Sie wollte Pflegekinder aufnehmen - und wurde unverhofft schwanger

Linda wollte fünfjährigen Zwillingen ein Zuhause geben. Sie ahnte nichts von dem Baby in ihrem Bauch - und den Folgen für ihre Pflegekinder. Denn die durften nun doch nicht zu ihr kommen.

Mit Anfang 30 hatte ich die Pille abgesetzt, gleichzeitig mit einer Freundin. Die war nach neun Monaten schwanger, ich nicht. Frustriert fing ich wieder an zu verhüten. Dann halt nicht, dachte ich damals trotzig. Das Warten, Hoffen und Enttäuschtwerden tat mir nicht gut. Mein Mann konnte meine Entscheidung verstehen.

Irgendwann in dieser Zeit las ich in der Zeitung etwas über ein Seminar für angehende Pflegeeltern. Mein kleiner Bruder ist adop­tiert, dadurch ist mir dieses Modell immer nah gewesen. Schon lange, ehe ich meinen Mann kannte, hatte ich über Pflegekinder nachgedacht. Der Zeitungsbericht war wie ein Zeichen.

Mein Mann hatte mehr Bedenken als ich, war aber bereit, das Seminar mit mir zu machen, und sich gemeinsam auf das Aben­teuer einzulassen. Dabei ging es uns nicht darum, einen Ersatz für ein eigenes Kind ins Haus zu holen. Wir wollten nicht adoptieren, sondern Kindern ein Zuhause auf Zeit geben. Für uns schloss das auch nicht aus, trotzdem noch selbst Eltern zu werden. Darum be­sprachen wir auch im Seminar, ob das ein Problem wäre, wenn wir eigene Kinder bekämen. Nein, sagte man uns: Das wäre es nicht.

Nächstes Jahr kommen wir zu viert!

Letztes Jahr im Mai, wir waren gerade mit Freunden im Urlaub, bekamen wir die Nachricht: Es gebe da ein Zwillingspärchen, einen Jungen und ein Mädchen, fünf Jahre alt, bald sechs, die zu uns kommen könnten. Vielleicht waren wir ein bisschen erschrocken, vor allem aber aufgeregt. Wie man sich halt so fühlt als werdende Eltern. Zu unseren Freunden sagte ich: Nächstes Jahr kommen wir zu viert!

Zu diesem Zeitpunkt war es zwei Jahre her, dass ich zum ersten Mal die Pille abgesetzt hatte. Inzwischen hatten wir wieder aufgehört zu verhüten, ohne den Babyplan jedoch gezielt zu verfolgen. Noch im Urlaub füllten wir Steckbriefe von uns aus, die Leonie und Linus (Namen geändert) bekom­men sollten. Und während wir tagelang darüber grübelten, was wir schreiben sollten, wurde ich unbemerkt schwanger.

Ohne etwas von dem Baby in meinem Bauch zu ahnen, fuhren mein Mann und ich zum ersten Treffen mit den Zwil­lingen in ihre Wohngruppe. Mit dabei war unser Hund. Beide Kinder waren anfangs sehr, sehr reserviert, vor allem Leonie. Bis ein anderes Kind aus der Wohngruppe unseren Hund streicheln wollte. Da zischte sie plötzlich: "Weg da! Das ist meiner!" So hat es angefangen.

Die Kinder wünschten sich Betten mit Rutschen

Ganz langsam haben sich mein Mann und ich und Leonie und Linus einander angenähert, sensibel unterstützt von der Caritas und den Be­treuern in der Wohngruppe. Wir haben überlegt, wie wir das Haus umbauen würden. Die Kinder wünschten sich Betten mit Rutschen. Wir haben uns die Schulen in unserer Gegend angesehen, waren bei Elternabenden. Im September sollten die Kinder bei uns einziehen.

Dann entdeckte ich, dass ich schwanger war. Wir fielen beide aus allen Wolken. Aber nicht eine Sekunde lang zwei­felten wir, dass Linus und Leonie trotzdem zu uns kommen würden. Das Baby sollte Anfang nächsten Jahres geboren werden. Wir hätten also noch ein hal­bes Jahr Zeit, uns alle vier an den Gedanken vom kleinen Geschwister­chen zu gewöhnen.

Das Letzte, womit wir rechneten, war eine Absage

Wir dachten sogar, dass das eine gute Entwicklung für die Zwillinge wäre: Dann wären nicht mehr sie die Neuzugänge in der Familie, sondern das Baby. Wir sagten sofort bei der Caritas Bescheid, die uns durch den ganzen Prozess des Pflegeeltern-Werdens begleitet hatte. Das Letzte, womit wir rechneten, war eine Absage.

Sie kam auch nicht sofort. Aber irgendwann, nach langen internen Beratungen, teilte man uns mit, dass niemand die Verantwortung für so eine Situation übernehmen könnte. Wir würden zu sehr mit dem Baby beschäftigt sein, um uns voll und ganz auf die Zwillinge einlassen zu können.

Die Gefühle fahren einfach Achterbahn

Ich konnte nur noch heulen. Ich habe mich ja längst für diese beiden kleinen Menschen verantwortlich gefühlt. Und wir hatten sie lieb gewonnen, wir WOLLTEN mit ihnen leben. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass es geklappt hätte, dass wir das alle miteinander hinbekommen hätten. Aber wir wissen natürlich auch, dass Caritas und Jugendamt das Beste für die Kinder wollen.

Trotz der Trauer um die beiden habe ich mir nicht einen Moment lang gewünscht, nicht schwanger geworden zu sein, oder nicht zu diesem Zeitpunkt. Die Gefühle fahren einfach Achterbahn. Die Betreuer haben den Zwillingen gesagt, dass wir nun doch nicht ihre Pflegeeltern werden. Sie haben sie gefragt, ob sie uns noch einmal sehen wollen, um Abschied zu nehmen. Sie wollten, wir waren zusammen im Zoo.

Leonie hat immer wieder gefragt, warum sie und ihr Bruder jetzt doch nicht zu uns kommen dürfen. Wir sagten, man würde andere Eltern finden, die noch besser zu ihnen passen. Wir waren darin übereingekommen, ihnen nichts von der Schwangerschaft zu erzählen. Linus fragte nur: "Und WANN kommen wir dann zu euch, wenn nicht jetzt?" Er hat nichts verstanden. Wie denn auch?

Wir würden die Kinder immer noch nehmen

Wir halten Kontakt zur Wohngruppe, wissen, wie es den beiden geht. Für meinen Mann und mich ist das Kapitel noch nicht abgeschlossen. Wir würden die Kinder immer noch nehmen - vielleicht ein bisschen später, vielleicht in zwei Jahren, wenn sie acht sind und unsere Tochter zwei.

Keiner weiß, was die Zukunft bringt. Wir freuen uns auf die Geburt, und wir vermissen Linus und Leonie. Nichts ist beständiger als die Lageänderung, heißt es. Wie wahr.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist in zuerst in der BRIGITTE MOM, Heft 1/2015 erschienen. Inzwischen sind Linda und ihr Mann Eltern einer quietschfidelen Tochter. Mehr über ihre Geschichte lest ihr auf dem Blog add2fam.

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Noch kein Fan?Folge uns jetzt auch
auf Facebook
Fan werden
Brigitte-MOM-Newsletter

MOM-Newsletter

Mit unserem Newsletter erfährst du alles über die neuesten Online-Beiträge und verpasst keine MOM-Ausgabe!

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Sie wollte Pflegekinder aufnehmen - und wurde unverhofft schwanger

Linda wollte fünfjährigen Zwillingen ein Zuhause geben. Sie ahnte nichts von dem Baby in ihrem Bauch - und den Folgen für ihre Pflegekinder. Denn die durften nun doch nicht zu ihr kommen.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden