Mit dem Kind nach London ziehen? Was für eine Scheißidee!

Kinder machen alles mit, sagen viele Leute, auch einen Umzug ins Ausland. Dass es auch anders laufen kann, beschreibt Bloggerin Lucie Marshall in ihrem tollen neuen Buch "Mama, I need to kotz!".

Wir können noch so gut organisiert sein und alles genau im Voraus planen - manchmal machen unsere Kinder einfach einen Strich durch die Alltagsrechnung. Weil sie ihren eigenen Willen und Gefühle haben, die sich nicht mal eben wegmanagen lassen.

Das hat auch Lucie Marshall erlebt. Die Schauspielerin und Bloggerin, die eigentlich Tanya Neufeldt heißt, ist mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach London ausgewandert. Dort stößt sie auf einige Hindernisse, zum Beispiel, dass der Sohn partout nicht nachmittags in den Kindergarten will. Ungeniert und humorvoll beschreibt sie in ihrem Buch "Mama, I need to kotz!" das Chaos, in dem die Familie landet, durch das sie aber auch eine Menge über sich selbst und ihr Kind lernt.

Wir sind ja schon lange Fans von Lucie Marshall und können auch dieses Buch der Bloggerin allen Moms nur wärmstens empfehlen!

Lest hier exklusiv einen Auszug aus "Mama, I need to kotz!":

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Heul-Skypen mit Raffaella

Am nächsten Tag bringe ich ein richtig schlecht gelauntes Kind zum Kindergarten. Auf dem Weg zur Kita an der Ampel wiederhole ich: "Du bleibst heute den ganzen Tag in der Kita. Andere Kinder sind ja auch den ganzen Tag da!" Er steht neben mir und weint: "I don't want to! Ich gehe da auch nicht hin! Ich play auch ganz ruhig in my Zimmer."

Hilfe, ist das furchtbar. Ich finde vor allem mich selbst zunehmend furchtbar; ich klinge wie eine Herbergsmutter aus den 50ern. So wollte ich doch nie sein. Solche Sätze wollte ich doch nie sagen. Habe ich ein böses Alien in mir wie Sigourney Weaver in dem gleichnamigen Film, das mir meine Gedanken diktiert? Ich wünschte fast, das wäre des Rätsels Lösung. Es würde mich entlasten.

So stecke ich in einer Sackgasse, renne aber stoisch weiter gegen die Wand. Normalerweise haben Zweijährige doch den Ruf, sich in Dinge zu verbeißen wie ein Pitbull und nicht mehr loszulassen. Gibt es dazu nicht ein Dutzend Ratgeber? Gibt es auch Ratgeber für Pitbull-Mütter?

Was war denn das für eine Scheißidee hierherzukommen?

Nachdem ich Sam endlich bei Miss Amanda abgegeben habe (weinend), gehe ich (weinend) nach Hause. Das Magenzwicken ist nicht mehr zu verdrängen. Ich maile meiner Freundin Raffaella und bitte um ein Notfall-Skype-Date. Sie ist kurz vor mir Mutter geworden und hat danach dann auch noch Zwillinge bekommen. Sie ist glühende Anhängerin von Jesper Juul, und da ich die Bücher zwar habe, aber zu selten lese, eine sehr, sehr gute Ratgeberin.

"Ich weiß überhaupt nicht mehr, was richtig ist und was nicht", heule und schluchze ich los, sobald sie auf dem Bildschirm erscheint. "Ich will wieder nach Berlin!", jaule ich weiter. "Was war denn das für eine Scheißidee hierherzukommen. Es schifft aus Kübeln, ich komme nicht zum Arbeiten, und mein Kind hasst den Kindergarten!", heule ich.

"ATMEN!", wirft Raffaella kurz dazwischen, und ich versuche, schluchzend Luft zu holen und beim Schluchzen nicht zu viel auf meinen Bildschirm zu spucken.

Als ich mich beruhigt habe, fange ich an zu erzählen. Dass Sam nach wie vor nicht am Nachmittag in den Kindergarten will, ich aber keine Erklärung dafür habe. Dass er unruhig ist und angefangen hat, an den Fingernägeln zu kauen. Dass er nachts aus Albträumen aufschreckt und sich wieder einpullert.

Tanya Neufeldt ist Schauspielerin und bloggt seit 2012 unter dem Namen Lucie Marshall über ihr Leben als Mutter. Sie hat bereits ein Buch veröffentlicht ("Auf Highheels in den Kreißsaal"), außerdem hat sie eine sehr lustige Webserie produziert, in der sie auch die Hauptrolle spielt.

Ich wollte immer ein Kind, das seinen freien Willen äußert

Und während ich das alles laut erzähle, höre ich mir zum ersten Mal selber zu. Und verstehe auch, warum mir die Geschichte mit der Gästeliste zu seinem dritten Geburtstag gestern wieder eingefallen ist. Ich wollte ja immer ein Kind, das seinen freien Willen äußert. Jetzt habe ich eins, das mir auf unterschiedlichen Ebenen mitteilt, dass es nicht glücklich ist, und was tue ich? Versuche, es zu verbiegen, weil es mir nicht in meinen Zeitplan passt.

"Weißt du ...", fängt Raffaella sachte an, "also, das hört sich für mich an, als ob Sam es dort nachmittags wirklich nicht gefällt. Nicht nur aus einer Laune heraus, sondern weil ihm irgendetwas da nicht guttut." "Ich weiß", sage ich kleinlaut, "nur was? Ich meine die machen da lustige Experimente und sogar Yoga. Ich möchte so gerne wissen, was es ist!" "Er ist erst vier. Die meisten Erwachsenen sind nicht in der Lage, sich explizit darüber zu äußern, was ihnen warum nicht guttut. Das von einem Vierjährigen zu verlangen ist ..." Ich unterbreche sie: "Ja, ja, ja ...Ich weiß. Ich weiß." "Und dann das Nägelkauen und Einpullern ..." "Furchtbar!", unterbreche ich sie wieder und erschrecke vor mir selbst, weil ich das alles so gekonnt ignoriert habe.

Die Situation ist kurz vorm Super-GAU!

Mit schwirrendem Kopf, aber irgendwie doch wieder sortiert, gehe ich Sam schließlich am Nachmittag abholen. Ich bin wieder ein bisschen zu früh dran. Sams Gruppe hält sich im kleinen Hof auf, den man von der Treppe aus einsehen kann. Sie haben heute Nachmittag Science Class und machen gerade ein Experiment. Ich kann nicht genau sehen, was sie da tun. Aber ich kann sehen, dass Sam verängstigt einen großen Schritt hinter den anderen Kindern steht und panisch an seinen Nägeln kaut. Ach du Scheiße, was ist bloß los mit ihm? Er sieht mich, schreit fast hysterisch "MAMAAA" und stürmt sofort auf mich zu. Er versucht, das Gittertor zu öffnen, und ist völlig außer sich.

Ich bin geschockt von seiner Reaktion. Miss Amanda will ihn in die Gruppe zurückholen, aber ich schnappe ihn mir und nehme ihn auf den Arm. "Can we go home, Mama? Can we go home?", fragt er immer wieder schluchzend.

Okay, ich habe nicht nur die roten Warnblinklichter ignoriert, sondern die Situation wirklich völlig unterschätzt. Das ist kurz vorm Super-GAU. Wir packen seine Sachen, seine Science-Lehrerin gibt mir noch schnell eine kleine Tüte mit den Experimentutensilien mit, die ich aber achtlos in meine Handtasche knülle und mit Sam die Eingangstreppe hinaufgehe.

Auf dem Weg durch Kensington Gardens beruhigt er sich langsam wieder. Wir setzen uns auf eine Bank. "Sam, du musst nicht mehr nachmittags in den Kindergarten", sage ich. "Es tut mir leid, dass ich dich so gedrängt habe. Das war nicht fair."

Ich bilde mir ein, das Raffaella und Jesper Juul mir dabei auf die Schulter klopfen. Er sieht mich an, schnieft noch einmal kurz und nickt dann feste: "Gehen wir jetzt zum Pirate Boat?"

Ach, Kinder sind so herrlich pragmatisch. Hier gibt es keine unendlichen Gefühlsduseleien. Kein langes Gespräch. Die Situation ist doch geklärt, also wo ist der Spielplatz? Und Mutti sitzt verdattert auf der Bank und erwischt sich kurz bei dem Gedanken: "Na, ein bisschen mehr Dankbarkeit ...", aber ich schaffe es gerade eben so, den letzten Teil des Gedankens abzuwenden, bevor mich Jespers oder Raffaellas Blitze treffen können. Und während ich Sam hinterhergehe, merke ich, dass mir die Geschichte tief in den Knochen steckt. Und während Sam glücklich auf dem Piratenboot herumklettert, rufe ich Marc in der Arbeit an und erzähle ihm, was vorhin passiert ist.

Wie lösen wir das Problem?

"O Gott", sagt er, "das geht wirklich gar nicht. Da müssen wir uns heute Abend eine andere Lösung überlegen." Wir sind beide sehr erschrocken. Wie konnten wir das nur übersehen? Zu Hause checke ich noch mal Sams Experimenttüte: Ein kleines Döschen ist darin, in dem zu Zeiten der analogen Fotografie die kleinen Filmrollen aufbewahrt wurden. Dazu eine Kopfschmerztablette und die Versuchsanleitung: "Ein Viertel der Tablette mit etwas Wasser in das Döschen füllen. Dann einen großzügigen Abstand einnehmen und beobachten, was passiert!"

Wir probieren es aus. Die Tablette löst sich auf und katapultiert den Deckel des Döschens mit Wucht durch die Luft. "Das ist ja lustig!", rufe ich begeistert. Mein Sohn, der eigentlich für jeden Quatsch zu haben ist, erwidert kühl: "Gar nich funny!"

Abends sitzen Marc und ich dann zusammen. Wir rechnen durch, was uns eine Nanny am Nachmittag kosten würde - on top zu den Kindergartenkosten, die wir auf jeden Fall bis Ende dieses Trimesters voll zahlen müssen. Und wie wir uns neu organisieren können. Mary kann erst in einem Monat jeden Nachmittag kommen, bis dahin nur unregelmäßig, und maximal zweimal die Woche. "Ja", fasst Marc trocken zusammen, "das wird sehr, sehr, sehr teuer und ganz schön viel Orga. Aber dafür haben wir trockene Betten und hoffentlich bald wieder Fingernägel."

Das Buch

"Mama, I need to kotz!" von Lucie Marshall ist erschienen im Goldmann Verlag, 8,99 Euro, erhältlich zum Beispiel über Amazon.

Auszug aus "Mama, I need to kotz!" von Lucie Marshall. Mit freundlicher Genehmigung © 2016 Wilhelm Goldmann Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München Goldmann Verlag
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