VG-Wort Pixel

Mental Load Mama macht das schon

Mental Load: Mutter isst mit ihren zwei Kindern in der Küche
© Hrecheniuk Oleksii / Shutterstock
Die Schulbrote, die Wäsche, die Urlaubsvorbereitung, der Elternabend, das Auto in der Werkstatt ... noch was? "Mental Load" nennt man das: Frauen müssen häufig an alles denken, während Männer die Dinge so laufen lassen. Diese Schieflage ist ein Problem, das alle angeht, sagt die Autorin Laura Fröhlich.
Interview: Angela Wittmann

"Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles" ist der Titel Ihres Buches, das sich mit dem Thema "Mental Load" beschäftigt. Es wurde als Weckruf gefeiert, wie ein lautes "Mamaaa" nachts um drei. Und dass jede Frau es lesen sollte. Und danach an zwei Männer weitergeben. Mindestens ... Was war Ihr Weckruf?

Laura Fröhlich: Dass ich zusammengebrochen bin. Wir waren im Urlaub. Die ganze Familienorganisation lag trotzdem bei mir. Und dann habe ich gemerkt, dass keiner daran gedacht hat, mit unserem Sohn Logopädie-Übungen zu machen. Das ist natürlich kein Drama, aber in dem Moment hat es das Fass für mich zum Überlaufen gebracht. Da habe ich den übelsten Rappel bekommen, den ich bisher hatte. Ich saß da und habe nur noch geheult. Wir haben den Urlaub dann abgebrochen. Und es gab noch einen Weckruf: Ich habe bei Bloggerin Patricia Cammarata das Thema "Mental Load" entdeckt. Das war wie eine Offenbarung, ich dachte: Genau das ist es!

Mütter wissen mittlerweile meistens sofort, was "Mental Load" bedeutet. Aber wie erklärt man das zum Beispiel Männern?

Als "mentale Last". Gerade wenn man sich in der Familie um alles kümmert, und speziell wenn man sich um Kinder kümmert, fallen unheimlich viele Aufgaben an. Man muss immer alles im Kopf haben. Diese Denk- und Organisationsarbeit, dieses ewige Alles-im-Blick-haben-Müssen, führt oft zur Überlastung. Das ist dann das Phänomen "Mental Load". Man könnte es vielleicht auch als eine Art häusliches Burn-out bezeichnen.

Fehlt den meisten Männern das nötige Verantwortungsgefühl, um so eine Überlastung zu verhindern?

Es fehlt ihnen, aber nicht, weil sie alle faul sind oder sich nicht engagieren wollen. Ich rege mich weniger über die Männer auf als darüber, dass die Gesellschaft uns von klein auf immer noch in die alten Rollen drängt: Der Mann ist Hauptverdiener, die Frau kümmert sich um die Kinder. Würden wir in einer perfekten Welt leben, könnten Männer und Frauen Arbeit, Haushalt und Erziehung unter sich aufteilen, wie sie wollen. Dann wäre es für Väter nicht so schwer, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Aber unsere Arbeitszeitmodelle sind immer noch viel zu unflexibel und familienunfreundlich.

Was wünschen Sie sich konkret von Vätern? Was sollen die ändern?

Ich wünsche mir erstens, dass Väter am Arbeitsplatz Verantwortung übernehmen und laut sagen, dass ihre Familie sie jetzt braucht. Dass sie mal sagen: "Ich reduziere meine Arbeitszeit." Oder: "Ich mache heute keine Überstunden."

Und zweitens?

Zweitens sollen Väter die Verantwortung dann zu Hause auch wirklich übernehmen. Und nicht nur passiv bleiben und sagen: "Hättest du mal was gesagt, dann hätte ich es auch gemacht." Ein Vater sollte sehen, dass sein Kind neue Stiefel braucht. Und dann auch mit ihm losziehen und welche kaufen. Fertig.

Nach Ihrem Zusammenbruch haben Sie den Familienalltag umgekrempelt. Wie haben Sie das hingekriegt?

Meinem Mann und mir hat eine ganz klare Struktur geholfen, um eine faire Lösung zu finden und den "Mental Load" tatsächlich zu teilen. Wir machen das jetzt als Organisationsteam: Sonntagnachmittags gibt’s ein fixes "Küchenmeeting" zur Planung der Woche. Wir nutzen "Trello" als Organisations-App. Und auch wenn das jetzt alles sehr technisch klingt: Bei uns hat sich die gute alte Excel-Liste zur Aufgabenverteilung bewährt. Für alle, die Angst vor solchen Tabellen haben: Ich habe da schon mal vorgearbeitet und eine "ultimative Steuerboard-Liste" erstellt. Die kann man sich als Vorlage auf meinem Blog www.heuteistmusik.de runterladen.

Ist so eine Liste dann zugleich auch schon eine Bedienungsanleitung für den Familienalltag?

Absolut. Und die ist in Krisenzeiten besonders wichtig. Das hat meinen Mann und mich gerettet, als wir wegen des Corona-Ausnahmezustands beide am Anschlag waren. Wir hatten trotzdem nie das Gefühl: Der andere ruht sich hier auf meiner Kümmerarbeit aus. Und so eine Anleitung ist auch wichtig, wenn mal wirklich einer krank wird oder ins Krankenhaus muss. Noch vor einem Jahr bin ich mit einem grippalen Infekt durch die Küche gegeistert, hab die Waschmaschine gefüllt, die ganze Familie an Termine erinnert, die Sachen der Kinder zusammengesucht ... Als mein Mann dann eine Woche später krank wurde, musste er sich nicht aus dem Bett erheben, sondern konnte sich in Ruhe erholen. Erst wenn jeder für sich in der Lage ist, den Alltag zu meistern, kann man sich auch als Mutter wirklich mal auskurieren oder sich einfach mal rausnehmen. So eine Anleitung für den Familienalltag funktioniert übrigens nicht nur als Excel-Liste. Wenn man will, kann man auch alles einfach in ein Heft schreiben.

Und wenn man gar keinen Partner hat, der einem etwas abnehmen kann?

Für die Alleinerziehenden muss generell ganz dringend etwas passieren in unserer Gesellschaft. Die werden von der Last, die sie tragen, sonst wirklich erdrückt. Im Moment kann ich nur raten: Lasst alles hintenüberfallen, was nicht unbedingt sein muss. Lasst euch vom Muttermythos nicht verrückt machen. Nichts muss perfekt sein.
Und traut euch, um Hilfe zu bitten. Und es wäre schön, wenn alle Eltern auch aktiv auf Alleinerziehende zugehen würden und ihre Hilfe anbieten, wo immer dies möglich ist.

Was entgegnen Sie Kritikern, die die Auseinandersetzung mit "Mental Load" als Luxusproblem abtun?

Mütter wie die Autorin Patricia Cammarata und ich sind natürlich privilegiert, weil wir Partner haben, die auch mit sich reden lassen. Vielleicht sind wir deshalb jetzt schon so weit entlastet, dass wir sogar Bücher über "Mental Load" schreiben konnten. Die meisten Mütter wissen a) noch gar nicht, woran sie überhaupt leiden. Und haben b) gar keine Zeit oder Kraft, überhaupt zu lesen und irgendwelche Tabellen zu erstellen oder sich gegen ihre Überlastung zu wehren. Diesen Frauen sind wir es jetzt schuldig, dass wir auf dieses Problem aufmerksam machen. "Mental Load" ist kein Luxusproblem, das ist viel mehr als die Frage, wer die Zahnpasta auf den Einkaufszettel schreibt. Nur die wenigsten brechen ja wie ich im Urlaub zusammen und haben dann einen Mann, der aktiv wird und hilft – die brechen ganz zusammen. Deswegen ist die Diskussion um "Mental Load" auch nicht nur Privatsache. Das ist eine hochpolitische und gesellschaftliche Angelegenheit.

Sehen Sie sich in dieser Sache als Vorkämpferin?

Man kann auch am heimischen Küchentisch bei der wöchentlichen Aufgabenverteilung zur Vorkämpferin werden. Wir Frauen können diese ganze Care-Arbeit und die Familienorganisation nicht mehr allein schultern bis zum Zusammenbruch. Wir müssen uns solidarisieren und ungeduldig, laut und wütend werden, weil wir keine Lust mehr haben auf lieb, leise und verfügbar. Wir müssen unsere Stimme erheben, auch für die, die einfach nicht mehr können. Wir sollten die Revolution zu Hause beginnen und sie auf die Straße und in die Öffentlichkeit tragen. Ich habe das Gefühl, wir werden viele sein.

Laura Fröhlich kämpft auch für ihre Tochter – "Nicht dass unsere Mädels später immer noch denken: Okay, ich bin die Mama, ich muss mich um alles kümmern, und wenn nicht, bin ich die Rabenmutter." 

Müttermagazin

Mehr zum Thema "Mental Load" im Herbstheft der BRIGITTE MOM. Jetzt im Handel oder unter www. brigitte-mom.de/ bestellen.

 
Patricia Cammarata ist Diplom-Psychologin, Projektmanagerin, Bloggerin (www.dasnuf.de) und lebt mit drei Kindern und ihrem Partner in Berlin. Sie hat den Begriff "Mental Load" in Deutschland eingeführt. Ihr Buch bietet konkrete Tipps, wie man die Last verteilt: "Raus aus der Mental Load Falle – wie gerechte Arbeitsteilung in der Familie gelingt" (224 S., 17,95 Euro, Beltz).

Mental Load: Buchcover "Raus aus der Mental Load Falle"
© PR


 

Mental Load: Buchcover "Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles"
© PR

Laura Fröhlich arbeitet als Journalistin, im Online-Marketing und lebt mit Mann und drei Kindern in der Nähe von Ludwigsburg. Auf ihrem Blog (www.heuteistmusik.de) beschäftigt sie sich mit Vereinbarkeit und Feminismus. Mehr über den Muttermythos und was sich ändern muss: "Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles – was Eltern gewinnen, wenn sie den Mental Load teilen" (192 S., 16 Euro, Kösel).

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Reine Familiensache-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Holt euch die BRIGITTE als Abo - mit vielen Vorteilen. Hier könnt ihr sie direkt bestellen.

BRIGITTE 20/2020

Mehr zum Thema