Kind terrorisiert: "Für andere ist meine Tochter ein Terrorzwerg"

Das Kind von Autorin Nora Imlau hat von allen Gefühlen zu viel: Es ist extrem wütend, sensibel und wild - und stellt sie damit täglich auf die Probe.

"Sind die Eltern entspannt, ist es auch das Kind" 

Als ich zum ersten Mal Mutter wurde, glaubte ich diese Lüge nur zu gern. Denn meine Tochter war ein zufriedenes Baby. Ja, sie schläft schon durch, bestätige ich stolz der Kinderärztin. Und nein, sie weint so gut wie nie. Ihr anerkennendes Nicken nahm ich als Kompliment: Alles richtig gemacht!

Unser Erziehungskonzept war dabei denkbar einfach: Wir waren nett zu unserem Kind. Und unser Kind war im Gegenzug nett zu uns. Kein Wunder, fanden wir: Beispiel und Liebe und so.

Dann kam unsere zweite Tochter zur Welt. Ein Wirbelwind von der ersten Sekunde an, und zwar ein ausgesprochen anspruchsvoller. Sie wollte unbedingt getragen werden - aber auf keinen Fall im Tuch. Sie wollte viel und gern an der Brust trinken - aber wehe, es herrschte dabei keine Ruhe. Zu schlafen hielt sie für völlig überbewertet, dafür stand schrilles Schreien hoch im Kurs - vor Freude und Aufregung ebenso wie vor Ärger und Zorn.

Von Anfang an schien sie von allen Emotionen nur die Extremvariante zu kennen: höchste Freude, tiefste Trauer, wilde Wut.

Statt Komplimenten bekamen wir plötzlich Durchhalteparolen zu hören: Wird sicher bald besser; kann ja nicht so bleiben; irgendwann wird es leichter.

Eine so gefühlsstarke Tochter zu haben, ist nicht immer leicht

Wurde es nicht. Nur anders anstrengend. Noch heute, einige Jahre später, wird unsere Tochter regelrecht übermannt von ihren großen, unbändigen, widersprüchlichen Gefühlen. Sie weint dicke Tränen, wenn die Cornflakes-Packung auf der falschen Seite des Frühstückstisches steht, und tobt stundenlang, wenn sie ihre zu klein gewordenen Schuhe nicht mehr anziehen soll.

Sie umarmt ihre Freundinnen so stürmisch, dass sie umfallen, und ist darüber so bestürzt, dass sie danach den ganzen Tag nichts mehr essen kann. Sie kann ohrenbetäubend laut sein und fast unheimlich still. Draufgängerisch und sensibel. Sie klettert und rennt mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze, voller Kraft und scheinbar niemals endender Energie. Um im nächsten Moment in sich zusammenzusacken vor Erschöpfung und Verzweiflung über das Leid dieser Welt, das ungefiltert zu ihr durchdringt. Sie kämpft so viel, mit sich und uns und der Welt. Und liebt gleichzeitig mit einer Heftigkeit, die ihresgleichen sucht.

Sämtliche Erziehungsratgeber-Tipps versagen bei ihr kläglich - so stark und stolz und störrisch ist sie, und so klug im selben Moment.

Ich pappe meiner Tochter keine fiesen Labels wie "Terror-Zwerg" auf die Stirn 

Gefühlsstark - so nenne ich heute Kinder wie meine Tochter, die alle Emotionen intensiv empfinden und ausleben. Es ist mein positiver Gegenbegriff zu all den fiesen Labeln, die Kindern wie ihr so oft an die Stirn gepappt werden: anstrengend, schwierig, ungezogen. Terror-Zwerg, Mini-Zicke, kleiner Tyrann.

Ich versuche, die Vorteile zu sehen: ihre Empathie und ihre Tiefgründigkeit, die ja eine große Gabe sind. Und mich gegen all die gut gemeinten Tipps von außen zu wehren: Vielleicht isst sie zu viel Zucker? Oder schaut zu viel fern? Habt ihr sie schon auf ADHS getestet? Alles okay, sage ich dann und versuche ruhig zu bleiben.

Sie ist genauso gut, wie sie ist. Und natürlich waren wir beim Kinderarzt - er hat Entwarnung gegeben. Dass in einem reichen Gefühlsleben ein großes Potenzial steckt, ist im Alltag allerdings oft schwer zu sehen, wenn jeder zweite Supermarktbesuch mit Zorngebrüll einerseits und missbilligenden Blicken andererseits endet, und die eigene Tochter mit ihrer Energie, ihrem Elan und ihren Emotionen jedes Sommerfest in der Grundschule und jeden Musikkurs sprengt.

Für mich ist ein gefühlsstarkes Kind ein bisschen wie eine Therapie, in der ich gelandet bin, ohne mich angemeldet zu haben.

Ich muss mich meinen eigenen Dämonen stellen
 - Selbstzweifeln, Scham, Schuldgefühlen. Das war und ist immer wieder unangenehm, hat mich aber nach vorn gebracht. Denn sonst hätte ich vielleicht nie erkannt, wie gnadenlos ich mich mit meinem ewigen Perfektionismus selbst unter Druck setze
 - und wie gut es sich anfühlt, mich davon zu befreien und meinen eigenen Wert nicht länger daran festzumachen, wie wohlerzogen und vermeintlich normal meine Kinder sind.

Buchtipp: Mehr Infos zum Thema gibt’s in Nora Imlaus Buch "So viel Freude, so viel Wut" (320 S., 20 Euro, Kösel Verlag) oder auf ihrer Website www.gefuehlsstarke-kinder.de

5 Fragen an dein Kind, die besser sind als "Wie war dein Tag"?

BRIGITTE 23/2018

Unsere Empfehlungen

Noch kein Fan?Folge uns jetzt auch
auf Facebook
Fan werden
Brigitte-MOM-Newsletter

MOM-Newsletter

Mit unserem Newsletter erfährst du alles über die neuesten Online-Beiträge und verpasst keine MOM-Ausgabe!

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Kind schreit
"Für andere ist meine Tochter ein Terrorzwerg"

Das Kind von Autorin Nora Imlau hat von allen Gefühlen zu viel: Es ist extrem wütend, sensibel und wild - und stellt sie damit täglich auf die Probe.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden