Kaiserschnitt: Perfekte Wunschgeburt?

Fast jedes dritte Kind kommt per Kaiserschnitt zur Welt - angeblich auf Wunsch der Schwangeren.

Meine Freundin kommt aus Hongkong. In Hongkong bekommen fast alle Frauen ihre Kinder per Kaiserschnitt, sagt sie. Denn viele Eltern erachten Geburts-Tag und auch -uhrzeit als viel zu wichtig für den Lebensweg ihres Kindes, als sie dem Zufall zu überlassen. Wunschkaiserschnitte scheinen weltweit im Trend zu liegen: Angelina Jolie, Claudia Schiffer und Madonna tun es, und auch in Deutschland kommen inzwischen 28 Prozent der Kinder direkt durch die geöffnete mütterliche Bauchdecke zur Welt. Doch stimmt das inzwischen verbreitete Vorurteil, immer mehr Frauen seien "too posh to push", also zu fein zu pressen?

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Die Gmünder Ersatzkasse (GEK) hat 2006 eine große Studie zum Thema Kaiserschnitt veröffentlicht: Dabei kam heraus, dass nur zwei Prozent von 1400 befragten Frauen sich die Geburt im Operationssaal tatsächlich gewünscht hatten. Das steigende Alter der Mütter ist ein Grund dafür, dass die Zahl der Kaiserschnitte in Deutschland inzwischen weit über den von der WHO geforderten 10 bis 15 Prozent liegt.

Außerdem zeigte die GEK-Studie, dass das Wort "Wunschkaiserschnitt" in den meisten Fällen eher Wünsche unseres Gesundheitssystem ausdrückt. Aus rein ökonomischen Gründen ist ein Kaiserschnitt für ein Krankenhaus nämlich durchaus wünschenswert: Die Krankenkassen zahlen dafür deutlich mehr als für eine natürliche Geburt. Der Eingriff ist außerdem zeitlich und personell besser planbar und für die Klinik preiswerter als stunden- oder tagelange Wehen, wohlmöglich auch noch am Wochenende. Viele Mediziner fürchten außerdem juristische Klagen, die manche natürliche Geburt, aber kaum ein Kaiserschnitt nach sich zieht.

Doch rechtfertigen diese Vorteile es, Mutter und Kind, die sich auch auf natürlichem Weg unbeschadet voneinander getrennt hätten, den Risiken einer großen Bauchoperation auszusetzen? Zwar sind ernste Komplikationen sehr selten, aber sie kommen dennoch häufiger vor als bei einer natürlichen Geburt: Sowohl für die Mutter als auch das Kind steigt die Wahrscheinlichkeit, die Geburt nicht zu überleben, um das Drei- beziehungsweise Zweifache (und dabei sind Risikoschwangerschaften nicht mit eingerechnet). Außerdem erleiden Mütter, die per Kaiserschnitt entbunden haben, in einer weiteren Schwangerschaft doppelt so häufig eine Totgeburt.

Ein weiteres, neues Studienergebnis zeigt, dass die geplanten Geburtstermine für die Neugeborenen oft zu früh kommen. Eine dänische Untersuchung stellte kürzlich fest, dass ein Kaiserschnitt in der 37. oder 38. Woche - wie er häufig angesetzt wird, um der Natur zuvorzukommen - das Risiko für Probleme mit der Atmung erhöht, nicht aber ein Kaiserschnitt zum errechneten Geburtstermin.

Umso unsinniger erscheint eine der so genannten medizinischen Indikationen, die gegenüber den Krankenkassen für einen Kaiserschnitt häufig geltend gemacht wird: Sie lautet "Angst vor Geburtsschmerzen". Denn diese Angst hat jede Frau, die ein Kind erwartet: Eine Geburt ist ein unvorstellbares und darum beängstigendes Ereignis. Diese Ängste ernst zu nehmen und das Selbstvertrauen der Frau zu stärken: Dazu sollten Frauenärzte und -ärztinnen während der Schwangerschaft genauso beitragen wie Geburtsvorbereitungskurse oder Hebammen-Sprechstunden.

Vor allem aber ist es wichtig, werdende Mütter darüber aufzuklären, dass ein Kaiserschnitt zwar eine schmerzfreie Geburt garantiert. Dass die Schmerzen des Eingriffs aber hinterher kommen und viele Frauen in ihrer Heftigkeit und Dauer überraschen. Denn die GEK-Studie zeigte auch, dass sich viele Frauen zwar über den Ablauf der Schnittgeburt sehr gut informiert fühlten - nicht aber über deren Folgen.

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Text: Antje Kunstmann Foto: Klaus Knuffmann Illustration: Tim Möller-Kaya

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Antje Kunstmann
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