Kinder gebären? Nur von 7 bis 17 Uhr

Die Krise der Geburtshilfe hat erste absurde Auswirkungen: In einer Klinik in Bruchsal ist der Kreißsaal derzeit nur tagsüber geöffnet - es mangelt an Hebammen. Jana Friedrich vom Hebammenblog sieht uns bereits mittendrin in einer "Betreuungskatastrophe".

Ohne sie kommt kaum ein Kind in Deutschland zur Welt: Hebammen sind in Kliniken und in der freien Geburtshilfe ein enorm wichtiger Pfeiler. Doch dieser wackelt derzeit kräftig.

Von Juli 2015 an haben die freiberuflichen Hebammen ein großes finanzielles Problem: Dann steigen ihre Beiträge zur Berufshaftpflicht um 23 Prozent. Das sind 6.274 Euro im Jahr für jede Hebamme - Kosten, die die ohnehin nicht üppig verdienenden Frauen selbst tragen müssen. Und die immer mehr Hebammen dazu zwingen, ihren Beruf aufzugeben. Weil es sich einfach nicht mehr lohnt.

Im baden-württembergischen Bruchsal zeigt sich nun, wohin der Mangel an Hebammen führen kann. Die Fürst-Stirum-Klinik kann seit Mai den 24-Stunden-Betrieb im Kreißsaal nicht mehr aufrechterhalten. Frauen können ihre Kinder daher nur in der Zeit von 7 bis 17 Uhr zur Welt bringen. Absolute Notfälle ausgenommen.

Diese lustigen Kleinigkeiten brachten Schwangere zum Weinen

Wer nachmittags mit Wehen kommt, wird abgewiesen

"Kommt eine Schwangere tagsüber zu uns und wir stellen fest, dass es bis zur Geburt noch dauert, verweisen wir sie an eine andere Klinik. Die nächste ist 15 Kilometer von uns entfernt", erklärt Regionaldirektorin Susanne Jansen gegenüber Spiegel Online.

Tagsüber finden zurzeit fast nur noch Beratungen und Untersuchungen von Schwangeren statt, außerdem geplante Geburten, sprich Kaiserschnitte.

Diese Einschränkung fiel Leitern der Klinik nicht leicht. Doch da viele Beleg-Hebammen unerwartet ausgefallen sind und in der Kürze keine Vertretungen gefunden wurden, sah die Klinik keine andere Möglichkeit. "Die Sicherheit der Schwangeren hat für uns oberste Priorität", so Susanne Jansen.

Ab Juli sei der Engpass auch überwunden, dann gebe es wieder einen 24-Stunden-Betrieb. Vorerst.

Den Grund für den Hebammen-Mangel sieht Susanne Jansen vor allem im Kostendruck. "Viele Hebammen sind frustriert und geben ihren Job auf. Alle unsere Hebammen sind neben ihrer Arbeit bei uns auch freiberuflich tätig und deshalb von den hohen Versicherungskosten betroffen." Das Klinikum überlegt derzeit sogar, sich an den Kosten zu beteiligen, um Hebammen nach Bruchsal zu locken.

Eine Entspannung der Lage ist trotz vieler Proteste nicht in Sicht. Die Bundesregierung hat den Gesetzlichen Krankenkassen (GKV-SV) die Aufgabe übertragen, eine Lösung zu finden, indem sie sich an den Versicherungskosten beteiligen. Doch alle Verhandlungen mit dem Hebammen-Verband sind bislang gescheitert.

"Schamloser Preiskampf"

Der Hebammen-Verband stellt sich unter anderem deshalb quer, weil die Krankenkassen die Kostenübernahme bei außerklinischen Geburten (etwa Hausgeburten) stark einschränken wollen. Außerdem sollten die Zuschüsse nur für Hebammen gelten, die sehr wenige Geburten begleiten. Hebammen mit vielen Geburten würden demnach leer ausgehen.

Das sei nichts anderes als eine "Strafe für vieles Arbeiten", so Jana Friedrich vom Hebammenblog. Sie beobachtet die Verhandlungen seit Monaten und meint: "Es geht schlicht ums Geld und der GKV-SV nutzt den herrschenden Druck schamlos für den Preiskampf aus."

Jana Friedrich schreibt auf ihrem Blog auch wie Eltern die Hebammen durch Protest weiter unterstützen können.

"Mitten drin in der Betreuungskatastrophe"

Doch die Zeit werde nun gefährlich knapp, so die Hebamme. Versorgungslücken im ganzen Land seien kaum noch zu vermeiden. Schon jetzt bekomme sie täglich Mails von werdenden Müttern, die keine Hebamme für Vor- und Nachsorge mehr finden, weil alle ausgebucht seien.

"Die Betreuungskatastrophe kommt nicht erst noch. Wir sind schon mitten drin", schreibt sie in einem offenen Brief an die Gesetzlichen Krankenkassen und Gesundheitsminister Gröhe.

Darin fordert sie die Verantwortlichen auf, endlich zu handeln und den Hebammen entgegegenzukommen - solange es noch welche gebe.

"Viele meiner Kolleginnen haben ihren Beruf bereits aufgegeben", sagt Jana Friedrich. "Allerdings kenne ich keine, die nach der Umorientierung noch mal in den Hebammenberuf zurückgegangen wäre. Warum auch? Das ist unattraktiver denn je!"

Artikel aktualisiert am 18.6.2015, um 10:30 Uhr

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