"Guck nicht so viel fern, sonst kriegst du quadratische Augen!"

Was ist dran an dieser Eltern-Weisheit? Nicht viel, findet Autorin Julia Heilmann. Auf den zweiten Blick sind Kinder und Fernsehen nicht so schädlich füreinander, wie uns immer eingeredet wird.

Zusammen mit Thomas Lindemann hat Autorin Julia Heilmann das Buch "Alle Eltern können schlafen lernen" (Atlantik, 16,99 Euro) geschrieben - ein Plädoyer für das nicht perfekte Familienleben.

Am Wochenende haben wir mal was ganz Mutiges ausprobiert: Wir haben den Kindern einen ganzen Tag lang Fernsehen erlaubt. Unsere Jungs Leo und Quinn liegen uns praktisch andauernd in den Ohren wegen der Kiste. Normalerweise sagen wir nein! oder treten mit ihnen in harte Verhandlungen über Inhalt und Umfang der gewünschten Sendung. Einmal, nach einem der üblichen Wortgefechte (Leo: "Die kleine Lok!", Quinn: "Nein, der kleine Maulwurf!", ich: "Wenn ihr euch nicht einigt, gibt’s gar nix!"), sagte Quinn: "Siehst du, Mama, jetzt haben wir die ganze Zeit gezankt. Da hätten wir ja schon längst beide Filme gucken können!"

Letzten Sonntag haben wir uns also gedacht, mal gucken, was passiert wohl, wenn wir spaßeshalber nichts verbieten. Wir waren gespannt, wie lange die Kleinen eigentlich durchhalten, wenn man ihrem Fernsehkonsum völlig freien Lauf lässt. Also haben wir um 11 Uhr vormittags "Michel aus Lönneberga" eingelegt und die Glotze abends um 18 Uhr nach dem "Grüffelo" ausgeschaltet. Der Befund: nicht auffällig. Quinn ist zwischen "Der kleine Tiger und der Bär suchen einen Schatz" und "Lauras Stern, Teil zwei", aufgestanden und hat im Zimmer gespielt, Leo ist bis auf kurze Essenspausen und Klogänge sitzen geblieben.

Mein Mann Thomas hatte endlich mal Zeit, die neuen Regalbretter in der Küche zu montieren, und ich habe mich der Schreibtischablage gewidmet. Abends haben wir uns wie gewohnt alle am Abendbrottisch versammelt, und danach sind die Kinder ohne Geschrei ins Bett gegangen.

Daraus kann man jetzt natürlich eine Menge Schlüsse ziehen oder auch gar keine. Die Sache ist eine einmalige Aktion geblieben. Die Kinder gucken fern, aber nicht täglich, und oft haben sie Schwierigkeiten, die Glotze am Ende wieder auszuschalten. Aber das betrifft ebenso das Spielen, Lesen oder Kassette hören. Dennoch ist das Thema Fernsehen unter Eltern ein besonders heißes Eisen. "Lieber nicht" ist die Devise vieler Eltern. Ich kenne eine Menge Leute, die uns angesichts unseres Legalisierungsprojektes eine düstere Zukunft bescheinigten: Sie prophezeiten, die Kinder würden nun ja sicherlich jeden Sonntag zum Fernsehtag ernennen wollen. Das war nicht der Fall.

Bayern liegt im Libanon

Es wird ziemlich viel über das Fernsehen geredet. Über feste Fernsehzeiten und die Frage, welche Sendungen wirklich pädagogisch wertvoll sind. Die Idee, Lehrsendungen speziell für Kinder zu machen, kam Ende der Sechziger auf, als die "Sesamstraße" an den Start ging. Mein Bruder erinnert sich, dass er im Kindergarten einmal mit seiner Gruppe in einen Fernsehraum geführt wurde, um sich eine Folge dieser neuen Serie aus den USA anzusehen. Das Ganze wurde hinterher besprochen und ausgewertet. Es gibt skeptische wissenschaftliche Artikel von damals, die irgendwelche Gefahren sahen. Lächerlich. Aus der Zeit stammt auch die Idee zur "Sendung mit der Maus", die heute noch viele, sogar erwachsene Zuschauer hat.

Dass die eine Haltung genauso kurzsichtig wie die andere ist, liegt auf der Hand.

Dass sich meine Eltern viele Gedanken über das Fernsehprogramm gemacht haben, bezweifle ich. Ich habe regelmäßig die Nachrichten mitgeguckt. Dementsprechend war ich recht früh über die politische Weltlage im Bilde und konnte als Winzling auf der Fahrt in den Bayern-Urlaub aus dem Kindersitz herausrufen: "Hier sieht’s ja aus wie im Libanon!" Ich meinte die öde, vom Baumsterben geprägte Landschaft rechts und links deutscher Autobahnen.

Im öffentlichen Diskurs blieb das Fernsehen ein Problemthema. Seit Computer und ähnliches interaktives Flimmerzeug unser Alltagsleben überrollt haben, sind Pädagogen erst recht alarmiert. Zuerst sprachen sie von "Medienkompetenz" und wollten Kindern den richtigen Umgang mit digitalen Medien beibringen. Dann schoben einige alles Schlechte in der Gesellschaft, etwa Gewalt, Arbeitslosigkeit und Werteverfall einfach Fernseher, Playstation und iPad zu. Deren Schlagwort ist "Medienverwahrlosung". Dass die eine Haltung genauso kurzsichtig wie die andere ist, liegt auf der Hand.

Wir gucken in die Röhre

Thomas und ich haben auch schon mal überlegt, die Glotze rauszuschmeißen. Wir sind keine Fernsehnarren. Wir besitzen keinen 52-Zoll-Plasma-Bildschirm, nach dem sich die ganze Sofalandschaft ausrichtet, kein Dolby-Surround-System, das einem die Ohren weghaut. Mit dem Fernsehen habe ich eigentlich gar kein Problem. Die Herrin der Fernbedienung bin immer noch ich, und über Auswahl und Länge der gezeigten Filme kann in unserem Hause diskutiert werden.

Aber es gibt Bilder, die sich unserem elterlichen Einluss entziehen und mit denen ich weniger kreativ umgehen kann als mit dem Fernsehen: zum Beispiel die omnipräsente Werbung für martialische Computerspiele im öffentlichen Raum. Wie soll ich meinen Kindern die aufgeblasenen Muskeltypen mit Maschinengewehren erklären? Oder die Anzeige für den neuesten Psychothriller mit dem erbaulichen Satz: "Ein postapokalyptisches Schlachtfest"? Ein Plakat, das über Erektionsstörungen aufklärt, zeigt zwei comichafte Figuren. Die mit den Brüsten zieht die überdimensionierte Unterhose des Mannes nach vorne und guckt tief hinein. Darunter steht: "Jeder Fünfte ist betrofen." "Hä?", fragt Leo, der schon ganz gut lesen kann. Thomas sagt dann: "Äh, jeder fünfte Mensch hat einen viel zu großen Schlüppi an."

Diese Situation konnten wir humorvoll lösen. Das klappt nicht immer.

Empört euch!

In einem großen Medienkaufhaus, in das Thomas Leo mitgenommen hat, um einen neuen Wasserkocher zu kaufen, bleibt unser Sohn vor einem der Bildschirme stehen, die in Reihe die Wand pflastern. Dort läuft gerade die Vorschau für einen brutalen Actionstreifen. Leo ist total verängstigt und träumt noch Tage später davon. Er ärgere sich richtig, dass er die Bilder gesehen hat, sagt er und haut sich auf den Kopf, denn die ließen ihn jetzt nicht schlafen. Er möchte dem Chef des Ladens einen Brief schreiben, und das tun mein Mann und er dann auch. Wenige Tage später erreicht uns die Antwort, in der die Konzernzentrale sich umfassend entschuldigt und verspricht, die Test-DVDs in Zukunft auf ihren Inhalt zu prüfen. Für Leo ist damit die Sache weitgehend bereinigt, und schlafen kann er auch wieder. Für ihn war wichtig zu sehen: Man kann etwas bewirken, wenn man den Mund aufmacht.

Auch hier müssen wir Eltern also selbst die Birne einschalten

Manchmal aber kann ein kleines elektronisches Gerät lebensrettend sein. Kürzlich zum Beispiel wachte Quinn um 5 Uhr morgens auf und wälzte sich geräuschvoll umher, um zu demonstrieren, dass ein weiteres Liegenbleiben unerträglich sei. Dann verließ er das Zimmer und begann trillerpfeifend durch die Wohnung zu ziehen. Nicht okay! Nicht für uns, nicht für den Bruder und die kleine Schwester, die noch schlafen, nicht für die Nachbarn ein Stockwerk unter uns. Als letzte Rettung drückten wir Quinn das iPad in die Hand. Vergnügt stürzte er sich darauf und spielte noch eine gute Stunde ein ziemlich einfältiges Bauernhof-Quiz. Wir hatten es geschafft, bis immerhin 6 Uhr Zeit zu schinden, und waren beim Aufstehen einigermaßen einsatzfähig für den Tag.

Hurra, eine halbe Stunde Sex!

Auch hier müssen wir Eltern also selbst die Birne einschalten. Was wir zum Beispiel wissen: Fernsehen ist eine Droge. IPad & Co. sind auch welche. Und Drogen können durchaus eine schöne Sache sein! Aber damit es keine Kopfschmerzen gibt, sollten wir gelernt haben, den Umgang damit zu regulieren. Fernsehen gern, aber in Maßen. Wir alle kennen den unsinnigen Spruch: "Guck nicht zu viel fern, sonst kriegst du quadratische Augen!" Das war auch so eine Ausrede, wenn unseren Eltern früher nichts mehr einfiel und wir nach einer Folge "Dick und Doof" schrien.

Inzwischen nutzen wir die Glotze vor allem, um mal für eine Stunde Ruhe in den Alltag zu bringen. Unsere Jungs spielen nämlich selten leise, auch wenn man sich das oft wünscht: ein Kind, das brav auf dem Teppichboden sitzt und stillschweigend etwas aus Lego baut. Pustekuchen! Sie setzen bei Experimenten am Waschbecken das halbe Bad unter Wasser, dann räumten sie lautstark das komplette Spielzeug aus dem Kinderzimmer ins Wohnzimmer, und dann, schön aufgeheizt durch so viel Aktion, spielten sie noch Fangen im Flur. So was hält kein Erwachsener den ganzen Tag durch. Natürlich finden wir es auch besser, die Kleinen drei Stunden durch den Wald zu jagen und darauf zu hoffen, dass sich infolgedessen eine gewisse Erschöpfung einstellt, die sich gesünder anfühlt als Ruhigstellen durch Medienkonsum. Im Alltag ist das aber nicht immer zu schaffen. So sind wir dazu übergegangen, gelegentlich unsere Unternehmungen mit einem schönen Kinderfilm hinterher zu kombinieren.

Anfangs sitzen wir noch brav dabei und gucken mit. Wenn ein Elternratgeber überhaupt mit Fernsehen einverstanden ist, dann ja nur unter der Bedingung, das als gemeinsames Familienprogramm zu gestalten. Seit die Kinder aber plötzlich keinen Mittagsschlaf mehr brauchen und trotzdem in aller Herrgottsfrühe aufstehen und mit uns spielen wollen, die Wochenendtage sich also manchmal ins Unendliche dehnen, gehen wir dazu über, uns während der Fernsehzeit ins Bett zurückzuziehen. Ein bisschen würdelos ist es, die auf diese Weise freigeschaufelte halbe Stunde für Sex zu nutzen. Manchmal sind wir aber so verzweifelt, dass wir auch das tun. Unsere Nachbarin, deren Söhne schon neun und zwölf sind, gesteht etwas verschämt, dass sie den beiden am Freitagabend schon ein Nintendo-Gerät ins Zimmer legt, damit sie sie am nächsten Morgen ausschlafen lassen.

Die Lichter gehen aus

Die härteste Herausforderung ist für uns Eltern, den Kleinen beizubringen, wo der Ausknopf ist. Die Medienvielfalt ist heute wesentlich größer als je zuvor, und auch das Smartphone von Mama kann ähnlich fesselnde Qualitäten haben. Ganz davon abgesehen, dass es inzwischen einen Kinderkanal im Fernsehen gibt, wo den ganzen Tag mehr oder (öfter mal) weniger Qualitätsvolles durchgenudelt wird. Der Druck, den Kindern einfach nachzugeben, wenn sie vor die Glotze wollen, ist oft groß. Aber immer öfter schaffen wir es, auch nein zu sagen. So haben wir mit Leo eine Liste geschrieben mit zehn schönen Dingen, die man zusammen machen kann – außer Fernsehen. Sie hängt mitten im Flur und hat sich gerade für die Zeit nach der Schule als sehr hilfreich erwiesen.

Und wenn gar nichts mehr geht, muss man zu unorthodoxen Mitteln greifen. Als Thomas es einmal abends nicht mehr aushält, dass die Kinder nach Fernsehen betteln, kappt er kurzerhand die Stromversorgung, indem er sämtliche Schalter im Sicherungskasten auf "Aus" stellt. Noch tagelang erzählen Leo und Quinn ehrfürchtig von dem geheimnisvollen Stromausfall, wie sie sich daraufhin mit Papa am Fenster den Mond und die Sterne angesehen und dann zum Einschlafen noch gemeinsam eine Geschichte mit der Taschenlampe gelesen haben.

Das Buch: "Alle Eltern können schlafen lernen"

Noch mehr Elternweisheiten, die auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft werden, gibt es in "Alle Eltern können Schlafen lernen" von Julia Heilmann und Thomas Lindemann (Atlantik, 16,99 Euro)

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Auszug aus "Julia Heilmann/Thomas Lindemann: Alle Eltern können schlafen lernen, Atlantik, € 16,99)
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