Gebären mit Delfinen? Der Hype um die abgefahrenste Geburt

Die neue TV-Sendung "Extraordinary Births" zeigt eine Frau, die ihr Kind im Meer zur Welt bringen will, begleitet von Delfinen. MOM-Redakteurin Michèle Rothenberg fragt sich: Warum muss denn immer alles außergewöhnlich sein?

Es klingt ja ganz schön: Eine Frau schwimmt im Meer, frei, in der Natur, umgeben von dem Element, das sie am meisten liebt, und den Tieren, die ihr so vertraut sind. Dorina Rosin aus Hawaii arbeitet mit Delfinen, das Meer ist ihr zweites Zuhause. Warum soll sie in dieser Umgebung nicht auch ihr Kind zur Welt bringen?

Ja, warum nicht? Für die ganz normale Schwangere aus Wanne-Eickel ist das zwar so realistisch, wie ihr Kind auf dem Mond zu gebären, aber es ist immer noch Rosins eigene Entscheidung und ihre eigene Verantwortung.

Allerdings: Dorina Rosin will sich dabei nicht nur von Delfinen begleiten lassen, sondern auch von einem Kamera-Team. In der neuen Sendung "Extraordinary Births" des britischen Senders "Channel 4" werden Frauen gezeigt, die ihr Kind auf besonders abgefahrene Weise zur Welt bringen. Von der Ballerina, die bis zur Entbindung tanzen will, bis zur Yoga-Geburt, bei der Nabelschnur und Plazenta so lange nicht entfernt werden, bis sie von selbst abfallen. Und eben Dorina Rosin, die als Delfintherapeutin arbeitet und in Anwesenheit der Tiere ihr Kind gebären will.

Freier Wille - oder Sensationslust?

Und mit dieser Öffentlichkeit bekommt das ganze Projekt einen miesen Beigeschmack. Ist es dann wirklich noch Rosins ureigenes Bedürfnis - oder geht es auch darum, dem sensationsgierigen Publikum zu beweisen, dass sie das auch schafft?

Was ist, wenn sie es sich in den Wehen anders überlegt? Vor laufender Kamera wird sie es kaum wagen, sich schnell in den nächsten Kreißsaal kutschieren zu lassen. Wie viel freier Wille ist dann wirklich noch gegeben?

Ganz abgesehen davon, dass Delfine wilde Tiere sind und keiner weiß, wie sie reagieren, wenn die Frau anfängt zu schreien und wenn durch die Geburt plötzlich Blut ins Wasser fließt. Abgesehen davon, dass Komplikationen auftreten können und der nächste OP-Saal weit entfernt liegt. Abgesehen von all den vernünftigen Gründen, die gegen eine solche Geburt sprechen, stellt sich die Frage, ob wir solche Bilder wirklich brauchen. Auch wenn sie extrem sind, wecken sie bei anderen Frauen womöglich Begehrlichkeiten, den Wunsch, mitzuhalten.

Geburten sind unberechenbar

Eine solche Sendung verschiebt auch die Art und Weise, wie wir Geburten wahrnehmen. Bislang war jede Geburt ein außergewöhnliches Ereignis. Reicht das künftig nicht mehr? Brauchen wir statt bunter Lampen und Duftkerzen nun immer neue, extremere Special Effects?

Natürlich ist es gut, wenn Frauen ihre Vorstellungen von der Geburt so weit wie möglich umsetzen können. In der Regel wissen wir ja schon sehr genau, was uns gut tut. Und die Geburt unseres Kindes ist ein ganz besonderes Erlebnis, das wir so gestalten wollen, wie es uns gefällt.

Das Problem ist nur: Wünsche erfüllen sich nicht immer - und sie verändern sich auch in Extremsituationen. Ich zum Beispiel wollte unbedingt eine Wassergeburt und stellte mir vor, dass ich mich während der Wehen ganz viel bewegen würde. Als sie dann da waren, konnte ich mit Wasser plötzlich gar nichts mehr anfangen - und mit Bewegung erst recht nicht. Zufrieden war ich erst, als ich wie ein gestrandeter Wal mit der PDA im Rücken auf dem Gebärtisch lag.

Die Bloggerin Katja wiederum hat hier gerade erzählt, dass sie unbedingt zuhause gebären wollte - es dann aber aus medizinischen Gründen zum Kaiserschnitt kam. Eine Tatsache, unter der sie lange litt, auch deshalb, weil sie eine andere Vorstellung hatte und enttäuscht von ihrem Körper war.

Mütter haben schon genug Druck

Mit Sendungen wie "Extraordinary Births" werden die Erwartungen an Geburten womöglich noch höher, Erwartungen, die am Ende höchstwahrscheinlich enttäuscht werden.

Als würde der Druck nicht ausreichen, dass alle von uns perfekte Mutter-Fähigkeiten und perfekt erzogene, schlaue Kinder erwarten - muss jetzt auch noch die Geburt ein Superlativ sein? Nein. Lasst uns doch einfach in Ruhe unsere Kinder kriegen.

Video: Dorina Rosin schwimmt mit ihren Delfinen

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