"Schmerzen, Blut und Kacke – was ist daran schön?" Eine Hebamme antwortet perfekt ❤️

Ist der Job als Hebamme nicht eklig? Diese Frage bekommt Maja Böhler immer mal wieder gestellt. Als Hebamme hat sie es im Kreißsaal täglich mit Menschen in Extremsituationen zu tun. Hier verrät sie, warum sie ihren Beruf trotz aller Herausforderungen so sehr liebt. Dieser Text enthält einen Affiliate Link

Wenn Leute sagen, der romantischste Moment eines Paars sei vor dem Altar oder beim Heiratsantrag am Strand, muss ich widersprechen. Wie groß, wie innig, wie Wir-gegen-den-Rest-Welt die Verbindung zweier Individuen ist, sieht man am besten, wenn sie ihr frisch geborenes Kind in den Händen halten...

Als Hebamme ist Maja Böhler immer wieder hautnah dabei, wenn Paare und Alleinstehende das Wunder der Geburt erleben und ihr Baby zum ersten Mal in ihren Armen halten dürfen. Einmal fragte sie eine Freundin: "Schmerzen, Schamhaare, Blut und Kacke – was ist denn daran bitte schön?" In diesem Auszug aus ihrem Buch "Die Wehenschreiberin – Geschichten aus dem Kreißsaal" (Goldmann Verlag, ISBN: 978-3-442-15972-7), verrät Maja Böhler, warum sie an Geburten nichts eklig findet und trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen ihren Beruf als Hebamme so sehr liebt.

Das Buch von Hebamme Maja Böhler: "Die Wehenschreiberin – Geschichten aus dem Kreißsaal".

"Unwirklich schön – Über das Wunder der Geburt"

Der harte Kern bei unserem Skihüttenausflug ist jedes Jahr gleich, nur manchmal kann wer beruflich nicht, oder an den Rändern unseres Freundeskreises ist Bewegung, und jemand bringt noch wen mit. Neuerdings eben auch den Nachwuchs. Aber seit mehr als zehn Jahren schaffen wir es, an diesem einen Wochenende im März zu siebt, zu acht, zu neunt in die Berge zu fahren. Ich liebe die Geborgenheit meines Freundeskreises, den ewigen Refrain aus schlechten Witzen, Käsespätzle und Wettervorhersagen-Gefachsimpel. 

In diesem Jahr kam es zu einem interessanten Gespräch über meinen Beruf. Wir saßen am letzten Abend nach dem Essen in der Stube zusammen – mit von der Frühlingssonne glühenden Pistenbäckchen. Sebastian und Tina hatten gerade ihre kleine Emma ins Bett gebracht, Stefan und Ines saßen über einem Kreuzworträtsel, Michi hatte die Gitarre geholt und spielte zaghaft. Während ich abspülte, quetschten mich Sarah und Bine einmal mehr aus, was denn die lustigsten Babynamen wären, die mir je untergekommen sind.

 "Ein bisschen vermiss ich die Arbeit schon", sagte ich irgendwann nachdenklich und ließ einen Tellerturm ins Spülwasser gleiten. 

"Boah, das versteh ich nicht!", widersprach Bine energisch.

Wie kannst du das überhaupt aushalten jeden Tag. Was du da alles siehst! Das ist doch eklig. Ich schwöre hier und jetzt, wenn es mal bei mir so weit ist, möchte ich einen Kaiserschnitt mit Vollnarkose. Bloß nichts mitbekommen.

Aus dem Spaghetti-Bolo-und-Chianti-Koma waren nun alle erwacht. Ich schluckte leicht pikiert. Auf die Diskussion Wunschkaiserschnitt wollte ich mich gerade nicht einlassen, daher antwortete ich: "Ich finde Geburten eben wahnsinnig schön. Nicht alle, aber sehr, sehr viele." Bine konnte es nicht fassen.

Schmerzen, Schamhaare, Blut und Kacke – was ist denn daran bitte schön?

Und dann erzählte ich von den Bildern in meinem Kopf. Von diesem Strahlen, das Schwangere umgibt. Von den Rundungen, der lebenssatten Prallheit. Das weibliche Schönheitsideal ist derzeit ja eher knabenhaft und athletisch, diese überbordende Weiblichkeit ist ein ungewöhnlicher Anblick, zumindest bei jungen Frauen. Allein, wie weich und rund das Gesicht ist. Die Wangen. Aber auch die Brust, der Bauch, der Po. Das hat was  Freundliches, was Sanftes.

Und dann: das Wunder des Lebens. Wie kann einen das nicht faszinieren? Was für ein filigran-komplexes Zusammenspiel allein die Konzeption ist. Und wie dann aus einem Zellhaufen ein Mensch wird. Ich drehte mich kurz um. "Tina zum Beispiel sagte mir mal, sie habe Emma in ihrem Bauch ganz früh gespürt, schon in der 15. Woche. Ein feines Kitzeln tief in ihr drin, wie ein Schmetterling, den man auf der Hand hält. Wie irre ist das: Du gehst arbeiten, essen, schlafen, und während-dessen produzierst du einen anderen Menschen. In dir. Bist im ständigen Zwiegespräch. Weißt, du bist jetzt schon nicht mehr allein, nie mehr.  Und dann die Geburt: wie sich die Frauen bewegen. Manche haben so ein intuitives Gefühl, selbst beim ersten Kind, was sie tun müssen, was ihnen guttut, ich muss oft gar nicht viel sagen, sondern beobachte beeindruckt, wie sie ihr Becken wiegen, sich ganz selbstverständlich durch den Raum bewegen, bewusst atmen, ganz bei sich und dem Moment sind. Woher kommt dieses Wissen, wer hat es vermittelt?" 

Wie unglaublich schön du ausgesehen hast, Liebes

"Tinas Stärke, als sie Emma bekam, war krass faszinierend«, sagte Sebastian nun, "da war so viel Kraft, das hat mich umgehauen." Und dann zu ihr gewandt: "Wie unglaublich schön du ausgesehen hast, Liebes. Das werde ich nie vergessen." 

Ein kollektives "Aww" ging durch die Stube. Sebastian legte jetzt erst richtig los. "Nein, im Ernst, ihr Frauen seid so faszinierende Wesen. Ich hab genau beobachtet, wie die Hebamme mit Tina interagierte, sie war ja voll im Tunnel, fast weggetreten, aber diese eine Frau drang zu ihr durch, stand ihr – ganz wörtlich – zur Seite. Ich war total abgemeldet!", sagte Sebastian und lachte. 

Mit den Händen noch im Spülbecken drehte ich mich zu Bine um.

Ich empfinde an Geburten nichts eklig. Über körperlichen Ekel wächst man schnell hinaus. Für mich ist es eine Ehre, dass ich bei so intimen Momenten dabei sein darf. Allein, wie viele dabei über sich hinauswachsen. Die schwächsten Frauen werden laut und stark, und ganz starke Frauen werden ängstlich, auch das kommt vor.

'So habe ich sie noch nie gesehen' ist einer der häufigsten Sätze, den ich von den Männern oder Begleitpersonen höre. Als würde die Geburt zu einer anderen Bewusstseinsebene führen. Wie oft erlebt man es schon, dass der Körper das Ruder über den Geist übernimmt und einfach 'macht'? Vielleicht betrunken, nachts um 3 Uhr auf der Tanzfläche, aber sonst? Selbstvergessen. Umnebelt von Endorphinen, die den Schmerz irgendwie erträglich machen sollen. Nichts dringt durch. Alle Aufmerksamkeit bündelt sich, von Wehe zu Wehe, von Pause zu Pause. 

Wenn das Köpfchen schon zu sehen ist, sage ich manchmal zu den Frauen (wenn ich es als passend empfinde):

Sie haben es fast geschafft! Spüren Sie noch mal kurz in sich hinein, jetzt ist das Kind noch Teil von Ihnen. Gleich wird es da sein, und alles wird Ihnen unwirklich vorkommen. 

Wenn es dann schlüpft, erfasst eine andächtige Stille den Raum. Plötzlich tritt er in die Welt, dieser neue Mensch, komplett vollständig, mit Haaren und Händen und Augen, hilflos einerseits und doch sofort wissend, wie das geht: überleben. Er schnauft und quäkt der Welt sein 'Hallo' entgegen. Na, wie war die Reise? Die Eltern, der Arzt, ich – wir alle stehen Spalier: staunende Gäste dieser Ankunft. Die Nabelschnur pulsiert noch, ein verrückter Anblick, noch ist diese Verbindung nicht Symbol, nicht Metapher, sondern lebender Beweis der unauflösbaren Einheit von Mutter und Kind. Abgefahren ist das, es gibt in meinen Augen kein besseres Wort. 

Und dann setzt die Überwältigung ein. Die Begrüßung der Eltern. Von 'Da bist du ja endlich, wir haben uns so auf dich gefreut!' über Jubelschreie und Seufzer der Erleichterung ist alles dabei, und auch die zerknautschtesten Babys hören ein 'Du bist so schön, wie schön du bist!' Tränen. Küsse. Die größten Liebesfilmszenen spielen sich in meiner Arbeit ab – täglich, im Kreißsaal, der Bühne innigsten Glücks.

Wenn Leute sagen, der romantischste Moment eines Paars sei vor dem Altar oder beim Heiratsantrag am Strand, muss ich widersprechen. Wie groß, wie innig, wie Wir-gegen-den-Rest-Welt die Verbindung zweier Individuen ist, sieht man am besten, wenn sie ihr frisch geborenes Kind in den Händen halten. Eine allumgreifende Form der Liebe erfüllt nun den Raum. Wie es ist, als Mutter davon überrollt zu werden, das wüsste ich gern. 

Im Raum war es still geworden. Ich drehte mich um. Alle sahen mich an. Sebastian und Tina hatten Tränen in den Augen. Bine stand auf und drückte mich. "Das wirst du." Wir wiegten uns kurz und innig. 

"Noch jemand, der glaubt, ich hätte keinen tollen Beruf?", sagte ich und drohte mit dem Geschirrtuch. "Nein? Gut, dann lasst uns trinken!" 

Videotipp: 5 Gründe, warum wir Hebammen brauchen

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