Nesthocker-Trend: Wenn die Kinder einfach nicht ausziehen wollen

Nesthocker

Schön, dass sich Eltern und ihre Kinder heute so gut verstehen. Aber ist es wirklich ein reiner Grund zur Freude, wenn Mittzwanziger noch zu Hause wohnen und erwachsene Mutter-Tochter-Duos Klamotten tauschen? 

Text: Verena Carl

Es ist Sonntag, ein strahlender Tag in , als die Nachricht ihrer Tochter auf dem Handy aufpoppt: "Hey Mama, Lust auf einen Bummel im Schloss­park?"

Mama nimmt das Telefon und beginnt zu tippen: "Sorry, Schatz, ich kann nicht, ich hab ein Date." Und fragt sich dabei: Ist das nun rührend oder eher befremdlich, wenn sich ihre 22­-jährige Tochter an einem solchen Tag nichts Schöneres vorstellen kann, als mit Mama spazieren zu gehen?

Marie, die Tochter, ist wiederum gerade mit einer Freundin unterwegs, die ganz neidisch aufs Display schielt: "Du hast es gut. Ich wünschte, meine Mom wäre auch so unabhängig."

Maries coole Mutter heißt Gerlinde Unverzagt, Autorin, alleinerziehend, vier Kinder in den Zwanzigern. Als Marie, die Zweitjüngste, nach einem Auslandsaufenthalt ganz selbstverständlich wieder ihr altes Kinderzimmer bezog, fing Unverzagt an, sich Gedanken zu machen.

Ist etwas faul an der Harmonie?

Länger zusammen wohnen, häufiger zusammen feiern, sich gegenseitig T­-Shirts leihen – ist das nur die logische Fortsetzung einer liebevollen Kindheit? Oder ist doch irgendetwas faul an dieser Harmonie? In ihrem aktuellen Buch "Generation ziemlich beste Freunde – warum es heute so schwierig ist, die erwachsenen Kindern loszulassen" (16,95 Euro, Beltz) hat sie Fragen und Antworten zusammengetragen, Tochter Marie einige Kapitel aus ihrer Sicht ergänzt.

Sicher ist: Erwachsene Kinder und ihre Eltern stehen sich heute näher denn je – und das auf vielen Ebenen. 

Ein Faktor sind gestiegene Kosten

Zum einen räumlich: War 1970 jeder Zweite im Alter von 20 Jahren zu Hause ausgezogen, lebt heute jeder Dritte in der Altersgruppe 25 bis 34 immer noch oder wieder im Eltern­ haus, zwei Drittel davon Männer. Nicht selten liegt das zum Teil daran, dass es für die erwachsenen Kinder einfach praktisch ist: Warum explodierende Großstadt­-Mieten für WG-­Zimmer oder Apartment auf sich nehmen, wenn man's zu Hause billiger haben kann, inklusive Wäsche­-Service und Catering made by Mama? Dazu kommen gestiegene Ansprüche.

Unverzagt erinnert sich: 

"Ich habe mit Anfang 20 in einem besetzten Haus gewohnt, mit Apfelsinenkisten als Möbeln. Meine Kinder erwarten zum Auszug Power­Shopping bei Ikea."

Das passt zum Befund der aktuellen Shell­-Jugendstudie, die jungen Erwachsenen das Label "pragmatische Generation" verpasst.

Ziemlich beste Freunde

Trotzdem geht es meistens nicht nur um Kosten-­Nutzen­-Abwägung. 90 Prozent aller Jugendlichen geben an, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast drei Viertel würden ihre eigenen Kinder so erziehen, wie sie es selbst erlebt haben, ein Wert, der seit Anfang der Nullerjahre stetig gestiegen ist. Und laut einer Untersuchung der TU Chemnitz bespricht jede zweite junge Frau regelmäßig persönliche Dinge mit ihrer Mutter.

Wer den nackten Zahlen misstraut, muss nur mal bei einer beliebigen TV­-Casting­-Show einschalten: Kaum etwas wird so tränenreich inszeniert, wie wenn Mama und Papa im Model­ oder Musiktrainingscamp zu Besuch kommen.

Ein verwunderliches Ritual für alle, die in den Achtzigern und Neunzigern jung waren: Da wäre man eher im Boden versunken, als vor laufender Kamera den Alten um den Hals zu fallen. Aber damals wären Eltern auch
 nicht auf die Idee gekommen, Zehnjährige auf dem Schulweg zu begleiten und 
Erstsemester-Studenten zur Studienberatung – beides heute gang und gäbe.


Renaissance des Wir-Gefühls

Möglicherweise ist die neue Nähe auch Ausdruck des Zeitgeistes, der Renaissance des Wir-Gefühls. Ob "Public Viewing", "Sharing Economy" oder skandinavische Hygge-Gemütlichkeit: Anders als in früheren, mega-individualistischen
 Zeiten sehnen wir uns in der
 wackligen Welt von heute generationenübergreifend
 nach Zusammengehörigkeit, Berechenbarkeit, Beschaulichkeit.

Es mag Zufall sein 
oder auch nicht, dass die
 Anzahl der erwachsenen Kinderzimmer-Bewohner 
seit den frühen Nullerjahren rasant angestiegen ist – dem Zeitpunkt, als das 9/11-Attentat eine Zeitenwende markierte, von der Spaßgesellschaft zum neuen Bedrohungsgefühl.

Autorin Gerlinde Unverzagt findet das Zusammenrücken nachvollziehbar. Trotzdem sieht sie es in dieser Form kritisch:

"Das Wort 'Familie' hat heute einen unangenehmen Pathos bekommen. Da schlagen konservative Werte mit voller Wucht zurück." 

Überhaupt gibt es einiges an der aktuellen Entwicklung, das ihr Bauchschmerzen bereitet. Nicht mal so sehr die Bequemlichkeit der Jüngeren – sondern mehr noch die Bedürftigkeit der Älteren. Unverzagt glaubt:

"Kinder zu haben ist für viele Menschen heute ein zutiefst narzisstisches Projekt geworden"

Sie selbst sei als Kind eher "so mitgelaufen", während Kinder und Jugendliche heute gewissenhaft gefördert würden, vom Zwergen-Musikkurs bis zum "Gap Year" in Südostasien nach dem Abitur. Eine Investition, von deren Früchten man dann auch profitieren möchte.

Das muss gar nicht so weit gehen wie bei den Society-Müttern der New Yorker East Side, die von ihren Ehemännern finanzielle Boni für Schulnoten der Teenager erhalten, als wäre das Kind ein Investmentfonds und sein Erfolg eine mütterliche Management-Aufgabe.

Kinder als Lebenssinn

Aber auch ganz durchschnittliche Mittelklasse-Teilzeitjob-Mütter in Deutschland seien nicht immun gegen solche Anwandlungen, glaubt Gerlinde Unverzagt:

"Obwohl Berufstätigkeit bei Müttern heute viel verbreiteter ist als noch vor einer Generation, betrachten Frauen vor allem ihre Kinder als sinn- und identitätsstiftend – und ertragen es dann nicht, wenn an diesem zentralen Punkt eine Leere entsteht."

Denn dann müsste man sich ja unangenehmen Fragen stellen: Wie steht's um meine Partnerschaft? Was macht mein Leben sonst noch aus? Oder, verschärft noch bei Alleinerziehenden: Wie gehe ich mit dem Gefühl des Verlassenseins um? Des sichtbaren Älterwerdens?

Die Alternative ist verlockend: erwachsenen Kindern zu Hause alle Annehmlichkeiten bereiten, inklusive gemeinsamer Partys plus launiger WhatsApps zwischendurch, und daraus die Gewissheit ziehen: Hey, ich bin vielleicht 30 Jahre älter, aber innerlich genau so jung und cool!

Der Satz einer Single-Mutter aus einer TV-Doku ist Unverzagt besonders unangenehm im Gedächtnis geblieben: 'Mein Sohn ist der Mann meines Lebens' – eine solche Aussage grenzt für mich an emotionalen Missbrauch!"

Das Nicht-Loslassen-Können betrifft eher das großstädtische Bildungsmilieu 

Die Psychotherapeutin und Entwicklungspsychologin Christiane Wempe aus Ludwigshafen sieht die Dinge etwas weniger dramatisch: "Dies Nicht-Loslassen-Können, diese Rollenumkehr, das betrifft eher ein bestimmtes, großstädtisches Bildungsmilieu, nicht die Gesellschaft als Ganzes. Generell kann man aber sagen: Ablösungsprozesse sind heute etwas stärker gepuffert, nicht mehr so radikal."

Das hat zum einen mit modernen Medien zu tun: Wenn man vor 20 Jahren halbherzig versprach, auf der Interrail-Tour einmal die Woche eine Telefonzelle aufzusuchen, sind heute Eltern per Messenger-Dienst täglich im Bilde, was Mäuschen in Jakarta oder Hanoi gefrühstückt hat.

Zum anderen sind Lebensläufe heute weniger planbar. Abi mit 19, Zivildienst, Studium plus WG-Zimmer – das ist total Neunziger. Moderne Geschichten klingen eher so: Abschluss mit 17, ein Jahr Work and Travel, mit 18 erst mal wieder zurück nach Hause und um einen Studienplatz bewerben.

Wie erleichtert man sich das Loslassen?

Einig sind sich alle Experten: Innere und äußere Unabhängigkeit sind ein wichtiger Entwicklungsschritt für die Jüngeren, ebenso, dass die Älteren loslassen. Dass dies auch ein schmerzhafter Prozess sein kann – so wie jede große Veränderung im Leben –, bestreitet keiner.

Oft sind es kleine Rituale, die den Übergang erleichtern. "Als mein ältester Sohn auszog, hatten wir im ersten halben Jahr eine Verabredung: Einmal pro Woche kommen alle gemeinsam zum Essen", erinnert sich Gerlinde Unverzagt.

Vor allem aber empfiehlt sie Eltern, sich beizeiten mit dem auseinanderzusetzen, was unabwendbar vor ihnen liegt: "Dort, wo Kinder sich aus dem eigenen Leben zurückziehen, die Freiräume mit Eigenem aufzufüllen – das ist eine gute Vorübung."

Das fängt an beim ersten Kneipenbummel nach Ende der Baby-Stillzeit und geht weiter mit dem ersten Urlaub ohne Kinder, wenn die lieber auf Partytour nach Spanien wollen als auf Kulturreise ins Baltikum.

Die Leere als Chance

Eine Leere, ja – aber eine, die Platz bietet für neue Inhalte: wieder Zeit haben für den Partner, Gas geben im Job, Freiräume für Freundschaft, Hobbys, Reisen. Schließlich sei es etwas fundamental anderes, ob eine Liebesbeziehung zerbricht oder ein erwachsenes Kind flügge wird, findet Unverzagt: "Die Tochter, der Sohn geht – und liebt uns trotzdem weiter."

Ihre Tochter Marie übrigens bewirbt sich gerade um einen Studienplatz. Die Fachrichtung ist klar, der Studienort noch nicht. Mit einer Ausnahme: Berlin, findet Marie, geht gar nicht.

BRIGITTE 23 / 2017

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