Gibt es tatsächlich Eltern, die noch Sex haben?

Ja, auch Eltern können (guten) Sex haben, manchmal jedenfalls. Merle Wuttke, Autorin des "Ersten ehrlichen Sexratgebers für Eltern", erklärt, warum Quickies super sind und warum Frauen sich oft wie das Kartellamt der Erotik aufführen.

Fast alle Eltern trifft sie, aber nur wenige sprechen darüber: Die Sexflaute nach der Geburt.

"Olaf und ich, wir waren gestern vielleicht schmutzig", stöhnte Claudia neben mir auf. Wir waren gerade bei der Bauch-Beine-Po-Fitnessgymnastik, versuchten unsere Beine in die Luft zu strecken und unsere Hintern hochzuheben, ohne dafür mit dem Rest des Körpers Schwung zu holen - was die Sache unglaublich erleichtert, aber unsere Bauchmuskulatur weiterhin hätte schlecht aussehen lassen. "Warum", fragte ich atemlos - die Übung ist wirklich anstrengend - "wart Ihr im Garten?" - "Nein, in der Küche. Besser gesagt, auf der Waschmaschine. Also, ich saß auf der Waschmaschine, und Olaf stand davor." - "Aha, ist sie kaputt gegangen? Na, das wird teuer!" Ich war so mit dem Anspannen meiner nur noch rudimentär vorhandenen Bauchmuskulatur (nochmals: danke, Kinder) beschäftigt, dass ich mich nicht einmal wunderte, weshalb mich Claudia mit uninteressanten Geschichten aus ihrem Alltag ablenken wollte.

"Erstaunlicherweise nicht. Dabei musste sie ziemlich was aushalten. Olaf hat sich enorm ins Zeug gelegt. Wir haben das Ding in den fünf Minuten vielleicht bearbeitet. Ich bin seit acht Jahren mit ihm zusammen, aber ehrlich - das war der beste Sex seit unserem Kennenlernen. Schleudergang ist nichts dagegen."

Die Journalistin und dreifache Mutter Merle Wuttke weiß, wie schnell die schönste Sache der Welt zur stressigsten wird – und wie man trotzdem zu seinem Glück kommt.

Jetzt verstand ich. Claudia und Olaf hatten einen Quickie! Hemmungslosen, schnellen Küchen-Sex! Ich ließ meinen Hintern schwer auf die Matte fallen. Es ist ziemlich demotivierend, von einer anderen Mutter etwas über deren letzten grandiosen Geschlechtsverkehr zu erfahren, während man selbst gerade versucht, seit den Geburten abhandengekommenen Körperregionen nachzuspüren. "Toll", presste ich zwischen meinen Lippen heraus.

Ein Quickie. Was war das noch mal? Ich erinnere mich nicht. Ach so, ja stimmt. Ein Mann und eine Frau fallen übereinander her, weil sie gar nicht wissen, wohin mit all dem Feuer und der Leidenschaft und weil sie keine Angst haben müssen, mittendrin im Flur mit heruntergezerrter Bluse und nacktem Hintern von einem Kleinkind erwischt zu werden. Apropos Kind. "Wo hattet ihr denn eigentlich Mila zu dem Zeitpunkt?", fragte ich Claudia. "Ach, die war an dem Tag bei ihrer Oma."Eltern, die Großeltern in der Nähe haben, sind ja immer zu beneiden. Jetzt auch in erotischer Hinsicht.

Besser einmal im Jahr sexgeil als immer nur die ökologisch korrekte Super-Mutti.

Nun könnte man natürlich einwenden: Was soll das Gewese um die schnelle Nummer?! Quickies sind doch unter Eltern keine Seltenheit, im Gegenteil. Man übt sie ja sozusagen zwangsweise aus, da entweder die sexuellen Zeitfenster eher knapp ausfallen oder man zum Ende kommen muss, nur weil das Baby sich dazu entschlossen hat, ausgerechnet in dem Moment nach Mama zu brüllen, als Papa ihr gerade beweisen wollte, dass er mehr kann als Hirsebrei anrühren.

Aber: Das sind keine echten Quickies. Echte Quickies entstehen spontan, aus purer Lust und immer ungeplant. Bedingungen, mit denen manches Elternteil gar nichts mehr anzufangen weiß.

"Mathias kam aus dem Büro, und er sah an diesem Tag einfach so sexy in seinem Anzug aus. Ich musste ihn auf der Stelle haben. Ella war gerade in ihrem Bettchen eingeschlafen, und ich zog ihn ins Badezimmer. Er war so irritiert, als ich ihm das Hemd aufknöpfte, dass er nur sagte: 'Lass nur, ich bringe die Sachen doch immer in die Reinigung.'" Lena überzeugte ihren Freund dann zwar doch noch von der schnellen Nummer, gab aber, als sie mir davon erzählte, zu, dass es danach lange Zeit nicht mehr zu Spontansex kam - obwohl es beide klasse fanden. Es fehlte einfach an Gelegenheiten, der richtigen Portion Lust zur richtigen Zeit und - dem Mut, sich mal richtig gehenzulassen, alle Hemmungen, Bedenken und Befindlichkeiten zur Seite zu schieben und nur das zu tun, wofür Frauen und Männer ja eigentlich sowieso nur auf der Welt sind - sich zu lieben.

"Na ja, ein bisschen bescheuert kam ich mir im ersten Moment schon vor, als ich wie so eine sexgeile Tante aus einem Porno die Hose aufnöpfte, aber dann dachte ich: Scheiß drauf. Besser einmal im Jahr sexgeil als immer nur die ökologisch korrekte Super-Mutti", meinte Lena.

Ja, wer plötzlich und unerwartet von seiner eigenen Lust überrollt wird wie ein Kleinkind von seiner Wut, muss in Minuten entscheiden, ob er den Mumm hat, die Sache durchzuziehen und endlich mal wieder eine andere Seite an sich zu entdecken. Gerade Frauen sollen sich da ja eher schwertun. Sie gelten im Allgemeinen als diejenigen, die äußerst genaue Vorstellungen davon haben, wie die Dinge im Bett zu laufen haben. Also, wann und wo Sex am besten stattfindet. Welche Stellen der Partner wie lange streicheln soll und wie ein richtiges Vorspiel zu gestalten ist. Frauen sind demnach so etwas wie das Kartellamt der Erotik: Sie achten darauf, dass niemand zu kurz kommt und sich keiner auf Kosten eines anderen Vorteile verschafft. Voraussetzungen, die eher gegen eine schnelle Nummer sprechen, denn ist nicht gerade der Quickie der Ausdruck des puren Egoismus? Jeder will zu seinem Recht und seiner Befriedigung kommen, und zwar fix.

Was ist schon ein Mann, der kurzfristig zum Ork mutiert gegen einen Super-Orgasmus?

Aber wie eine nichtrepräsentative Umfrage in meinem Umfeld ergab: Unter den Müttern in meinem Bekanntenkreis herrscht eine andere einhellige Meinung zu dem Thema, die da wäre - Quickies sind super. Gerade für Mamas.

"Ich bin absolut dafür, wenn es schnell geht. Erstens, du tust dir mal wieder etwas Gutes, ohne lang darüber nachzudenken. Zweitens, man merkt endlich, dass man doch noch mehr ist als Milchmaschine, und drittens, die Zeit, die man investiert, ist überschaubar", formulierte es eine Freundin. Bleibt hinzuzufügen: Ein Quickie ist herrlich unkompliziert, niemand veranstaltet großes Trarara vorher oder nachher und im Eifer des Kontrollverlusts ist darüber hinaus völlig egal, ob man sich den Abend zuvor die Beine rasiert hat oder den ausgewaschenen Baumwollschlüpfer mit dem "Hello Kitty"-Aufdruck trägt. Es geht einfach nur um Sex. Um animalischen, wilden, kompromisslosen Sex, und es spielt überhaupt keine Rolle, dass man vor einer Minute noch "Windeln und Feuchttücher einkaufen!" auf den Einkaufszettel geschrieben hat. Auf einmal verwandelt sich der Vater der eigenen Kinder in einen Sex-Macho und zerrt an der Unterhose, als wäre sie das Seil, das ihn vor einem tödlichen Sturz bewahrt. So viel Leidenschaft kommt zwischen Eltern sonst höchstens bei der Diskussion über die korrekte Wickeltechnik auf.

"Eigentlich finde es ich zwar wirklich erregend, wenn Lars mich so doll begehrt und in dieser Sekunde sofort haben will. Aber manchmal ist es doch ein wenig komisch, wie sehr das Tier in ihm zum Vorschein kommt. Er grunzt dann immer so merkwürdig und schwitzt viel mehr als sonst beim Sex", lautet die einzige Kritik am Schnell-Sex, die ich zu hören bekomme. "Aber hey, was ist schon ein Mann, der kurzfristig zum Ork mutiert gegen einen Super-Orgasmus?!"

Es ist sowieso ein Mythos, dass guter Sex lange dauert. Schließlich ist nichts schlimmer, als wenn der Partner eine halbe Stunde oder länger versucht, das Durchhaltevermögen seines besten Stücks unter Beweis zu stellen. Während er also im Stehen, Knien, von vorn, von hinten und in welcher Position auch immer die Körperöffnung seiner Frau sucht, beginnt sie in dieser Zeit, über den Abschluss einer Unfallversicherung für die Kinder oder über das beste Kartoffelsalatrezept nachzudenken. Nein, langer Sex macht wenig Spaß. Auch wenn das Szenario in Umfragen immer wieder gern als erotische Erfüllung schlechthin genannt wird. Hinter dervermeintlich scharfen Vorstellung eines stundenlangen Sex-Marathons steckt wohl eher das geheime Bedürfnis, als besonders potent oder besonders willig im Bett herüberzukommen.

Heißt das, dass man ab jetzt für immer aufs Vorspiel verzichten und die Ex-und hopp-Variante wählen sollte? Na ja, nach drei Quickies auf dem Küchentisch, auf dem Sofa oder vor der Garderobe erschöpft sich auch deren erotisches Potential. Die sexuelle Schnellkochtopfnummer lebt ja schließlich von dem Überraschungsmoment. Ein Quickie ist definitiv nur etwas für zwischendurch, und am besten in den Phasen des Elternlebens auszuführen, wenn Mama und Papa eher mit einem Lottogewinn rechnen als damit, sich in den nächsten Monaten wieder einmal in Liebe zu vereinigen. In der restlichen Zeit kann man sich freuen, überhaupt zu etwas Durchschnittssex zu kommen. Der dauert in der Realität deutscher Schlafzimmer ohnehin gerade mal siebzehn Minuten. Glück gehabt.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch "Neue Verkehrsregeln: Der erste ehrliche Sexratgeber für Eltern" von Merle Wuttke, Krüger Verlag, 205 Seiten, 13,95 Euro

Text: Merle WuttkeCopyright: S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am MainFotos: Michael Langhoff/istockphoto, Gunter Gluecklich

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
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