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Rollentausch Wenn Papa alleine Elternzeit macht

Rollentausch: Vater trägt Sohn auf Schultern
© Evgeny Atamanenko / Shutterstock
Seit Jahren lebt unsere Autorin ein recht klassisches Rollenmodell. Höchste Zeit also, mal einen Perspektivwechsel zu wagen. Wie läuft das, wenn Papa zum ersten Mal alleine für den Alltag einer sechsköpfigen Familie verantwortlich ist?

Mein Mann und ich, wir leben das Klischee. Zwar machen wir beide viel im Haushalt und am Wochenende sind wir ein prima Team, aber unter der Woche, da machen wir gefühlt immer eine Zeitreise zurück in die Fünfziger. Er Vollzeit, ich Teilzeit, die Elternzeit haben wir so richtig spießig in zwölf Monate für mich und zwei Monate für ihn eingeteilt. Das liegt nicht daran, dass wir das so am besten finden, sondern eigentlich nur daran, dass uns jedes andere Modell richtig viel Kohle gekostet hätte. Und die sitzt in einer Familie mit vier Kindern nunmal nie so richtig locker in der linken Hosentasche. Blöd war es trotzdem. Vor allem während der Coronazeit verschärfte sich die Lage dann noch, da er systemrelevant war, ich nicht. Also verließ er weiter jeden Morgen das Haus, ich klappte meinen Laptop zwischen zwei Homeschoolern und einem unterforderten Vorschulkind auf und versuchte, meinen letzten Nerv nicht zu verlieren.

Hilfe, der Haussegen hängt schief

Es kam, wie es kommen musste: Wir fingen an zu streiten. Und zwar so richtig. Ich, weil ich mich allein gelassen und zu wenig wertgeschätzt fühlte. Er, weil er jeden Abend Vorwürfe á la „Und du hattest den ganzen Tag deine Ruhe!“ um die Ohren geklatscht bekam. Es war grauenhaft. Als dann mitten in der Pandemie noch unser viertes Kind geboren wurde, fielen wir endgültig komplett ins Rollenklischee und gleichzeitig beide in eine tiefe Krise. Er hätte so gerne mehr Zeit mit den vier Kindern verbracht und ich hätte alles gegeben für einen einzigen Tag ohne sie. Das hört sich grausam rabenmütterlich an, aber es war exakt so. Und so entstand an einem tränenreichen Abend der Plan, den Spieß ganz einfach mal umzudrehen. Für mehr Verständnis, mehr Wertschätzung und mehr von dem, was wir jeweils brauchten.

Papa macht alles. Der kann das!

Wir hatten Glück. Pünktlich zu Beginn seiner zwei Elternzeitmonate kam ein Auftrag für mich rein, an dem ich gut einen Monat zu tun hatte. Das Universum weiß manchmal echt gut Bescheid, was man braucht. Ich mietete mir einen Arbeitsplatz in einem kleinen Büro im Nachbarort und verließ wenige Tage nach dem ersten Geburtstag unseres Sohnes morgens einfach das Haus, noch bevor der morgendliche Familienwahnsinn begann. Ich meinte das alles wirklich ernst, ich wollte raus, und zwar so richtig. Den Eltern der Freunde unserer Kinder hatte ich Bescheid gegeben, dass ich nicht mehr zuständig bin, die Mails der Schule gingen direkt (und nur) an Papa. Corona-Tests, Hausaufgaben, Schulfeste, Hobbies... all das ging mir von Tag 1 an sowas von am Hintern vorbei. Und zwar viel mehr, als es das meinem Mann jemals ging. Aber ich fand, ich hatte eine Pause mehr als verdient und wollte sie so richtig auskosten. Ich war selbst überrascht, wie leicht loslassen fällt, wenn man so richtig richtig erschöpft ist.

Ach, so ist das

Ein Monat ist nun fast vorbei und wir lieben unser neues verdrehtes Leben noch immer, und zwar alle. Ich, weil ich mich auf eine einzige Sache konzentrieren kann und niemand meinen Zeitplan durcheinander bringt. Mein Mann, weil er den ganzen Tag mit unserem Jüngsten verbringen kann und auch von den anderen drei Kindern viel mehr mitbekommt. Und die Kinder, weil Papa auch mal Schokobrote erlaubt, wenn das Mittagessen nicht schmeckt. Das Baby ist kein Nur-Mama-Kind mehr, aber auch kein Nur-Papa-Kind. Er schreit einfach konsequent, wenn einer von uns beiden ohne ihn das Haus verlässt, weil er uns beide einfach gleich gern hat. Das fühlt sich richtig gut an. Was aber wirklich lustig ist an der neuen Verteilung ist das Ach-so-ist-das-Gefühl. Denn so richtig gut vorstellen konnten wir uns den Alltag des jeweils anderen offensichtlich nicht.

Wie ein Gast

Wenn ich tagelang jeden Tag außerhalb des Hauses verbringe, fällt es mir tatsächlich manchmal sehr schwer, abends in die Familie zu finden. Ich begreife die Stimmung manchmal nicht, bringe aus Versehen feste Abmachungen durcheinander und weiß nicht mal, was im Kühlschrank ist. Das fühlt sich mitunter ganz schön fremd an, fast wie ein Gast im eigenen Haus. Aber vor allem ist es etwas beschämend, weil ich meinem Mann genau diese Dinge manchmal vorgeworfen habe. „Du kommst hier rein und bringst alles durcheinander, anstatt erst mal zu fragen, was hier abgemacht ist!“, war ein Klassiker in meinem Mecker-Repertoire.

Und plötzlich weiß Papa Beschied

Andersrum ist es nicht anders. Sobald ich nach Hause komme, drückt mein Mann mir gerne direkt den Einjährigen in den Arm. „Hier, jetzt darfst du ihm mal hinterherrennen!“

Ist wohl doch etwas anstrengender als gedacht, der Alltag mit so einem Kleinen, wenn man wirklich alles mit ihm hinbekommen muss. Wie ich noch vor einem Monat hat jetzt mein Mann abends ganz stark das Gefühl, mal alleine einkaufen oder irgendwas erledigen gehen zu müssen, um einmal am Tag kurz alleine zu sein. Irgendwie lustig, dass er das vor unserem Rollenwechsel eher hinnahm als verstand. Wirklich witzig finde ich auch, wie genau er manchmal beobachtet, was ich mit dem Kleinsten so mache und dann Kommentare abgibt wie: „Das macht er normalerweise so und so!“ Kenn ich. Fühlt sich doofer an als gedacht auf der anderen Seite.

Insgesamt habe ich jedenfalls wirklich das Gefühl, dass wir uns viel weniger erklären müssen, seit wir mal in die Rolle des anderen geschlüpft sind.

Es wird schwer, wieder zurückzugehen

Alles wieder wie früher zu machen, wird hart werden für uns beide. Wir haben in nur einem Monat so viel gelernt über das Leben des anderen. Wir haben aber auch viel darüber gelernt, wie gut es wäre, wirklich alles zu gleichen Teilen aufzuteilen.

Es ist wirklich frustrierend, dass das auch 2021 noch so schwierig ist, wir sind aber mehr denn je bereit, uns diese gerechtere Aufteilung auch etwas kosten zu lassen. Es ist nicht richtig, den ganzen Tag von den Kindern getrennt zu sein und sich wie ein Gast im eigenen Haus fühlen zu müssen. Es ist auch nicht richtig, dass alle Verantwortung für den Alltag nur auf den Schultern einer einzigen Person liegt. Das macht es nämlich manchmal sehr schwer, das Familienleben zu genießen. Wir für unseren Teil werden alles daran setzen, dass es bei uns gerechter zugeht in Zukunft. Wir können nur hoffen, dass auch die Politik langsam auf den Trichter kommt, dass keiner mehr Bock hat, das lebende Klischee von 1950 zu sein. Denn das kann wirklich keinem gut tun auf Dauer. Uns als Eltern nicht, den Kindern nicht und ich bin mir sicher: Nicht mal dem System.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf ELTERN.de erschienen.


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