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Erziehungsexperte Remo Largo "Kindern genügt die Kleinfamilie nicht"

Remo Largo: Kinder sitzen zusammen
© Rawpixel.com / Shutterstock
Wir brauchen eine radikal neue Art des Zusammenlebens, sagt Erziehungspapst Remo Largo. 

BRIGITTE: Als die Corona-Krise die Welt traf, hatten Sie Ihr Buch gerade beendet – und ergänzten es. Hat die Pandemie Ihren Blick verändert?

Remo Largo: Nein. Sie macht jedoch die großen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme für alle sichtbar. Ziehen wir die richtigen Schlüsse, kann sie hilfreich sein. Denn die Herausforderungen der Zukunft werden noch weitaus größer sein als die momentane Krise.

Klingt düster.

Wir stehen am Abgrund einer ökologischen Katastrophe, und vor Corona wurde vieles verdrängt, beispielsweise wie prekär manche Menschen arbeiten, sei es in der Pflege oder in der Fleischindustrie. Wie unter einem Brennglas erleben wir momentan auch, wie sehr wir auf Nähe und Geborgenheit, Zuwendung und soziale Anerkennung angewiesen sind – und wie groß der Mangel daran mittlerweile ist, zuvorderst für Ältere und Kinder.

Aber viele Kinder wachsen doch geborgener auf als früher!

Eltern heute sind im Gros liebevoll, und es ist ein großes Glück, dass körperliche Züchtigung verboten ist. Wir haben unsere Lebenswelt zu unserem Vorteil verändert. Doch mehr noch zum Nachteil, leider so sehr, dass der Planet vor dem Kollaps steht und wir Menschen leiden.

Was brauchen Kinder, um gut und gesund aufzuwachsen?

Sie fühlen sich körperlich und psychisch wohl, wenn ihre Grundbedürfnisse befriedigt werden, sie also Geborgenheit, körperliche Integrität und existenzielle Sicherheit erfahren. Elementar sind auch soziale Akzeptanz, Selbstentfaltung und die Chance, Leistung zu erbringen; nicht normiert, sondern den individuellen Fähigkeiten entsprechend. Das Entscheidende ist nun – und für unsere momentane Lebensweise auch die Krux –, dass diese Grundbedürfnisse für Kinder und Erwachsene gleichermaßen gelten, jedoch kaum in einer anonymen Massengesellschaft befriedigt werden können. Wohl aber sehr gut in einer Lebensgemeinschaft mit vertrauten Menschen.

Warum?

Bleiben wir bei den Kindern: Ihnen genügt die Kleinfamilie nicht. Sie brauchen mehr als ein oder zwei erwachsene Bezugsmenschen als Vorbilder und Weggefährten, die andere Fähigkeiten und Fertigkeiten haben als die Eltern. Und Kinder brauchen andere Kinder verschiedenen Alters, mehrere Stunden am Tag. Unter Erwachsenen scheitern oft Beziehungen, weil ein Mensch alles sein soll. Kurz gesagt: In Partnerschaften bemüht sich der Einzelne sehr, und trotzdem ist das, was das Gegenüber bekommt, oft nicht ausreichend. Es fehlt der ergänzende Ausgleich durch vertraute Bezugspersonen einer Lebensgemeinschaft.

Was muss geschehen, damit Ihre Utopie Realität wird?

Wir brauchen eine neue Basisbewegung. In meinem Dorf haben wir ein Generationenprojekt initiiert. Menschen allen Alters begegnen sich, Kinder werden flexibel betreut. Genossenschaftliche Lebensgemeinschaften könnten leicht Wirklichkeit werden, wenn der Privatbesitz von Grund und Boden abgeschafft wird, er sollte wie Luft und Wasser Allgemeingut werden. Grundstücke könnten für eine begrenzte Dauer vom Staat gepachtet werden. Den Rahmen muss ein reformiertes Wirtschafts- und Politiksystem bilden – ohne Wachstumsprämisse, mit mehr direkter Demokratie. Nur in einer Gesellschaft, in der die Grundbedürfnisse jedes Einzelnen erfüllt werden, werden Hass, Unzufriedenheit, Ausgrenzung und Leid ein Ende finden.

Fazit:

Für alle, die eine reformierte Gesellschaft wollen und neben einer Vision auch konkrete Tipps für einen Ausstieg aus dem Immer-mehr-Karussell suchen. 

Remo H. Largo, 76, ist Kinderarzt und leitete fast drei Jahrzehnte die Abteilung Wachstum und Entwicklung des Kinderspitals Zürich. Sein Bestseller "Babyjahre" ist Standardwerk für Eltern. Neu von ihm: "Zusammen leben" (208 S., 17 Euro, Fischer).

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BRIGITTE 19/2020

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