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Mareike Fallwickl Wohin mit Mamas Wut?

Mareike Fallwickl: eine Frau sitzt in der Küche auf dem Boden
© sasamihajlovic / Adobe Stock
Was, wenn eine Mutter einfach nicht mehr kann? Wohin dann mit all der Verzweiflung und all der Wut? Die österreichische Schriftstellerin Mareike Fallwickl hat einen brandaktuellen Roman über die Erwartungen an Frauen geschrieben. MOM-Autorin Alena Schröder hat mit ihr gesprochen.

MOM: Am Anfang deines Romans steht Helene, Mutter dreier Kinder, vom Abendbrottisch auf und springt einfach vom Balkon. Hältst du das für ein realistisches Szenario?

Mareike Fallwickl: Ich habe den hypothetischen Satz, den viele meiner Freundinnen während der Lockdowns gesagt haben, literarisch in die Tat umgesetzt. Ich habe oft Nachrichten bekommen von Müttern, die lauteten: Ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, ich springe einfach vom Balkon. Da habe ich angefangen zu überlegen: Was, wenn eine das wirklich tut? Und zwar ohne, dass es zusätzliche Motive gibt, also: keinen Missbrauch, keine schlimme Kindheit, keine prekäre Lebenssituation. Eine Mutter wie du und ich. Wo führt das hin, was für eine Geschichte entsteht?

Mein erster Gedanke beim Lesen dieser Szene war: Spinnt die? Das kann die doch nicht einfach machen! Die hat doch Kinder! Das ist doch unfassbar egoistisch, sich so auf die radikalste Weise zu entziehen. Ich hätte ja auch denken können: Die Arme, dass es ihr so schlecht geht, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sieht.

Das Tabu der Mutterliebe ist sehr groß. Und es ist geschickt vom Patriarchat, dieses Tabu aufrechtzuerhalten. Mal angenommen, der Roman würde damit anfangen, dass der Vater vom Balkon springt, das wäre viel weniger radikal. Weil die Kinder dann ja noch die Mutter hätten, die sie liebt und alles irgendwie hinkriegen wird. Das Motiv des sich entziehenden Vaters, der abhaut oder sich in der Scheune erschießt, das kennen wir, das ist literarisch auserzählt. Aber eine Mutter, die sagt: "So, Ende, ohne mich!", gibt es viel seltener. Das Tabu greift auch bei mir, ich habe beim Schreiben selbst gedacht: Um Himmels Willen, was macht sie da? Aber ich wollte am krassestmöglichen Punkt beginnen, um zu zeigen, wie und wo Helene überall fehlt. Als Person, als Mensch, aber eben auch in ihrer Funktion als Mutter.

Tatsächlich füllt ja Helenes Freundin Sarah sehr schnell diese Lücke: Sie zieht bei der Familie ein, um übergangsweise die Kinder zu versorgen.

Dabei hat sie selbst keine Kinder. Alle erwarten, dass sie weiß, was zu tun ist, weil sie eine Frau ist. Es war mir wichtig, zu erzählen, wie heftig die körperliche Dimension ist. Was für eine Verantwortung man trägt und wie anstrengend das ist. Sarah spürt zum ersten Mal ganz konkret: Diese Kinder brauchen mich nonstop. Weil sie sonst sterben. Wenn ich nicht aufpasse, fallen sie irgendwo runter, rennen auf die Straße, verbrühen sich oder essen etwas Giftiges.

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Dabei tappt Sarah ja in dieselbe Falle wie ihre Freundin Helene: Sie übernimmt diese Rolle, fühlt sich verantwortlich, baut eine Bindung auf zu den Kindern, und es dauert eine ganze Weile, bis ihr selber aufgeht: Moment mal, die Kinder haben ja auch noch einen Vater!

Ja, und ist es nicht verrückt, wie normal man das findet? Dass sie das macht und ihr eigenes Leben zurückstellt, für die Familie ihrer Freundin. Und der Vater der Kinder sagt: Wunderbar, dann geh ich weiter arbeiten.

Im Grunde entziehen sich ja alle Männer in dem Buch auch ziemlich radikal. Sie bringen sich zwar nicht um, aber sie sind eben auch keine Väter. Sarahs Freund kann sich nicht entscheiden, ob er überhaupt Kinder will, Helenes Mann Johannes lagert die Kinderbetreuung einfach aus.

Die Männer im Buch sind keine Bösewichte. Die verhalten sich so, weil sich auch die Frauen so verhalten, es ist nur logisch. Warum sollten die Männer ihr Leben ändern, wenn ihnen die Frauen alles abnehmen? Die Frauen fordern zu wenig, sie haben nicht gelernt, zu fordern.

Sind wir an diesem Punkt nicht eigentlich schon ein bisschen weiter?

Nein, ganz ehrlich: Das glaube ich nicht. Hier auf dem Land, wo ich lebe, ist es absolut ungewöhnlich, dass Männer sich mit Frauen die Fürsorgearbeit teilen, dass sie beruflich zurückstecken und als Väter dieselben Aufgaben übernehmen wie die Mütter. Mein Mann und ich sind in unserem Umfeld die Einzigen. So gut wie alle meine Freundinnen haben ihre beruflichen Perspektiven durch ihre Schwangerschaften verloren. Am Ende sind es doch wieder und immer noch die Mütter, die sich um alles kümmern.

Das hat man ja auch in der Pandemie gut gesehen: "Homeoffice" hat für Mütter oft etwas ganz anderes bedeutet als für Väter.

Ich bin neulich auf einem Fest Frauen begegnet, die Witze drüber gerissen haben, wie ihre Männer im Homeoffice die Arbeitszimmertür schließen, nicht gestört werden wollen und mittags rauskommen in der Erwartung, dass ein warmes Essen auf dem Tisch steht. Während die Mütter das Homeschooling machen, die Kinder versorgen und eigentlich selbst arbeiten müssten. Und ich dachte: Was ist daran lustig? Dieser Witz geht auf eure Kosten, warum könnt ihr das nicht sehen?

In deinem Buch spielen auch Körperbilder eine große Rolle: Helenes Freundin Sarah, die mit ihrem Körper hadert, sich nie dünn genug fühlt und glaubt, ihr privater und auch beruflicher Wert bemesse sich an ihrer Kleidergröße. Und dann gibt’s noch Lola, Helenes älteste Tochter, die einen ganz neuen Weg geht: Sie entzieht sich diesem Schönheitsideal komplett, rasiert sich den Schädel und fängt an, richtig viel zu essen – auch als Mittel, diese Trauer und die Wut zu kanalisieren.

Ich wollte diese beiden Frauen auch als unterschiedliche Generationen des Feminismus gegenüberstellen: Sarah hält sich für emanzipiert und glaubt, es habe sich ja was verändert, es gebe doch Gleichberechtigung. Sie hängt in den Prägungen fest, wie eine Frau zu sein hat. Lola dagegen ist sehr informiert, in den heutigen Feminismus-Diskursen drin. Sie radikalisiert sich. Sie macht Kampfsport, isst sich Kraft und Körpermasse an, nimmt Raum ein – und feiert das mit ihren Freundinnen. Die Mädchen genießen es, wie anders sie wahrgenommen werden, weil sie nicht mehr klein, schmal und niedlich sind, sondern bedrohlich und stark. Es hat mir unheimlichen Spaß gemacht, diese jungen Frauen zu beschreiben und mich literarisch von den Standardvorstellungen über den weiblichen Körper zu lösen.

Glaubst du, dass diese simmernde Wut unter Müttern, die jetzt in der Pandemie noch mal so viel stärker geworden ist, tatsächlich bleibt? Und in welche Bahnen könnten wir diese Wut lenken?

Ich glaube, dass diese Wut bleibt und sich im System nicht viel ändern wird. Aber was uns hilft, ist Vernetzung. Da ist das Internet ein echter Segen. Je mehr ich mich austausche mit anderen Müttern, auch mit schreibenden Müttern, desto klarer werden mir manche Dinge. Zum Beispiel, wenn es um Geld geht: Wer verdient eigentlich wie viel? Es heißt ja nur, man soll nicht über Geld reden, damit Frauen nicht merken, dass sie bloß die Hälfte bekommen. Auch so ein Tabu. Und als Mutter von einer anderen Frau zu hören: Mir geht es auch so, du bist nicht allein, das ist wichtig. Offenheit und Zusammenhalt. Dieser Austausch unter Frauen, das kollektive Wissen könnte dazu führen, dass sich langfristig etwas ändert.

Werden wir so vielleicht auch endlich mal diese ewigen Schuldgefühle besiegen, die ja oft mit der Wut einhergehen?

Ich hoffe es. Es muss Raum dafür geschaffen werden, als Mutter sagen zu können: Ich bin überfordert, ich kann nicht mehr, ich weiß nicht weiter. Es gab in der Pandemie richtige Shitstorms gegen Mütter, die ihre Wut und Verzweiflung formuliert haben, weil die Familien alleingelassen wurden von der Politik. Da hieß es dann: Selbst schuld, du wolltest Kinder, jetzt musst du eben sehen, wie du das machst. Wenn die Leute das Tabu der Mutterliebe gebrochen sehen, geraten sie in Panik. Mütter haben keinen safe space, um über ihre Gefühle zu sprechen. Oder um konkrete Forderungen zu stellen. Einkommensausgleiche für jene, die zur Betreuung der Kinder ihre Arbeitszeit reduzieren mussten, Alternativen zum Schulessen, kurzfristige Schutzmaßnahmen für Opfer häuslicher Gewalt – das alles wäre möglich gewesen und hätte nicht mehr gekostet als die Hilfszahlungen an Airlines und Karnevalsvereine.

Man fühlt sich auch oft wie eine Versagerin, weil das Muttersein immer als natürlichste Sache der Welt dargestellt wird. Als etwas, was jede Frau doch intuitiv können muss.

Ja, und das ist ein Mythos. Es gibt keine geheime Mädchenschule, auf der uns das alles beigebracht wird, wir haben nicht das Mutterwissen in den Genen. Nach der Geburt sind wir genauso unwissend und oft überfordert, trotzdem wird von uns verlangt, diese Rolle sofort zu füllen – einfach, weil wir Frauen sind. Wie Sarah im Buch, die sich noch nie um Kinder gekümmert hat. Der Vater, der seine eigenen Kinder ja viel besser kennt, verlässt jeden Morgen fröhlich die Wohnung, weil er davon ausgeht: Die weiß schon, was sie tun muss. Und das finden wir völlig normal.

Hat das Muttersein eigentlich dein Schreiben beeinflusst?

Ich habe oft zu hören bekommen, ich hätte Bücher veröffentlichen sollen, bevor ich Kinder hatte. Vieles wäre dann einfacher gewesen, auf Lesereisen zu gehen zum Beispiel. Aber die Romanversuche, an denen ich in meinen Zwanzigern gearbeitet habe, waren nicht gut. Ich habe jetzt eine neue Sichtweise, und mein Schreiben hat mehr Tiefe. Ich bin ganz klar erst zur Feministin geworden, als ich Mutter wurde. Da habe ich vieles erkannt. Auch, dass Mütter in der Gesellschaft keine Stimme haben. Ich hoffe, dass mein Buch ein Beitrag dazu sein kann, dass sich das ändert.

Mareike Fallwickl: Buchcover Die Wut, die bleibt
© PR

"Die Wut, die bleibt"

Helene, Mutter dreier Kinder, steht vom Abendbrottisch auf und stürzt sich vom Balkon in den Tod – ohne ein Wort der Erklärung. Zurück bleibt ihre geschockte Familie, die nun versuchen muss, mit dieser Lücke zu leben. Während Helenes Mann direkt wieder arbeiten geht, springt ihre kinderlose Freundin Sarah ein, um die kleinen Söhne zu versorgen und um der 15-jährigen Lola eine Stütze zu sein. Während Sarah spürt, welche widersprüchlichen Gefühle das Muttersein mit sich bringt und wie viel Kraft ein Alltag kostet, in dem die Väter sich entziehen, findet Lola einen anderen Kanal für ihre Trauer: Wut. Ein intensiver und einfühlsamer Roman über alles, was die Gesellschaft Frauen und insbesondere Müttern zumutet. Und über die Kraft, die aus Solidarität unter Frauen entstehen kann, die gemeinsam ihre Wut nicht länger weglächeln. (384 S., 22 Euro, Rowohlt)

Mareike Fallwickl, 39, arbeitet als Autorin und Literaturvermittlerin, unter anderem auf ihrem Blog buecherwurmloch.at und unter @the_zuckergoscherl auf Instagram.

"Die Wut, die bleibt" ist ihr vierter Roman. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in der Nähe von Salzburg.

Brigitte

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