Darf man auf Twitter über Abtreibung nachdenken?

Gute Mütter freuen sich über die Schwangerschaft. Ella hat erst mal an Abtreibung gedacht - und das auch noch auf Twitter gepostet.

Ich hatte die zwei Sätze schon ein paarmal in die Zeile getippt – und wieder gelöscht. Will ich überhaupt wissen, was die anderen dazu sagen? Kann ich die Antworten verkraften? Ist es nicht besser, die Dreimonatsmarke abzuwarten, dann das berühmte "12+0" zu twittern? Oder eben nichts. Ich war in der sechsten Woche und total unsicher, ob ein drittes Kind jetzt in mein Leben passte, als ich den blauen Tweet-Button drückte: "Streichelt Eure Babybäuche, und küsst die Köpfe Eurer Neugeborenen. Ich gehe jetzt mit meiner Hebamme über Mifegyne reden." Die Abtreibungspille.

Ich bin seit sechs Jahren bei Twitter. Ich habe mehr als 20.000 Tweets geschrieben. Über Wasserrohrbruch oder Rückenschmerzen, den wunderbaren Sonntagsausflug oder das angebrannte Mittagessen. Bruchstücke aus meinem Leben, keins länger als 140 Zeichen. Wer twittert – mokieren sich die Leute, die nichts damit anfangen können –, der stellt sich nackt auf den Balkon und plärrt irgendwas runter. Das mag schon stimmen, der Unterschied ist: In der Realität wäre ich die Einzige. Bei Twitter tun es alle. Und: Ich zwinge keinen zu lesen, was ich schreibe. Aber darf man auf Twitter darüber nachdenken, sein Kind abzutreiben?

Die Reply-Leiste war voller unterstützender Gedanken.

Ich habe mit meinem Mann schon oft über ein drittes Kind gesprochen. Er wollte einen größeren Abstand, ich keinen Nachzügler. Irgendwann habe ich das Babybay, die Milchpumpe und den Babysitz für den Fahrradanhänger verkauft. Und dann war ich plötzlich zum dritten Mal schwanger. Drei Tage lang habe ich versucht, das mit mir selbst auszumachen – und bin untergegangen im Brainfuck. Jedes Argument gegen das Kind – ich hatte große Angst, meinen Körper weiter zu ramponieren; gerade hatte ich die Freiheit eines Lebens ohne Baby entdeckt – konnte ich wieder entkräften. Aber ist ein entkräftetes Gegenargument wirklich ein Argument dafür? Auch wenn mich mein Mann sehr unterstützt hat, die Entscheidung musste ich letztlich selbst treffen. Natürlich hätte ich auch ein paar Freundinnen auf dem Spielplatz zusammentrommeln können. Aber wie viele? Wie schnell? Was hätte ich neben Schaukelschubsen und Pflasterkleben überhaupt besprechen können?

Ich habe etwa 650 Follower. Da sind Menschen dabei, die ich überhaupt nicht kenne. Und da sind echte Freunde dabei, die mich seit Jahren an ihrem Leben teilhaben lassen, auch wenn ich die meisten von ihnen noch nie gesehen habe. Als ich zwei Stunden nach meinem ersten Abtreibungs-Tweet wieder an den Rechner kam, war die Reply-Leiste voller unterstützender Gedanken. Umarmungen und Herzen, dazu: private Nachrichten. "Ich hab das auch durch. Ich wünsche dir alles Gute für die Entscheidung." Eine – eine einzige – negative war dabei: "Gehört so was in Twitter?" In mein Twitter schon. Ich habe meine Follower weder um ihre Meinung gebeten und erst recht nicht um Erlaubnis gefragt, abzutreiben. Ich habe einfach geteilt, was mich umtreibt.

Und was ist, wenn mein Kind das später liest? Darf einem Menschen die Illusion genommen werden, vorbehaltlos gewollt gewesen zu sein? Jetzt ist er ja gewollt: ab dem Moment, ab dem wir uns für ihn entschieden haben. Seitdem freuen wir uns darauf. Ich werde ihm das andere nicht vorenthalten. Auch das ist Teil unserer Familie. Ich will nicht unantastbar scheinen als Mutter. Eine, die immer alles richtig macht, immer die richtige Entscheidung parat hat, einfach nur, weil sie erwachsen ist. Zweifeln gehört zu mir. Ich wüsste nicht, warum ausgerechnet das Thema Abtreibung tabu sein sollte. Ich würde mir wünschen, dass keine Frau solche Gedanken mit sich allein ausmachen muss, sondern Unterstützung erfährt. Ich bin dankbar, dass ich sie bei meinen Twitter-Followern gefunden habe.

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Protokoll: Georg Cadeggianini Ein Artikel aus BRIGITTE MOM, Heft 2/2012
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