Modernes Familienleben: Warum viele junge Eltern in alte Muster zurückrutschen

Papas sind präsent wie nie. Gleichzeitig rutschen viele junge Eltern in alte Muster zurück. Wie das zusammenpasst, erforscht Soziologe Kai-Olaf Maiwald. 

Herr Maiwald, zwar gehen immer mehr Väter in Elternzeit und kümmern sich um Haushalt und Kind, drei Viertel von ihnen machen das aber nur die klassischen zwei Monate lang. Moderne Väter mit Baby im Tragetuch sind also immer noch mehr Hoffnung als Normalität. Warum?

Kai-Olaf Maiwald: Tatsächlich ist es so, dass Väter zwar präsent sind, aber sie spielen meistens oder planen Ausflüge. Um die alltägliche Versorgung, um die Wäsche oder das Kochen kümmern sie sich immer noch wenig. Und: Väter verbringen mehr Zeit mit ihrem Nachwuchs, sobald das eher anstrengendere Baby- und Kleinkindalter vorbei ist. Man kann hier von einer Art gebremster Modernisierung sprechen. All das führt für Mütter mit kleinen Kindern zu einer Doppelbelastung durch Lohn- und Care-Arbeit, die bei den meisten Vätern noch nicht angekommen ist. Papas fühlen sich schlicht weniger verantwortlich dafür, sich da einbringen zu müssen. Daher auch die kürzere Elternzeit.

Hängen wir unbewusst an traditionellen Rollenvorstellungen?

Ich denke nicht, dass die Rollen noch stark ins uns verankert sind. Kaum jemand glaubt heute wirklich, dass Frauen in die Küche gehören.

In Ihren Studien untersuchen Sie, wie sich Frauen und Männer die Hausarbeit aufteilen, insbesondere wenn sie Eltern werden. Warum verteilen viele Paare den Haushalt erst gleichmäßig, und sobald ein Kind da ist, ändert sich das plötzlich?

Das stimmt tatsächlich, das können wir insbesondere bei bildungsbürgerlichen Familien beobachten. Studien zeigen, dass diese Menschen zwar Gleichstellung in der Theorie am besten verstanden haben, jedoch in der Praxis am wenigsten leben. Das hat weniger mit Rollenbildern als viel mehr mit den Dynamiken in Paarbeziehungen zu tun. Es geht hier häufig um ein Bedürfnis nach Selbstverwirklichung, das von einem der Partner durchgesetzt wird, während der andere von den beiden zurücksteckt. Und darüber scheint es eine Art wechselseitiges Stillschweigen zu geben.

Wie lässt sich das durchbrechen?

Es ist so einfach wie effektiv: durch Reden. Die Grundlage sollte sein, dass der Beruf, und zwar von Vater und Mutter, als ein gemeinsames Projekt in der Familie verstanden wird. Wenn eine Geburt ansteht, sollte die Frage nicht mehr lauten, wer sich um Haushalt und Kind kümmert, sondern wie lange sich ein oder beide Partner abwechselnd dafür zuständig fühlen werden. Wichtig ist auch, das Ende für diese Zeiträume zu definieren und sich zu überlegen, was danach kommt. Vielen Paaren fehlt es aber schlicht an einer solidarischen Beziehungspraxis.

Wie meinen Sie das?

Es müsste viel mehr die Übereinkunft sein: Mein Problem ist auch dein Problem. Darunter fällt auch der Job. Es muss gefragt werden: Wie machen wir das jetzt? Nicht nach der Beförderung überlegen, wie man das nun dem Partner verkauft, sondern sprechen: "Das ist das Angebot, was machen wir damit?" Es ist übrigens auch nicht solidarisch, wenn zwar beide nach einem Jahr wieder arbeiten, die Frau aber zusätzlich über viele Jahre hinweg den Haushalt und die Kinder versorgt. Während nur sechs Prozent der Väter in Teilzeit arbeiten, sind es bei den Müttern knapp 70 Prozent.

Fotografin knipst einzigartige Fotos bei der Geburt ihres Sohnes

Aber viele Paare entscheiden sich für das klassische Modell, weil er mehr verdient.

Geld kann ein Argument sein. Doch jedes Paar sollte auch prüfen, ob der Lohn wirklich Priorität hat oder ob hier andere Gründe wirken. Wenn es demjenigen, der weniger verdient, mehr um die Selbstverwirklichung geht, dann sollte diese auch eine Rolle spielen dürfen. Außerdem könnte man auch ja argumentieren: Wenn die Frau weniger verdient, sollte sie erst recht früher wieder einsteigen, um früher die Weichen für mehr Lohn zu stellen. Der Vater verdient ja schon genug, dann kann er auch länger aussetzen.

Sind denn Arbeitgebende überhaupt bereit für neue Väter?

Firmen müssen diese ständige Verfügbarkeit abschütteln und weniger auf Präsenz achten. Ich sehe aber auch die Familie in der Pflicht, solche Probleme zu reklamieren. Das heißt: selbstbewusst hingehen, Kritik äußern und einfordern, was nötig ist. Firmen wissen, dass Menschen in konflikthaften Beziehungen weniger arbeitsfähig sind. Sie haben ja ein eigenes Interesse daran, familienfreundlich zu sein. Zumindest theoretisch.

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BRIGITTE 02/2020

Wer hier schreibt:

Anne Dittmann
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