Markenwahn ist doof

BRIGITTE-MOM-Autor Till Raether ist genervt vom Markenwahn mancher Eltern. Für ihn gibt es nur eine Antwort auf die Frage, was Kinder anziehen sollen: "Das Gleiche wie gestern!"

Im Allgemeinen gilt es als sinnvoll, Kinder zu bekleiden, allein schon witterungsbedingt (Tiefdruckgebiet "Gisela" usw.), aber auch entwicklungspsychologisch gesehen (Schamgefühl etc.). Hier allerdings endet der gesellschaftliche Konsens. Die Frage "Ja, anziehen, aber wie und was?" führt einen direkt an die Sollbruchstelle elterlichen Stil-, Hygiene- und Temperaturempfindens. Um es vorsichtig auszudrücken und das Wort "Ersatzreligion" zu vermeiden:

Für manche Eltern ist die Kleidung der Kinder Ausdruck eines ganz besonderen Gestaltungswillens, ja, ihre Kinder sehen aus, als würden diese Eltern sich in der Kleidung ihrer Kinder selbst verwirklichen. Wobei für mich die Probleme schon beim Wort "Kleidung" beginnen: Der korrekte Ausdruck dafür, was Kinder anhaben, ist "Klamotten", oft auch vage "euer Zeug da auf dem Boden", höchstens aber "Anziehsachen". Auf die Kinderfrage "Was sollen wir anziehen?" können manche Eltern detaillierte Anweisungen geben und detaillierte Vorschläge machen, in deren Verlauf französische Markennamen, Fachbegriffe für Kragenformen und differenzierte Materialangaben vorkommen. Ich hingegen rufe in Richtung Kinderzimmer: "Das Gleiche wie gestern!"

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"Im Prinzip lohnt Kinderklamotten-Waschen erst, wenn selbst die Kinder sagen, dass sie ihnen zu schmutzig sind."

Meine Theorie: Im Prinzip lohnt Kinderklamottenwaschen erst, wenn selbst die Kinder sagen, dass sie ihnen zu schmutzig sind. Zweitens hat "Das Gleiche wie gestern!" einen unmittelbaren pädagogischen Effekt, weil die Kinder die Anziehsachen, die sie gestern Abend beim Ausziehen in der ganzen Wohnung verteilt haben, selbst wieder zusammensuchen und aufsammeln müssen, statt sich aus dem von ihrer Mutter oder mir eingeräumten Kleiderschrank zu bedienen. Drittens amüsiert es mich, welche Klamotten Kinder zu ihrem Lieblingskleidungsstück erklären, wenn man sie anziehen lässt, was sie wollen und wie oft sie wollen: im aktuellen Fall ein mindestens eine Nummer zu kleines Hello-Kitty-Shirt mit einem zerrissenen Ärmel (Wieso nur einem? "Papa, das ist mein Kampfarm!") und ein mindestens vier Nummern zu großes altes Promo-Shirt der Hip-Hop-Band Fettes Brot, mit dem passenden Aufdruck "Zieh dir bitte etwas an".

Nie hätten diese Kleidungsstücke mich erheitert, wenn ich die Klamotten rauslegen würde, denn ich hätte sie hinten im Schrank gelassen zum Fahrradputzen. Ich gebe zu, dass Kinder, die von ihren Müttern in hochwertiger Markenkleidung farblich auf die Geschwister abgestimmt gekleidet werden, objektiv betrachtet, oft besser aussehen als unsere. Insbesondere die Mutter der Kinder seufzt manchmal sehnsüchtig, wenn sie die adrett und gepflegt gekleideten Kinder kleidungsaffinerer Eltern auf Geburtstagen oder Schulfesten sieht. "Warum sehen die anderen Kinder aus, als hätten Ralph Lauren und Laura Ashley sie eingeladen, Ferien in einem kreativen Mathecamp auf Saltkrokan mit superbeliebtem Salatbuffet zu machen, und unsere, als hätten sie abgelehnte Schlafanzugentwürfe eines augenkranken Irren an, auf denen eine fressende Hündin Welpen geworfen hat?"

Ich finde das polemisch und kann dazu nur sagen: "Wieso kommst du damit jetzt, so sahen sie doch gestern auch schon aus." Natürlich bin ich mir dessen bewusst, dass ich keinen Deut besser bin als die Eltern, deren Hobby oder Nebentätigkeit es ist, beim Petit-Bateau-Schlussverkauf das perfekte Styling ihrer Kinder abzurunden: Genau wie sie drücke ich in den Klamotten meiner Kinder meine Lebensphilosophie aus. Mit dem Unterschied, dass meine Lebensphilosophie auf der Sehnsucht nach Gelassenheit und wenig Aufwand basiert, nicht auf dem Wunsch, gut angezogen zu sein und die Kontrolle zu behalten. Außerdem sehe ich zwei unangenehme Konsequenzen, die durch das Überstylen von Kindern verursacht werden.

ist freier Journalist, weil er in seinem Büro jeden Tag das Gleiche anziehen kann. Mehr von ihm auf www.tillraether.de und auf Facebook.

Die erste ist der Markenwahn, den dann spätestens auf der weiterführenden Schule alle Eltern beklagen, bis hin zum Schrei nach Schuluniformen. Echt, ihr wundert euch darüber, dass eure Kinder einander dissen, wenn die Marke nicht stimmt, nachdem ihr sie jahrelang selbst ausstaffiert und ihnen damit erst die Idee eingepflanzt habt, dass Styling eine größere Rolle spielt als Bequemlichkeit, Zweckmäßigkeit und Durchwurschteln? Die zweite Konsequenz ist die Fundkiste vor der Aula oder in der Klasse oder in der Turnhalle, im Kindergarten oder in der Stadtbücherei: Die ganze Welt ist voll von Fundkisten, in denen durchaus auch hochpreisige und an und für sich wunderschöne Kleidungsstücke vor sich hingammeln, und am Jahresende bleibt mehr, als die jeweilige Institution spenden könnte. Immer, wenn ich darin rumwühle, auf der Suche nach einem halb zerfetzten Lieblingsshirt, stelle ich mir vor, wie all diese Pullis, Strickjacken, Westen und Riemchenschuhe eines Morgens mal von den Eltern zusammengestellt und rausgelegt wurden, und wie egal es offenbar ist, dass sie jetzt weg sind. Denn morgen wird ja wieder was Neues, nicht weniger Perfektes rausgelegt.

Text: Till Raether Ein Artikel aus BRIGITTE MOM 3/2014
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