Helikopter-Wahn an Schulen? Warum dieser Tweet einer Mutter so bewegt

Helikopter-Eltern

Dürfen Lehrer nicht mal mehr Pflaster aufkleben? Ein Eltern-Zettel, den eine Mutter auf Twitter geteilt hat, wurde tausendfach kommentiert. Es sagt viel aus über die aktuelle Stimmung zwischen Eltern und Lehrern.

Eigentlich fand Lia das Infoblatt einfach nur witzig. Eines ihrer drei Kinder geht in die vierte Klasse einer Grundschule bei . Demnächst fährt es auf eine Klassenreise, und vorher bekamen die Eltern einen Zettel mit vielen Infos ausgehändigt.

Und dann stand da dieser Satz, den die Eltern ankreuzen sollten:

"Ich bin / wir sind damit einverstanden, dass meinem / unserem Kind bei einer Schürfwunde ein Pflaster aufgeklebt wird."

Lia musste lachen, als sie das sah. "Das ist schon typisch deutsch, dass man sich für jede noch so kleine Eventualität absichern will", sagt sie im Gespräch mit BRIGITTE.de.

Lia, die anonym bleiben will, spürt darin aber auch eine Hilflosigkeit. Ein Heftpflaster aufkleben – darüber hätte man vor einigen Jahren kein Wort verloren. Doch sie vermutet, dass Erfahrungen und auch die vielen Berichte über kritische Eltern die Lehrer tief verunsichert haben. Niemand wolle Ärger riskieren – und sichere sich lieber doppelt ab.

"Armes Deutschland"

Lia beschloss, ein Foto von diesem Absatz auf Twitter zu teilen. Und stach in ein Wespennest: Tausendfach wurde ihr Tweet geteilt und kommentiert. Die heftige Diskussion, die sich teilweise entspann, hat Lia überrascht. "Es ist erstaunlich, was da zum Teil angetriggert wurde."

Und was ist der Tenor der Diskussion? Laut Lia könne man die Meinungen in zwei Parteien einteilen. Die "Früher war alles besser, und wir sind ja auch nicht an einer Heftpflaster-Allergie gestorben"-Partei. Diese rede in ihren Kommentaren auch gerne vom "armen ."

Auf der anderen Seite seien diejenigen, die sagen, dass es nun mal Kinder mit Allergien gebe und es darum gut sei, sich die Info einzuholen. "Und dazwischen die Lehrer, die sich verteidigen, weil sie sich ja nur an die Vorschriften halten wollen."

Helikopter-Eltern als rotes Tuch

Dass ein Heftpflaster die Gemüter so erzürnt, passt zur aktuellen Debatte um überfürsorgliche Eltern, meist "-Eltern" genannt. Mehr und mehr Lehrer und Erzieher melden sich zu Wort, die sich durch die Einmischung von Eltern massiv in ihrer Arbeit gestört fühlen. Sogar Prominente wie Jörg Pilawa rufen Eltern öffentlich dazu auf, "Lehrer doch endlich ihren Job machen" zu lassen.

Auch Lia fiel nach ihrem Tweet auf, dass sich der Ärger der User selten gegen die Lehrer richtete. "Es werden vor allem die Eltern kritisiert, die mit ihrem Verhalten solche absurden Dinge auslösen würden."

Das Interesse der Eltern schürt Konflikte

Lia hat als Mutter von drei Kindern und als Elternsprecherin viel Erfahrung mit dem Alltag an Schulen. Sie beobachtet, dass sich etwas verändert hat im Verhalten der Eltern. "Sie interessieren sich heute mehr für den Schulalltag und fragen auch mehr nach."

Grundsätzlich ja eine positive Entwicklung, nur manchmal gehe die Anteilnahme eben so weit, dass es zur Eskalation komme. Die halte Lehrer natürlich auf. Allerdings könnten ihrer Erfahrung nach viele Konflikte auch gut gelöst werden. "Ich finde schon, dass das ganze Thema Helikopter-Eltern gerade etwas hochgekocht wird."

Betroffene Lehrer selbst haben sich noch nicht geäußert

Während halb Deutschland übers Heftpflaster-Gate diskutiert, haben sich die Lehrer, die den Zettel erstellt haben, übrigens bislang nicht geäußert. Lia weiß nicht, ob sie den Tweet überhaupt gesehen haben. Und es wäre ihr auch ganz recht, falls es nicht so wäre. "Grundsätzlich würde ich bei so einer Kleinigkeit gar kein Fass aufmachen und irgendjemandem Vorwürfe machen." Da setze man als Mutter halt sein Kreuz und fertig.

Die Einverständniserklärung ist überzogen

Rechtlich ist es so, dass Erzieher und Lehrer natürlich Erste Hilfe leisten sollen und es sogar müssen, wenn es nötig ist. Dazu gehört auch die Erstversorgung einer Wunde mit Pflastern oder Verbände. Lehrer und Erzieher dürfen nur keine Medikamente geben oder andere medizinische Eingriffe vornehmen.

Wenn Allergien bestehen, zum Beispiel auf Pflasterkleber, sind laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) die Eltern verpflichtet, die Lehrer über eine solche Allergie aufklären.

In dem Fall aus Heidelberg wollte man offenbar auf Nummer Sicher gehen. Mit der schriftlichen Einverständniserklärung der Eltern wird vermieden, dass jemand vergisst, die Info über die Allergie weiterzugeben. Die DGUV hält so ein Vorgehen aber für überzogen und würde die Einverständniserklärung nicht generell empfehlen.

Was lernen wir aus dieser kleinen Episode?

Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern ist entzündlich geworden. Ein kleiner Funke und schon kommt es zur Explosion. Es wäre schön, wenn wir wieder mehr Vertrauen ineinander hätten und an einem Strang ziehen. Das nützt am Ende auch den Kindern.


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