untersucht. Ich fühlte mich wie auf eine Schlachtbank gefesselt, umgeben von wildfremden Menschen, denen ich halb nackt und unter schlimmsten Schmerzen hilflos ausgeliefert war. Als Line dann da war, hatten wir einen kurzen glücklichen Moment zu dritt. Doch schon nach kurzer Zeit wurden wir auseinandergerissen, weil es kein Familienzimmer für uns gab und die Besuchszeit auf der Wochenbettstation vorbei war. Und so war jeder von uns allein mit seinen Gedanken und Gefühlen nach diesem aufwühlenden Erlebnis.

Die erste Nacht als Familie getrennt zu verbringen, war der Horror für uns beide.

Das wollte ich für kein Geld der Welt nochmal erleben. Nachdem ich im Frühjahr den anfänglichen Schock, erneut schwanger zu sein, verdaut hatte, war meine erste Handlung, eine Hausgeburtenhebamme anzurufen. Denn nun wusste ich genau, was ich wollte: Mich nicht mehr vom Fleck bewegen müssen, sobald ich Wehen habe.  Auf keinen Fall will ich nochmal bei 180 km/h auf der Autobahn Wehen veratmen und mit einem Rollstuhl durch ein Krankenhaus geschoben werden, während ich angestrengt versuche, nicht zu schreien, um vorbeilaufende Patienten nicht zu erschrecken. 

Ich will Ruhe, ich will von Anfang an wissen, wer bei mir sein wird, nämlich Ole und die Hebamme meines Vertrauens und sonst niemand. Und ich will selbst bestimmen, wie ich mich hinlege, setze oder stehe. Ich will keine Kabel und keine piependen Bildschirme, die mich nervös machen, und vor allem will ich, dass wir danach als Familie zusammenbleiben, gemütlich zuhause, im eigenen Bett. 

Hausgeburt

Alles ist vorbereitet. Alle Boote sind aus dem Wasser. Immerhin können nun also keine neugierigen Bootsbesitzer mehr während der Geburt am Fenster vorbeilaufen. Das ist der große Vorteil an der Wintergeburt. Auch dass Ole den Kopf frei hat und die ersten Tage nach der Geburt nicht so viel arbeiten muss. Bis vor einer Woche hatte er noch alle Hände voll damit zu tun, die Boote aus dem Wasser zu holen und den Hafen winterfest zu machen.

Alle nötigen Utensilien stehen bereit, Lines Tagesmutter ist in Rufbereitschaft und die Hebamme wartet auf meinen Anruf. Nur noch eine Woche bis zum errechneten Entbindungstermin. Line kam 12 Tage vorher. Es könnte also jeden Moment losgehen. Und nun das: Seit gestern Abend hat es nicht aufgehört zu schneien. Der Deich liegt unter einer dicken weißen Decke und wird nicht geräumt. Außerdem liegt Line mit einer Magen-Darm-Grippe flach und Ole hat Zahnschmerzen und übersteht den Tag nur mit Schmerzmitteln. Eine Geburt und ein Neugeborenes würden hier gerade gar nicht reinpassen. Wie ein Mantra führe ich ein eindringliches Gespräch mit dem kleinen Zwerg in mir 'Noch nicht, kleine Maus! Bitte, bitte, warte noch ein paar Tage!'  Und tatsächlich tut sie uns den Gefallen. Pünktlich am errechneten Geburtstermin, am 18. November 2016, macht sie sich auf den Weg. 

Der Schnee ist weggeschmolzen, Ole und Line sind wieder gesund und alle sind bereit für ihren großen Auftritt. Diesmal ist alles ganz anders. Es geht nicht von null auf hundert los, sondern kündigt sich langsam an. Die anfänglichen Wehen sind viel sanfter und ruhiger, ich habe zwischendurch Pausen, und wir können Line beim Abendbrot ganz in Ruhe erklären, was gerade passiert und dass sie heute bei ihrer Tagesmutter Laura übernachten wird. Ole bringt sie weg, und als er gegen 19 Uhr wiederkommt, ist Miriam, unsere Hebamme, auch schon da. 

Es wird ein gemütlicher und unvergesslich schöner Abend. 

Das Feuer im Kamin taucht alles in ein warmes flackerndes Licht, das Sofa ist zu einer großen Liegewiese ausgezogen, und Ole kann neben mir liegen und nicht nur passiv danebenstehen wie im Krankenhaus. Miriam hält sich zurück, hört in regelmäßigen Abständen die Herztöne des Kindes ab, macht sich Notizen und lässt mich ansonsten meiner Intuition folgen. Um 22:20 Uhr erblickt Morlin das Licht der Welt.

Sie sieht so makellos und so entspannt aus, als wäre das eben die leichteste Übung gewesen. Alles ist gut gegangen und wir können die erste Nacht zusammengekuschelt vor dem Kamin verbringen. Ich bin so voller Adrenalin, dass ich die ganze Nacht kein Auge zubekomme. Stattdessen beobachte ich meinen schlafenden Mann, auf dessen Brust sich der kleine Körper unserer neugeborenen Tochter hebt und senkt, und kann mein Glück kaum fassen. 

Am nächsten Morgen bringt Laura Line vorbei. Als sie zur Tür hereinkommt, gibt es kein Halten mehr: 'Ist meine Schwester endlich da? Meine Schwester ist da!!' Sie rennt auf uns zu und strahlt über das ganze Gesicht. Ganz vorsichtig nimmt sie die winzigen Fingerchen in ihre kleine Hand und gibt ihrer Schwester einen Begrüßungskuss auf die Backe. 'Oh, ist die klein! Wie süß!! Hallo Schwester!' Spätestens jetzt haben wir alle Tränen in den Augen. Vom ersten Moment an ist Line verliebt in ihre kleine Schwester.

Ich schaue zu Ole und realisiere: Von heute an sind wir zu viert. Eine richtige kleine Familie. Und ich bin sicher, nicht nur für mich war die Hausgeburt die beste Entscheidung. Ich bin so froh, dass Line ihrer Schwester nicht an einem Ort der Krankheit zum ersten Mal begegnet, sondern in ihrer vertrauten Umgebung, unserem Zuhause. Dieser Moment, als die beiden Schwestern sich das erste Mal begegnet sind, hat sich für immer in unser Gedächtnis eingebrannt. Und für Morlin war das sowieso der beste Start ins Leben. Wer kann schon von sich behaupten, auf einem Hausboot geboren worden zu sein?"

Die ganze Geschichte von Jill und Ole Grigoleit kannst du in diesem Buch nachlesen:  "Heimathafen – Wie wir mit unserem Hausboot das Glück auf dem Wasser fanden" (Ullstein Verlag): 

Wie es dazu kam, dass die Familie Grigoleit auf ein Hausboot gezogen ist, verraten wir euch in diesem Artikel: Wahnsinn! Familie kauft altes Hausboot – und macht ein Wohn-Paradies draus 😍

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mh
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