Timo und Sarah wünschen sich seit Jahren ein Kind - hier erzählt ER, wie es ihm damit geht

Timo (38) und seine Frau Sarah wollen seit drei Jahren ein Kind, aber bisher hat es nicht geklappt. Hier erzählt Timo, wie sich das für ihn anfühlt. 

Wir sind umzingelt - von Paaren mit Kindern

Wir sind umzingelt: Unsere Putzfrau hat mit Mitte zwanzig einen Sohn bekommen, Sarahs Geschäftspartnerin ist Mutter geworden, mein junger Arbeitskollege Vater. Die Dogwalkerin, die unseren Theo ausführt? Im siebten Monat!

Die zwanzig Mann starke Whatsapp-Gruppe meiner Jugendfreunde – schreiben ständig über ihre Kinder. Mein fünf Jahre jüngerer Bruder lädt zur Taufe seines zweiten Sohnes, Sarahs drei Nichten winken vom Wandkalender herüber, in der Küche stapeln sich Willkommenskarten von überglücklichen Neu-Eltern und beim Kinderladen nebenan haben wir längst eine Flatrate auf Spucktücher-Geschenkeboxen.

Nicht einmal der Fernseher sorgt für Abwechslung: Auch in der dritten Staffel von Handmaid’s Tale dreht sich alles – das hätten wir ahnen können – um Fruchtbarkeit. Und selbst Monsieur Claudes Töchter sind, wir sahen mit ambivalenter Freude zu, mittlerweile im totalen Familienglück mit Kind angekommen.

Wir versuchen, nicht schon ohne Nachwuchs zu paranoiden Helikoptereltern zu werden

Und wir? Hecheln seit fast drei Jahren dem seltsam euphemistischen Begriff „Kinderwunsch“ hinterher und versuchen, nicht schon ohne Nachwuchs zu paranoiden Helikoptereltern zu werden. Nein! Eine Massage die Woche, ein bisschen Akupunktur und zwei Glas O-Saft täglich machen eben nicht schwanger – so viel darf ich an dieser Stelle schon verraten.

Aber wenn sich nur ein Zehntel der gut gemeinten Ratschläge aus Familien- und Freundeskreis bewahrheiteten, wären wir mit einem Schuss Ruhe und zwei Esslöffeln Zuversicht schon längst siebenfache Eltern …

Neulich habe ich über eine 37-jährige Hamburgerin gelesen, die ihre Erfahrungen in ein Buch gegossen hat. Den marketingmäßig aufgepumpten Titel „Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen" finde ich blöd, verstehen kann ich diesen Gedanken mittlerweile aber sehr gut. Zur ehrlichen Freude über das Glück der anderen gesellt sich schnell und zuverlässig auch ein kurzer Moment der Wut, der Trauer, des Neides. Ich will das nicht, aber jeder neue Erdenbürger im Freundes- und Bekanntenkreis versetzt mir auch einen starken Stich in der Bauchgegend – daran gewöhnen kann und will ich mich nicht.

Wer keine Kinder kriegen kann, wird zum Mängelexemplar

Besagte Kinderwunsch-Autorin wurde sogleich Opfer eines Shitstorms, den man mit „Karma strikes back – wer so redet muss sich nicht wundern, dass er bzw. sie nie schwanger wird – zusammenfassen könnte. Eine emotional nachvollziehbare Reaktion, die den Kern des Themas offenlegt: Wer in unserer Gesellschaft keine Kinder kriegen kann oder will, ist selbst dran schuld und folglich ein neidisches Mängelexemplar.

Das klingt hart und doch ist es, so zumindest meine Erfahrung, ein Teil der Wahrheit. Künstliche Befruchtung ist vielleicht eines der letzten echten Tabu-Themen unserer Tage. Betroffene sollten sich besser verstecken und schämen: Ich bin schwanger, also bin ich! Bin ich es nicht, darf ich so nicht sein? Und doch: Sarah und ich wären so gerne schwanger! Nicht wegen vermeintlicher Mängel, sozialem Druck oder zu viel Langeweile. Sondern weil wir uns lieben, Kinder so sehr mögen und uns Nachwuchs für unsere kleine Familie einfach von Herzen wünschen.

Männer definieren sich immer noch über das "weiße Gold"

Die Cowboys sind Geschichte, nur Gentleman reicht auch nicht mehr und jaulende Pop-Poeten will Frau höchstens mal bei Instagram oder Sing meinen Song! sehen. Die Rolle des Mannes steht auf der Kippe, ein Geschlecht sucht seine (neue) Identität. Aber über eines definieren sich Männer noch immer wie eh und je: Sperma - das weiße Gold …

Ich weiß selbst noch, wie ich als Vierzehnjähriger beim Basketball einen Ball in die Weichteile bekommen hatte: Die Folge war mein erstes Spermiogramm. Und das fiel ausgezeichnet aus. Den Satz des Urologen: „Sie haben nicht nur außerordentlich viele, sondern auch außergewöhnlich schnelle Spermien!“ habe ich damals mit Freunden und meinem Vater regelrecht gefeiert.  

Inzwischen habe ich, im Rahmen unserer Kinderwunschbehandlung, zwei weitere „Ejakulat-Analysen“ durchführen lassen. Auch die fielen gut aus, wenngleich nicht so glänzend wie vor rund zwanzig Jahren. Mann wird älter. Und auch hier appellierte der Urologe an meine Manneskraft, verschrieb mir noch schnell ein spezielles Antibiotikum – sicher ist sicher – und verabschiedete mich schwungvoll mit den salbungsvollen Worten:

Ran da, ein Mann wie Sie - das muss doch einfach klappen!

Gottseidank ist mein Sperma okay! Einer der Faustregeln jeder Kinderwunschbehandlung. Weil mangelhafte Spermien im Sinne einer Befruchtung viel schwieriger zu regulieren sind als unzureichende Hormonwerte bei der Frau. Um Schuld geht es hie und da nicht – vielmehr um Biologie, Medizin und Mathematik. Und was ist mit Erotik? Die wartet draußen…

Insemination, künstliche Befruchtung - bislang ohne Erfolg

Bei uns hieß es zunächst, Sarahs Gelbkörperhormonwerte seien zu schlecht. Die wurden dann mit Medikamenten eingependelt. Dann haben wir drei Inseminationen und zwei künstliche Befruchtungen gemacht – allesamt ohne Erfolg. Der letzte Versuch endete sogar noch, bevor Eizelle und Spermien außerhalb des Körpers einander zugeführt wurden. Ein Faustschlag ganz tief in die Magengrube! Daraufhin haben wir eine längere Pause gemacht, uns gesammelt. Jetzt starten wir in den Endspurt, wollen es noch einmal wissen.

„Idiopathische Gründe“ hätte unser unerfüllter Kinderwunsch hat man uns mehr als zwei Jahre lang eingetrichtert: Alle Werte sind per se okay, eigentlich müsste es klappen. „Machen sie sich mal locker, Feuer frei, Vollgas, machen sie sich nicht so einen Kopf!“ Die – „und jetzt nicht an einen rosa Elefanten denken“ – Methode … Nun nach rund zwei Jahren kommt raus: In unserer Behandlung wurde zumindest die ein oder andere Methode versäumt. Und plötzlich sind ganz offiziell Sarahs AMH-Werte zu schlecht. Davon war vorher nie die Rede. Glauben müssen wir es trotzdem.

Andere fliegen nach Neuseeland, wir investieren in Hormone

In der Kinderwunschbehandlung gibt man nicht nur unglaublich viel Kraft und Geld aus, man sollte auch ein stückweit naiv bleiben. Augen auf und durch: Während andere nach Neuseeland fliegen oder sich ein neues Auto zulegen, investieren wir in unzählige Hormone. Zum Arzt geht man in der Regel, weil man etwas wegbekommen will. Wir – und so wahnsinnig viele andere Patienten mit uns in den Wartezimmern – akzeptieren mit dem Schritt in die Kinderwunsch-Klinik auch den Eintritt in eine Welt des Zweck-Optimismus und des Geschäfts. Zudem kennen wir die Erfolgsaussichten und Statistiken – wer sich in einem Kinderwunsch befindet und über tausende Parameter hört, die alle zusammenkommen und stimmen müssen, wundert sich, dass überhaupt noch Menschen schwanger werden. Vor allem ab Mitte/Ende dreißig.

Aber unsere Ärzte haben uns meistens gut mitgenommen auf dieser langen Reise, gespickt mit Fachausdrücken wie ICSI, Kryo, IVF und vielen weiteren mehr. Und doch ist nun ein Stück des Vertrauens verloren gegangen. Deshalb haben wir für unseren Endspurt noch einmal den Arzt gewechselt. Das Prozedere bleibt dasselbe, wir sind ja mittlerweile „alte Hasen“ im Kinderwunsch-Geschäft.

Wie immer es ausgeht - ich liebe und bewundere meine Frau mehr denn je

Bei aller Ohnmacht, aller Sorge, aller Wut und auch Scham. Manche Momente unseres langen Weges werden mich ein Leben lang begleiten, mir ein kleines Schmunzeln entlocken: Wie ich zum ersten Mal entschlossen ins Abgabezimmer kam, mit Röhrchen bewaffnet und mich nach dem obligatorischen Wasserlassen im Vorraum auf einen kunstledernen Sessel fläzte: Neben mir eine 5-Kilo-Recycling-Küchenrolle und ein 3-Liter-Spray Desinfektionsmittel. Vor mir ein Mini-Bildschirm mit Uralt-Pornos und ein Haufen zerfledderter Playboys aus den Neunzigern. Und draußen vor der Tür warteten mit laufendem Motor meine Kollegen, um mich zur Arbeit abzuholen. In solchen Momenten wird einem die eigene Endlichkeit auf zum Teil humorige Art und Weise deutlich bewusst.

Eines ist klar: Der Mann steht, ähnlich wie bei einer Schwangerschaft, auch beim Kinderwunsch eigentlich meistens nur schuldbewusst daneben.

Ich glaube, ich liebe Sarah dank dieses Weges noch einmal anders und intensiver als vorher. Wie sie sich selbst täglich bis zu drei Hormonspritzen in die Bauchfalte jagt. Wie dankbar sie mich anlächelt, wenn ich sie nach einer Eizellenentnahme mit einer Goodybag am Aufwachraum empfange. Welche Schmerzen sie mit Bauchspiegelungen auf sich nimmt. Welche ekelhaften chinesischen Tees sie sich im Rahmen der Akupunktur reinwürgen muss – aus Mitleid habe ich auch eine einzige Tasse mitgetrunken. Und und und. Ich bewundere meine Frau für diese Geduld, dieses Unerschütterliche, diese Zuversicht.

VIDEOTIPP: Timo und Sarah lassen euch in der tollen Video-Serie "Eltern wie wir" ein Jahr lang an ihrem Leben mit Kinderwunsch teilhaben! 

Wir beiden können das alles schaffen, weil wir an uns glauben. Weil wir festhalten und nicht verkrampfen. Weil wir mitunter sehr traurig, aber nicht verzweifelt sind. Weil wir fokussiert, aber nicht verbissen sind. Und selbst wenn unser Endspurt nicht von „Erfolg“ gekrönt sein sollte. Wenn wir den Wunsch erstmal aufgegeben haben, da sind sich fast alle Freunde und Familienmitglieder sicher, dann funktioniert es mit dem nötigen Abstand sowieso. Hundertprozentig!

Timo (38) lebt mit Sarah (39) in Hamburg. Die beiden sind seit sieben Jahren ein Paar und seit fünf Jahren glücklich verheiratet. Nach der Hochzeit sollten, so der Masterplan, Kind(er) und Hund folgen. Irish Setter Theo ist seit zweieinhalb Jahren treu an ihrer Seite, mit dem Nachwuchs hingegen hat es leider noch nicht geklappt. Deshalb sind sie seit rund drei Jahren in Kinderwunschbehandlung. Beide sind beruflich viel unterwegs: Sarah macht als Geschäftsführerin ihres jungen Start-Ups heiratswillige Paare glücklich und vermählt diese mitunter sogar. Timo realisiert Reportagen und Dokumentationen und trifft auf seinen Reisen ebenfalls viele spannende Menschen.

Über ihren Weg zum Kind sprechen die beiden wöchentlich auf dem YouTube-Kanal von "Eltern.de". Jeden Montag findet ihr dort in der tollen Serie "Eltern wie wir" ein neues Video. Wer nichts verpassen will, abonniert einfach den Channel!

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