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Pubertät: Was wir von Pubertierenden lernen können

Pubertät: Jugendliche sitzen auf Skater-Rampe
© Anatoliy Cherkas / Shutterstock
Teenager, die zu fremden Wesen mutieren? Nicht nur in Coronazeiten eine Herausforderung. Trotzdem findet unser Autor Till Raether: Habt keine Angst vor ­Pubertierenden, lasst uns lieber von ihnen lernen.

Es gibt eine ganz seltsame Angst, die in den Hinterköpfen von Eltern kleinerer Kinder lauert. Also, ich hatte sie, einige andere, die ich kenne, haben sie. So eine dräuende Befürchtung, die sich altmodisch in der Spruchweisheit ausdrückt: "Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen." Und neumodisch in einem ganzen Zweig der Unter­haltungs­industrie, der davon lebt, größere Kinder, die eigentlich keine mehr sind, zu Witzfiguren zu verteufeln. Oder als Teufel zu verwitzeln. Und sie "Pubertiere" oder "Pubertisten" zu nennen. Als wäre die Pubertät jene Phase auf dem Weg zur Menschwerdung, in der man am wenigsten Mensch und eher Tier oder Terrorist ist. Dabei sind Pubertierende ganz besonders entzückende Menschen, die Zeit mit ihnen ist besonders schön und kostbar, und von ihnen und ihrer wunderbaren Durchgeknalltheit, ihrer Geistesabwesenheit, ihrer Gedankenlosigkeit, ihrer Gefühlfülle kann man als Eltern nur lernen.

Pubertierende lehren einen Akzeptanz

In den letzten Wochen habe ich viel Zeit mit zwei pubertierenden Kindern verbringen müssen, also: dürfen. Dies ist das Gegenteil von dem, was man normalerweise mit pubertierenden Kindern tut, denn sie entziehen sich gern: Sie sitzen in ihren Zimmern, denken nach, hören Musik, sind traurig oder fröhlich und wollen dabei nicht gestört werden. Dies ist, unter normalen Umständen, ein großer Vorteil an Pubertierenden. Sie stehen nicht alle fünf Minuten neben einem und wollen, dass man ihnen Legosteine aus der Nase holt oder mit den Stofftieren Wellness-Oase spielt.

Es kann sein, dass hin und wieder neue Probleme entstehen, die man regeln muss (Sachbeschädigung, Ruhestörung, Alkohol-Missbrauch und so weiter), und ich will diese Probleme nicht kleinreden. Sie lassen sich aber meist mit weniger Zeitaufwand regeln als die Probleme kleinerer Kinder. Denn die Probleme kleinerer Kinder wiederholen sich in kurzen Abständen: einkacken, nicht einschlafen, nicht durchschlafen, früh aufwachen, immer erkältet und so weiter. Das kostet viel Zeit und bringt wenig. Bei den großen Kindern führt man große Gespräche, droht große Konsequenzen an und macht sich große Gedanken, all das aber ist in gewisser Weise zeitlich begrenzt, weil: Man kann halt von Woche zu Woche weniger machen. Pubertierende lehren einen Akzeptanz.

Einerseits also mag ich an den Pubertierenden etwas, wovon mir früher nie klar war, dass es in meiner Zukunft auf mich wartete: mehr Zeit für mich zu haben. Außer, sie kommen ganz unvermittelt an und haben SOFORT Hunger und man muss sich auf der Stelle kümmern, aber dafür habe ich viel Verständnis, denn es ist, wenn ich ehrlich bin, auch in etwa die Art, wie ich mich ernähre: ungeduldig, antizyklisch und schubweise.

Große Kinder – Begeisterungsfähig und empfindsam

Nun aber, in den letzten Wochen, hatten die beiden großen Kinder, fast 13, fast 16, keine Gelegenheit, sich dauerhaft zu entziehen. Und ich hab zur Abwechslung ziemlich rund um die Uhr erlebt, was wundervoll an Pubertierenden ist. Sie sind oft sehr lustig, weil ihr Verhalten mitunter so bizarr ist, dass sie gar keine andere Möglichkeit haben, als selbst darüber zu lachen. Sie übersehen und vergessen so viele Dinge, dass ich zwar einerseits ziemlich viel damit zu tun habe, sie daran zu erinnern oder Sachen dann doch selbst zu erledigen. Andererseits beobachte ich das seit Woche zwei oder drei, die wir aufeinandersitzen, mit einer gewissen Ehrfurcht, und ab Woche vier fange ich an, mir ein Beispiel daran zu nehmen. Vielleicht nicht am Geschirr-stehen-Lassen und am Müll- nicht-Rausbringen, aber daran, so in etwas vertieft zu sein, dass man Alltägliches vergisst.

Ich bewundere, wie vertieft sie sind, in kleine Bildschirme, vielleicht sogar in ein Buch, Kritzeleien, irgendwelche Projekte, DIYs, oder einfach nur ins Dasitzen. Hin und wieder sind sie dabei sogar dermaßen vertieft, dass sie sich im Vorbeigehen den Nacken küssen lassen. Wenn ich das bei den Sechs- oder Neunjährigen gewagt habe, wurde ich immer sofort in ein Spiel verwickelt, von dem ich nichts verstand, außer dass ich es verlieren würde.

Vor allem lasse ich mich davon mitreißen, wie begeisterungsfähig und wie empfindsam die großen Kinder sind: Mit ihnen zusammen zu sein lehrt mich, wie schön es ist, die Dinge an sich heranzulassen und nicht wie ich immer gleich wegzurennen oder abzuwiegeln. Und, eine Spielart davon: wie sie zwischendurch für Minuten wieder ganz klein werden und selbst verblüfft darüber sind, und dann wirft sich jemand, der schon einsfünfundsiebzig ist, aufs Sofa und auf mich und klammert sich an mich, bis mir die Luft wegbleibt, und eine Dreizehnjährige, die zu normalen Zeiten nicht mehr mit mir ins Kino geht, will plötzlich mit mir kämpfen, als wären wir beide wieder sieben.

Auf die Pubertät freuen

All das sind die Dinge, aus denen Pubertät nach meiner Erfahrung hauptsächlich besteht. Ihr könnt euch, wenn eure Kinder noch kleiner sind, wirklich darauf freuen. Es sei denn, ihr wart selbst so schreckliche Pubertierende, dass ihr es euch eigentlich nicht mehr anders vorstellen könnt als eben so, dass eure Kinder auch so werden wie ihr damals. Aber selbst da muss ich sagen: Ich war ein grauenvoller Stinkstiefel, als ich so alt war wie meine Kinder, ich glaube, ich habe drei Jahre mit niemandem aus meiner Familie geredet, meiner Mutter Hartgeld gestohlen für Zigaretten und meine Schwester auf dem Schulhof geschnitten, ich habe schmutziges Geschirr unter mein Bett geschoben, meiner Deutschlehrerin mit herrischer Arroganz die Welt erklärt und vor Wut geheult, wenn meine Lieblingsjeans nicht trocken war – und selbst mir sind lustige Pubertierende beschert worden. Warum also nicht auch euch.

Till Raether schreibt auch in seinem Buch "Ich werd dann mal... Nachrichten aus der Mitte des Lebens" übers Elternsein. Darin finden sich Texte aus der MOM sowie Neues über das Familienleben. (12 Euro, rororo)

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