Meine Mutter, die Dealerin: Wie überlebt man eine Kindheit am Abgrund?

Mutter drogenabhängig

Wie überlebt man eine Mutter, die drogenabhängig ist und zeitweise im Gefängnis sitzt? Veruschka, 47, brauchte viele Jahre, bis sie ihre Wut überwunden hatte.

Meine Mutter verschwand aus meinem Leben, da war ich vier Jahre alt. Ich landete bei meinem Vater, den ich kaum kannte. Viele Stunden am Tag saß ich allein in meinem Zimmer und spielte mit Barbies. Ich stellte mir vor, wie die Mami hilflos mit Beinbruch in einer Klinik liegt.

Oft schlief ich zwischen zugedröhnten Partyfreunden ein

Wir wohnten auf . Nach außen war es ein Paradies. Tatsächlich lebten wir aber von den Drogendeals meines Vaters. Er zeigte mir, wie ich mir Spiegeleier zum Frühstück brate, damit er bis mittags schlafen konnte. Gegen 20 Uhr brachte ich mich dann selbst ins Bett, wenn ich nicht zwischen seinen zugedröhnten Partyfreunden einschlief.

Einmal öffnete ich die Tür und starrte in den Lauf einer Pistole. Zwei Männer schrien, sie würden meinen Vater jetzt töten. Sie stürmten an mir vorbei in sein Schlafzimmer. Ich zitterte vor Angst. Aber er kam lebend heraus und erklärte mir nie, was passiert war.

Besuch bei Mama - im Gefängnis

Nach 15 Monaten fuhr er mich überraschend zum Gefängnis. Dort saß meine Mutter, die beim Dealen erwischt worden war, auf einer Bank im Hof. Ich erinnere mich an die Wärterin, der die Tränen über die Wangen liefen, als sie unser erstes Wiedersehen beobachtete.

Meine Mutter war inzwischen Mitte zwanzig. Sie strahlte nichts Mütterliches aus. Aber sie war da, wenigstens für ein paar Stunden. Ich war glücklich.

Umzug nach Deutschland

Mit sechseinhalb Jahren stieg ich an der Hand einer hageren, fremden Frau in ein Flugzeug. Und im verschneiten wieder aus. Die Frau war meine Mutter. Sie hatte die harte Zeit im Knast überstanden und vermutlich genauso oft gehungert wie ich bei meinem Vater.

Bestimmt hatte sie sich ihre Tochter ganz anders vorgestellt als dieses unsichere, schweigsame Mädchen, das ich geworden war.

Was auch immer ich in den folgenden Jahren versuchte: Nichts war gut genug. Ich war nicht fröhlich, sie mochte meine Schulfreundinnen nicht, ich sagte die falschen Sätze auf die falsche Art.

Von meinem Geheimnis weiß sie bis heute nichts

Und ich trug ein Geheimnis mit mir herum, von dem sie bis heute nichts weiß. Als ich fünf war, legte sich ein Freund meines Vaters zu mir ins Bett und missbrauchte mich. Damals ging der letzte Rest Urvertrauen in mir verloren.

Vielleicht hätte eine feinfühlige, geduldige Vertrauensperson meine traumatisierte Kinderseele wieder ins Gleichgewicht bringen können. Meine Mutter aber bekam von meiner Verstörtheit gar nichts mit.

Reihenhaus-Idylle statt Hippie-Leben

Wir zogen in ein hübsches Reihenhaus nach Lübeck zu meinen Großeltern. Der Kontrast zwischen unserem Hippie-Leben am Strand, der sexuellen Freizügigkeit und den nächtelangen Drogenpartys hätte größer nicht sein können.

Immerhin: Meine Mutter schaute pragmatisch nach vorn. Sie kümmerte sich um Jobs als Kellnerin oder Barkeeperin und spülte ihre Dämonen weiterhin mit reichlich Alkohol hinunter.

Über ihre stumme Tochter und unseren völlig veränderten Alltag, in dem es plötzlich Mahlzeiten, Schulpflicht, Tischregeln und Sparsamkeit gab, sah sie einfach hinweg. Sie konzentrierte sich auf die Männer, die von ihrer unkonventionellen Art, ihrer entwaffnenden Ehrlichkeit und ihrer ungebrochenen Feierlust hingerissen waren.

Meine Omi war der erste Mensch, der mich lobte

Mir tat die Liebe meiner Omi gut. Sie war der erste und einzige Mensch, der mich lobte. "Das hast du fein gemacht!", sagte sie, und ich fühle noch heute ihre Wertschätzung.

Meine Mutter lobte nie. Ich lernte in sechs Monaten Deutsch, ich sehnte mich danach, sie zufriedenzustellen. Wäre sie zufrieden mit mir, dachte ich, würde sie weniger trinken, und dann hätten wir ein ganz normales Leben.

Auf meine Unsicherheit prallte ihr unerschöpfliches Selbstbewusstsein. Sie fragte nicht, was ich fühle. Sie erläuterte in einem Ton, der keine Widerrede zuließ, warum ich sei, wie ich bin. Es war, als stecke sie wie ein Geist in fremden Köpfen und kenne sich mit fremden Gedanken besser aus als man selbst. Ich wagte nicht zu widersprechen.

Ich widersprach nicht, aber der Körper rebellierte

Aber meine Wut verkrampfte sich, bis mein Körper anfing zu rebellieren. Ich bekam chronische Schmerzen im Rücken, in den Gelenken in der Schulter. Die Ärzte fanden nichts.

Mit 15 fing ich an, mit meinen Freundinnen zu trinken. Meine Mutter bekam nichts davon mit. Da nahm ich meinen Mut zusammen und erklärte ihr, dass ich den Highschool-Abschluss in den USA machen werde, da mir Freunde angeboten hatten, mit ihnen in Malibu zu wohnen.

Nun waren wir zumindest räumlich getrennt. Aber ich brauchte noch gut 20 Jahre, um mich innerlich von ihr zu lösen und ihr meine furchtbare Kindheit zu verzeihen.

Die Demütigungen gehen weiter

Sie feierte ihren 50. Geburtstag in der Suchtklinik. Ich baute mir eine berufliche Existenz als therapeutische Heilpraktikerin auf Hawaii auf. Telefonierten wir, erklärte sie mir noch immer, was ich fühle und denke, und machte mich damit innerlich rasend.

Aber ich schwieg und verbrachte anschließend Tage damit, herauszufiltern, was mich eigentlich wirklich beschäftigt. Es demütigte mich, dass sie meine Sätze unterbrach, um meine Gedanken scheinbar pointierter und eloquenter selbst zu beenden.

Ich hatte die 30 längst überschritten und wagte es noch immer nicht, ihr entgegen zu schleudern: "Nein, Mami, ich will etwas anderes sagen!" Depressive Phasen, tiefe Selbstzweifel und das Gefühl, es nicht wert zu sein, geliebt zu werden, bestimmten weiterhin mein Leben. Meine Beziehungen endeten oft, bevor es ernst wurde. Ehe, Hauskauf und eigene Kinder hatte ich gefühlt nicht verdient.

Mit über 40 besuchte ich meine Mutter noch einmal in Deutschland. Wieder holte mich meine alte Kinderwut ein: Wieso gab sie so hemmungslos Geld für Handtaschen, Röcke und Mascara aus, wo wir uns früher oft nicht mal ein Mittagessen leisten konnten? Wie konnte sie mir meine wenigen überflüssigen Kilos vorhalten, wo sie selbst so dünn war, dass ich mich sorgte?

Erst eine Therapie und eine Kontaktpause halfen mir 

Als sie Wochen später bei einem Telefonat meine rot gefärbten Haare kritisierte ("blöde Idee, niemandem steht Rot!") und ich stumm blieb, erkannte ich, dass ich etwas ändern musste. An mir! Ich wollte lernen, ihren Einfluss auf mein Selbstwertgefühl zu begrenzen.

Ich rang mich zu einer Therapie durch, die ich inzwischen als Heilpraktikerin auch bei meinen Patienten anwende – die Klopftherapie (kurz EFT). Während der intensiven Therapiestunden kam mein ganzer verstockter Schmerz in mir hoch. Mutig geworden bat ich meine Mutter um eine sechsmonatige Kontaktpause. Und kam endlich innerlich zur Ruhe. Ich erkannte, dass ich niemanden ins Unglück stürze, wenn ich meine Stimme nutze und laut und deutlich "Nein!" sage.

Als ich erstmals zu ihr sagte: "Nein, das will ich nicht!", fragte sie überrascht: "Wie redest du denn mit mir?" Und ich sagte gelassen: "So wie du mit mir."

Mit 70 ist sie clean - und ich nicht mehr auf sie angewiesen

Seitdem hat sich unsere Beziehung auf einen friedlichen, aber distanzierten Kontakt eingependelt. Sie ist bald 70, nach jahrelangen Anstrengungen clean und hat noch einmal geheiratet. Ich konzentriere mich jetzt auf mich, habe einen wunderbaren Mann, den ich liebe, und gute Freunde. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich nicht mehr auf sie angewiesen bin.


Text: Veruschka. Sie hat auch noch Kontakt zu ihrem Vater, aber das Verhältnis ist sehr distanziert. Sie sehen sich selten – und wenn, nie alleine.

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Protokoll: Silia Wiebe. Ein Artikel aus BRIGITTE Heft 10/2017

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