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Neue Väter-Generation: "Hört endlich auf mit dem Bashing!"

Neue Väter-Generation: Vater schiebt Kinderwagen
© pavlin plamenov petko / Shutterstock
"Papa schickt die Kinder bestimmt bei Minusgraden im T-Shirt vor die Tür, hö, hö." Solche Witze regen Kristina Maroldt auf. Ihr Appell: Hört endlich auf mit dem Bashing, ihr schießt euch damit selbst ins Bein!

Neulich wieder, auf dem Schulhof. Drei Mütter haben ihre Kinder gebracht, stehen noch rum, reden. Da kommt ein Vater mit Sohn angeradelt. "Mist", ruft der Vater, "jetzt haben wir deinen Helm vergessen! Wo ist der gleich? Schuppen? Keller? Ach, egal. Geh rein, ich bring ihn noch vorbei." Sohn geht rein, Vater wetzt los. Da geht es schon los. Mutter 1: "War klar, ne?" Mutter 2: "Fußball aufm Handy ist halt spannender als Helm aufm Kopf, hö, hö." Beide: "Väter!" Großes Prusten. Mutter 3 schweigt. Mutter 1 gluckst: "Hab ich eigentlich schon erzählt, wie meiner Paula heute in die Kita schicken wollte? Zwei verschiedene Socken, Kleid falsch rum, hinten hing die Windel raus. Ich dacht, ich spinn ..." Mutter 2 unterbricht: "Das ist doch gar nichts! Also wenn MEINER die Kinder mal anzieht ..."

Hört endlich auf damit!

Spätestens zu diesem Zeitpunkt räumt Mutter 3 gewöhnlich die Bühne. Weil sie es einerseits hasst, wenn Mütter andere Mütter maßregeln, andererseits das Witzereißen über Väter – die das meiste genauso gut oder schlecht machen wie die Durchschnittsmamas und trotzdem wegen jeder Kleinigkeit zum Vollhorst erklärt werden – mindestens genauso bescheuert findet. Falls es noch nicht klar sein sollte, Mutter 3 bin ich. Und ab sofort, das sei hier schwarz auf weiß verkündet, werde ich nicht mehr schweigen, sondern mich so richtig aufregen. Weil ich das Väter-Bashing satthabe.

Es begegnet mir überall: auf dem Spielplatz, bei Familienfesten. Im Werbespot einer Supermarkt-Kette, die sich zum letzten Muttertag im Namen aller Kinder bei ihren Müttern bedankte, dass sie "nicht Papa" seien. In der Scripted-Reality-Serie eines Privatsenders, der Väter drei Tage mit ihren Kindern allein verbringen und die Mütter sich hinter der Kamera darüber das Maul zerreißen lässt. Überall wird die angeblich notorische Vollidiotie von Vätern bei Kinderbetreuung und Haushalt genüsslich ausgebreitet – nur um danach das große Klagelied anzustimmen: Wir Mütter sind für alles zuständig! Ach, hätten wir doch Partner, die zu Hause wirklich Verantwortung übernehmen würden – doch die Kerle wollen ja höchstens "helfen"! Merkt ihr eigentlich nicht, wie paradox das ist?

Väter können mehr, als manche Mütter ihnen zutrauen 

Schon klar, mancher Vater mag sich zu Hause wie die Axt im Walde verhalten. Witzereißen entlastet und, seien wir mal ehrlich, Macht abzugeben ist schwer – und sei es nur die Herrschaft über den Inhalt der Schulbrotdose. Doch wer keinen trotteligen Handlanger zu Hause will, dem man im Fall eigener Absenz jeden Tätigkeitsschritt zwischen Herd und Wickeltisch per WhatsApp soufflieren muss, sondern einen Partner auf Augenhöhe, der selbst Entscheidungen treffen und dafür Verantwortung übernehmen kann – der sollte Väter bitte auch so behandeln. Und das heißt: Klappe halten, machen lassen.

Die erstaunliche Erkenntnis, die sich dann nämlich einstellt, beschreibt die US-Autorin Gemma Hartley in ihrem Buch "Es reicht. Warum Familien- und Beziehungsarbeit nicht nur Sache der Frau ist": Ein Job-Projekt katapultierte Hartley, dreifache Mutter, einst tagelang aus ihrer Rolle als Familienmanagerin, ihr Mann übernahm und Hartley konnte ihn wegen ihrer Abwesenheit zu ihrem Entsetzen weder kontrollieren noch korrigieren. Doch, oh Wunder: Als sie zurückkam, stand das Haus noch und die Kinder lebten. Kurz: Alles war "nicht perfekt, aber verdammt gut".

Lachen hilft!

Ich finde, das ist exakt die Messlatte, die wir uns bei dem Thema setzen sollten. Perfektionismus hilft keinem. Um ihn also zu verbannen, fordere ich Fuck-up-Afternoons für Eltern, analog zu den Fuck-up-Nights der Start-up-Szene. Frauen wie Männer (!) könnten dort über ihre Mom- und Dad-Fails lachen und sich gegenseitig versichern, die Sache unterm Strich doch ganz passabel hinzukriegen. Weil Konkurrenzkämpfe zwischen den Geschlechtern nun wirklich das allerletzte sind, was wir zwischen Kinderkacka und Kakaoflecken auch noch gebrauchen können.

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