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Ungerechtes Bildungssystem Kinder brauchen jemanden, der ihnen sagt: "Du schaffst das!"

Ungerechtes Bildungssystem: Ein Klassenzimmer mit jungen Schülern und einer Lehrerin
© Syda Productions / Adobe Stock
Weil ihr Stiefvater an sie glaubte, gelang es Lisa Graf, Lehrerin zu werden. In ihrem Job sieht sie immer wieder, wie sehr Herkunft und soziale Schicht nach wie vor die Chancen von Kindern beeinflussen. Dabei wäre es gar nicht so schwierig, das zu ändern.

Lisa Graf, 32, hat zuletzt an einer Haupt- und Realschule in Süddeutschland unterrichtet. Über ihre Erfahrungen als Lehrerin bloggte sie auf meine-klasse.com. In "Abgehängt. Von Schule, Klassen und anderen Ungerechtigkeiten" (224 S., 16 Euro, Heyne) fordert sie ein anderes Schulsystem.

BRIGITTE: Frau Graf, mit 15 wollten Sie von der Realschule abgehen. Wie kam das?

Lisa Graf: Bei meiner Einschulung war ich aufgeweckt und neugierig, doch kurz darauf starb mein Vater an Lungenkrebs. Meine Mutter, eine Krankenschwester, war plötzlich allein mit drei Kindern und stark mit ihrer Trauerbewältigung beschäftigt. Eine erwachsene Vertrauensperson, mit der ich in der Schule über die Probleme zu Hause hätte reden können, gab es nicht. Ich fühlte mich in der Schule zunehmend unwohl, störte den Unterricht, die Zeugnisse wurden schlechter. Immer wieder wurde mir auch gespiegelt, ich sei nicht zum Lernen gemacht. Auf der Realschule wollte ich dann nur noch weg.

Wieso sind Sie trotzdem geblieben?

Es gab auf dieser Schule einen sehr engagierten Lehrer, der die Theater-AG leitete, ich machte dort begeistert mit. Zu erleben, wie diszipliniert ich sein kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, hat mir viel Selbstvertrauen gegeben. Später, nach der Realschule, gab es meinen Stiefvater. Der war sehr geduldig und traute mir zu, dass ich das Zeug zum Abitur habe. Immer wieder sagte er: Du schaffst das!

Sie wurden dann selbst Lehrerin. Weil Sie es besser machen wollten als viele Ihrer eigenen Lehrer:innen?

Lehramt habe ich studiert, weil das einer der wenigen Studiengänge war, unter dem ich mir etwas vorstellen konnte. Das ist typisch für junge Menschen, die nicht aus Akademikerfamilien kommen. Die Universitätswelt ist einem fremd, also sucht man etwas Vertrautes.

Ihr Referendariat machten Sie an einem Gymnasium, wechselten dann aber an eine Haupt- und Realschule in einem Viertel, in dem viele Jugendliche unter eher schwierigen Bedingungen aufwachsen. Warum?

Ich wollte Erfahrungen an anderen Schulformen machen. Als Vertretungslehrerin an dieser sogenannten "Brennpunktschule" fühlte ich mich dann sofort wohl.

Weshalb?

Vordergründig ist es natürlich schwerer, an so einer Schule zu unterrichten, es ist oft laut, chaotisch, anstrengend. Aber man hat hier mit Kindern zu tun, die sehr dankbar sind, wenn man sich ihrer annimmt, und das als bereichernde Erfahrung erleben, gerade weil sie von zu Hause nicht alles bekommen. Das kann ich gut nachempfinden – ich habe es ja selbst erlebt: Wie ungerecht unser Bildungssystem ist, weil es so von der häuslichen Situation und den sozioökonomischen Möglichkeiten abhängt, welche Chancen man hat. Da hat sich in 20 Jahren wenig geändert.

Woran liegt das?

Die Schule ist derzeit nicht so aufgestellt, Kinder individuell fördern und unterstützen zu können. Eine Klassenlehrerin, die allein vor 25 Leuten steht, kann nicht auf Einzelne eingehen, sondern ist froh, wenn sie ihren Stoff durchbekommt. So sind die Kinder darauf angewiesen, dass die Eltern ihnen im Schulalltag helfen.

Stichwort Hausaufgaben …

Längst nicht nur. Es fängt schon bei Kleinigkeiten an. Dass man zum Beispiel die richtigen Hefte und Bücher besorgt, alle Termine auf dem Schirm hat. Dazu kommt die Freizeitgestaltung: Wer kein Instrument lernt, nicht im Sport- oder in einem anderen Verein ist, kann auch nicht die Erfahrung machen, dass man über sich hinauswachsen kann. Die fehlt denn auch vielen Kindern aus weniger privilegierten Familien. Weil sie oft keine Eltern haben, die sie dazu ermutigen, sie hinfahren, abholen, alles bezahlen.

Was würde helfen?

Die Schule müsste sich vergrößern und erweitern. Und mehr Personal bereitstellen. Nicht nur Lehrer:innen – auch Sozialarbeiter, Psychologinnen, Krankenschwestern, die sich um die sozialen Belange kümmern und untereinander austauschen. So könnten Kinder umfassend begleitet und aufgefangen werden.

In Ihrem Buch "Abgehängt"* nennen Sie Finnland als Vorbild.

Weil dort so viel Individualförderung möglich ist, dass alle Kinder bis zur neunten Klasse auf einer Schulform bleiben können, statt schon mit zehn auf Gymnasium oder Haupt- und Realschule, also in "gut" und "schlecht" aufgeteilt zu werden. Die frühe Trennung trägt ja mit dazu bei, dass viele abgehängt werden. Auch die Nachmittagsbetreuung müsste sich ändern: Kinder sollten dort kulturelle Teilhabe erfahren. Sportvereine, Musikschulen – all das sollte in die Schule integriert werden. So würden auch Kinder davon profitieren, deren Eltern sich nicht um Anmeldung oder Ausstattung kümmern können.

Das klingt gut, aber es gibt nicht mal genügend Lehrer:innen. Wo sollen Tausende weitere Fachkräfte herkommen, wer soll sie bezahlen?

Die Finanzierung ist eine Frage der Prioritätensetzung: Wir alle wissen, welche Summen mobil gemacht werden können, wenn die Zuständigen in der Politik die Dringlichkeit erkennen. Die Personalfrage lässt sich nur langfristig planen. Gezieltere Berufsberatung an Schulen wäre hier wichtig. Dafür müsste im Lehrplan mehr Platz sein, damit Jugendliche überhaupt die Chance haben, ihre Potenziale und Neigungen zu erkennen, sich auszuprobieren und vielleicht zu verstehen: Lehrerin könnte auch ein Beruf für mich sein!

Gerade privilegiertere Familien haben gegen das längere gemeinsame Lernen oft Vorbehalte, fürchten etwa, das Leistungsniveau könnte sinken.

Oft ist genau das Gegenteil der Fall: Gerade Familien, in denen beide Eltern arbeiten und viel in ihre Jobs investieren, profitieren zum Beispiel von einer qualitativ hochwertigen Nachmittagsbetreuung. Dann wird die Talentförderung und Freizeitgestaltung der Kinder nämlich nicht mehr zum familiären Kraftakt, sondern kann mit guten Gewissen in die Verantwortung der Schule gelegt werden.

Brigitte

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