Job und Familie: Was verträgt mein Kind?

Zehn Stunden Kita sind für Kinder sehr anstrengend. Und Eltern, auf die sie sich nicht verlassen können, weil der Arbeitgeber sie spontan anfordert, auch. Damit es allen in der Familie gut geht, ist aber auch die Gesellschaft gefragt. 

Reize wie im Großraumbüro

Liam und Marvin sind noch beim Essen, Paula bekommt eine trockene Hose. Ein paar Kinder putzen ihre Zähne, andere schauen sich in der Leseecke Bücher an, reihen Dino-Figuren zur Karawane oder stapeln im Werkraum Pappbecher aufeinander. Die Geschäftigkeit einer Hamburger Kita, knapp über 60 Kinder, 22 davon noch keine drei Jahre alt, geöffnet von sieben bis 17 Uhr. Und es gibt Kinder, die sind genauso lange da: zehn Stunden, jeden Tag. "Das ist mehr als wir Erwachsenen arbeiten", sagt Nicole Kursawe, Leiterin der Einrichtung und seit 24 Jahren Erzieherin. "Und für Kinder ist es hier ja sogar noch anstrengender als für uns. Es gibt so viele Reize, dass sie ständig angespannt sind, wie im Großraumbüro." Wenn die Pädagogin das Gefühl hat, dass es einem ihrer Schützlinge zu viel wird, spricht sie die Eltern darum darauf an. "Natürlich will ich niemandem ein schlechtes Gewissen machen", sagt sie und dann: "Oder vielleicht doch. Ich finde es schon hart, was den Kindern teilweise abverlangt wird."

Stabile Parameter - Was brauchen Kinder?

"Was ist gut fürs Kind – diese Frage kommt in nahezu allen relevanten Bereichen und auch in der Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu kurz", sagt Sabine Andresen, Professorin an der Uni Frankfurt mit dem Schwerpunkt Kindheits- und Familienforschung. Dies gelte aber nicht direkt für die Eltern: "Natürlich wünschen sich Mütter und Väter, dass es ihrem Kind immer möglichst gut geht. Aber die Rahmenbedingungen zwingen sie eben häufig dazu, die kindliche Perspektive ein Stück weit auszublenden."

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Aber wie genau sieht die eigentlich aus? Unsere Sicht auf das, was Kinder brauchen, ist ja meist ziemlich verstellt von Vorstellungen und Erwartungen, wie Kindheit, Muttersein und Familienleben angeblich bestenfalls sein sollen. Zum Glück gibt es Studien, die sich objektiv mit dem Thema beschäftigt haben. Etwa die mit fast 4000 Kindern im Einschulungsalter vom Uniklinikum Dresden. "Danach sind die, die früher in außerhäuslicher Betreuung sind, psychisch gesünder", sagt Professor Veit Rößler, Leiter der dortigen Kinder- und Jugendpsychiatrie: "Der freie Austausch mit Gleichaltrigen ist ein wesentlicher Entwicklungsfaktor – und der findet anders als früher, als es Großfamilien und die Straße als Spielplatz für alle gab, eben heute überwiegend in Institutionen wie Kita, Schule oder Hort statt."

Aber gibt es nicht doch ein Zuviel? "Wenn es in der Betreuung schlecht läuft, ist das Risiko von negativen Konsequenzen natürlich größer, je länger ein Kind da ist", so Veit Rößner. "Doch wenn es sich wohlfühlt, kann man nicht sagen, es wäre aber besser, wenn es schon nach vier statt nach acht Stunden abgeholt würde." Der Psychiater hat deswegen auch prinzipiell nichts gegen 24-Stunden-Kitas. Vorausgesetzt, sie verlangen Kindern nicht zu viel Flexibilität ab, etwa weil sie mal von morgens bis nachmittags, mal bis in den Abend und mal über Nacht betreut werden: "Je jünger Kinder sind, desto mehr sollten Eltern darauf achten, dass möglichst viele Parameter stabil und für das Kind versteh- und berechenbar sind."

Eltern dürfen ihren Kindern nicht fremdgehen

Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, gibt klarere Vorgaben – etwa möglichst keine Kita im ersten Lebensjahr –, und beide Fachleute sind sich einig: Wie viel Betreuung wer wann verträgt, unterscheidet sich von Kind zu Kind und auch phasenweise, wenn etwa Veränderungen wie ein Schulwechsel oder die Trennung der Eltern anstehen. Aber auch Fabienne Becker-Stoll sagt: "Das Problem ist nicht, dass beide Eltern viel arbeiten, sondern wenn das Kind sich nicht auf sie verlassen kann." Also wenn der Vater verspricht, er ist am Geburtstag der Tochter da, und dann doch auf Dienstreise fährt. Oder die Mutter die Aufführung ihres Sohnes in der Schule verpasst, weil das Meeting mal wieder spontan länger dauert. "Dieser Vertrauensbruch tut der Kinderseele richtig weh. Vielleicht kann man sich das bei uns Erwachsenen ähnlich vorstellen wie Fremdgehen."

Fabienne Becker-Stoll rät zu gemeinsamer Zeit im Alltag, die Eltern und Kinder ohne Leistungsdruck genießen, etwa indem man nachmittags nicht noch zur Musikschule hetzt, sondern zu Hause für eine halbe Stunde das Kind bestimmen lässt, was Vater oder Mutter machen, vor dem Schlafen kuschelt oder mit älteren Kindern zusammen kocht: "Wenn man diese Glücksinseln verlässlich schaffen kann, kommen Kinder auch mit dem Job nicht zu kurz." Und die Psychologin fügt hinzu: "Es gibt so viele Wege, Beruf und Familie gut miteinander zu vereinbaren. Wir sollten endlich wegkommen von dem, was wir Deutschen gern machen, nämlich die "Alles oder nichts"-Frage stellen."

Damit wären wir bei einem weiteren Hindernis auf dem Weg zu einem guten Lebens- und Arbeitsmodell: unserem schlechten Gewissen. Entwicklungspsychologin Becker-Stoll hat auch einen französischen Pass und weiß: "Die Frage, was die Berufstätigkeit der Eltern mit den Kindern macht, stellt sich in Frankreich niemand. Bei uns dagegen wird die volle Verantwortung dafür, dass aus einem Kind etwas wird, bei den Eltern gesehen bzw. genauer gesagt bei der Mutter. Und die kann es eigentlich nur falsch machen." Der Druck, sich rechtfertigen zu müssen, wird so zum ständigen Begleiter – und das nicht nur bei Müttern in Vollzeit. "Es ist wichtig, dass wir uns endlich von dieser tradierten, völlig problematischen Vorstellung von Mütterlichkeit lösen und respektieren, wie auch immer Eltern sich in Sachen Berufstätigkeit entscheiden", sagt Andresen. "Und wir müssen endlich aufhören, so zu tun, als wäre Vereinbarkeit eine Privatangelegenheit." Du findest keine Kita (oder keine gute)? Du hast Arbeitszeiten außerhalb von nine to five? Du hast Kinder, die besondere Aufmerksamkeit erfordern? Pech gehabt. Dann muss die Mutter halt jobmäßig kürzertreten oder gleich ganz zu Hause bleiben. War früher (zumindest in Westdeutschland) schließlich meist nicht anders.

Individuelle Lösungen finden

"Dass Emanzipation und die Beteiligung von Frauen ausgespielt wird gegen die gute Versorgung von Kindern und Jugendlichen, finde ich problematisch", sagt Sabine Andresen. In Skandinavien dagegen werde Vereinbarkeit eher aus einer geschlechtergerechten Perspektive gesehen, sodass beide Eltern Fürsorgearbeit übernehmen und sich im Beruf verwirklichen können. "Ich wünsche mir auch für unser Land, dass wir ausgehend vom Ideal der Geschlechter- auch zu einer Generationengerechtigkeit kommen", so die Familienforscherin. "Wir brauchen endlich ein starkes politisches Signal: Die Fragen, was Familien brauchen, damit Eltern berufstätig sein und sich weiterentwickeln können, was Kinder brauchen und was die Paarbeziehung, sind keine individuellen, sondern gesellschaftliche Aufgaben." Bis dahin bleiben Eltern weiterhin gefragt, eigene Lösungen zu finden – und zu ihnen zu stehen. Eine Herausforderung, die die Mehrheit offensichtlich recht gut meistert: Laut Studien sind die meisten Kinder nämlich sehr zufrieden mit ihren Eltern.

Wenn Nicole Kursawe Mütter und Väter auf die Erschöpfung ihres Kindes anspricht, sind die nach dem ersten Schreck oft dankbar. Und überlegen dann, was sich ändern lässt: mal kein Nachmittagsprogramm, später bringen oder früher abholen – auch wenn es nur einmal in der Woche ist – oder einfach mit Mutter oder Vater einen Tag freimachen. "Oft reichen kleine Veränderungen, damit es dem Kind besser geht, denn so merkt es, dass es gesehen wird", sagt die Pädagogin. Um dieses Signal geht es schließlich: Ja, ich arbeite und mein Job ist mir wichtig – aber du bist mir wichtiger.

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BRIGITTE 06/2020

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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