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Roses Revolution Day: "Bis heute kann ich nicht ohne Tränen darüber sprechen"

Roses Revolution Day: Frau im Kreißsaal
© Gorodenkoff / Shutterstock
Jede Rose steht für eine Frau, die unter der Geburt Gewalt erlitten hat - zum "Roses Revolution Day" legen Frauen bundesweit Rosen vor Kreißsäle und offenbaren, warum ihre Geburt für sie so traumatisch war.
Diese Geburt ist der Grund, warum ich kein Kind mehr bekomme. 

Gewalt im Kreißsaal: Jedes Jahr am 25. November legen Frauen in Deutschland rosafarbene Rosen und Briefe vor den Türen der Orte nieder, an denen sie während der Schwangerschaft oder unter der Geburtkörperliche oder seelische Gewalt erlebt haben.

Die betroffenen Frauen berichten zum Beispiel von grober und demütigender Behandlung durch das medizinische Personal, ungewollten Dammschnitten, voreiligen Kaiserschnitten, brutalen Vaginal-Untersuchungen, oder Ärzten, die sich plötzlich und ohne Vorwarnung mit ihrem ganzen Körpergewicht auf den Bauch der Frauen werfen, um die Geburt voranzutreiben. 

Die Soziologin Christina Mundlos aus Hannover hat ausführlich zu derartigen Gewalterfahrungen in deutschen Kreißsälen recherchiert und in ihrem Buch "Gewalt unter der Geburt – Der alltägliche Skandal" viele schockierende Erfahrungsberichte von Müttern, Vätern und Hebammen zu gewaltvollen Erfahrungen in deutschen Kreißsälen versammelt.

Darin berichtet sie auch von ihrem eigenen Geburtstrauma. Als sie ihr erstes Kind zur Welt brachte, setzten die Ärztin und die Hebamme sich über ihre Behandlungswünsche hinweg und führten einen Dammschnitt durch, den Christina Mundlos auf keinen Fall wollte. Noch Wochen später litt Christina Mundlos infolge des Dammschnitts an starken Schmerzen. Bis heute ist sie wütend auf die Ärztin:

Das Gefühl der Wut, der Ohnmacht und des Missbrauchs dauern bis heute an.

Viele Frauen leiden jahrelang unter den Folgen solcher Gewalterfahrungen. Das Ziel der Rosen zum "Roses Revolution Day": aufrütteln, die Gewalt anprangern und für menschenwürdige Geburtserlebnisse mit Respekt vor den gebärenden Frauen kämpfen. 

Drei der Frauen, die ihre Geschichte zum "Roses Revolution Day" auf Instagram gepostet haben, möchten wir auch hier zu Wort kommen lassen:

Sandra vom Blog "mamahoch2" schreibt zu einem Foto ihres Babys: "Ich rede eigentlich nicht gerne darüber, aber ich habe mit meiner 3. Geburt mich so fremdbestimmt gefühlt wie nie zuvor und das alles nur, weil es für eine 3. Gebärende nicht nach Plan lief." Ihre Intuition und der Wunsch nach einer Geburt in der Geburtswanne seien übergangen worden, stattdessen wurde sie "Laufen geschickt". Nach einigen Stunden wurde einleitendes Gel gelegt, doch auch dieses brachte die Geburt nicht voran.

Nach mehr als 24 Stunden Wehen fühlte Sandra sich völlig hilflos: "Ich hatte die Kontrolle verloren über alles was geschah – ich hatte keinen Mut mehr, keinen Willen, ich hätte einem Kaiserschnitt willenlos zugenickt. Ich wusste, die Uhr tickte, bis sie mich aufschneiden würden."

Schließlich wurde Sandra so wütend, dass sie bis auf "eine nette Hebamme" auf einem leeren Kreißsaal bestand, dann ging es endlich voran: "In nur 1,5 h fiel meine Tochter in der Wanne aus mir, ich verlor viel Blut...Not OP. Diese Geburt ist der Grund, warum ich kein Kind mehr bekomme, und über die Worte 'Hauptsache gesund' kann ich bis heute nur müde lächeln."

Bloggerin Sara von "brombeermama" erlebte bei der Geburt ihres Kindes den sogenannten "Kristeller-Handgriff", bei dem das medizinische Personal Druck auf den Bauch der Mutter ausübt, um die Geburt voranzutreiben. Sara schreibt unter anderem:

"Mit einem Dammschnitt und dem körperlichen Einsatz des Arztes, der sich mit seinem Körpergewicht auf mich drückte, kam meine Brombeere auf die Welt und ich hätte glücklicher nicht sein können. Ich empfand in dem Moment pures Glück und unendliche Dankbarkeit. Ich klagte später jedoch über Atemnot und Schmerzen in der Brust. Das Personal fragte: 'Hat der Arzt sich bei der Geburt auf sie gestützt?' – 'Ja, hat er.' – 'Dann haben Sie bestimmt eine Rippenprellung.' Ich hätte mir wirklich sehr gewünscht, dass der Arzt den Einsatz des sogenannten Kristeller-Handgriffs mit mir besprochen hätte." 

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Auch Nina, auf Instagram unter "erdbeerfrosch" unterwegs, kann bis heute nicht ohne Traurigkeit über die Geburt ihres Sohnes sprechen. Sie schreibt:

"Vor fast 18 Monaten wurde mein Sohn geboren, und ich kann immer noch nicht ohne Tränen in den Augen über diese Dinge schreiben." Bei der Geburt habe es Probleme mit der Dosierung der Schmerzmittel gegeben und unmittelbar nach der Geburt sei ihr der Kontakt zu ihrem Baby verweigert worden: "Mir wurde nach dem Kaiserschnitt ohne jeden Grund das sofortige Bonding mit meinem Sohn verweigert. Mir fehlen die ersten Minuten im Leben meines Kindes, mir fehlt ein Stück meiner eigenen Geschichte. Das belastet mich bis heute ... Bitte sagt nie 'Hauptsache, das Kind ist gesund!' wenn jemand von einer traumatischen Geburt erzählt. Es fühlt sich an, als hätte man kein Recht, unglücklich zu sein, wenn das Kind doch gesund ist."

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Auch eine Hebamme äußert sich zu gewaltvollen Erfahrungen im Kreißsaal. Alexandra schreibt zu einem Foto einer dunkelroten Rose:

"Gewalt in der Geburtshilfe. Hört sich schlimm an. Ist es auch. Es gibt dafür keine Entschuldigung ... Als Hebammenschülerin habe ich es fast täglich erlebt. Reine körperliche Gewalt, aber vor allem auch verbal ... Ich habe mich oft gefragt, warum. Warum werden Frauen von oben herab behandelt, gedemütigt, entmündigt, angebrüllt, grob angefasst, verachtend betreut. Ganz klar geht es zum einen um Macht. Und den Missbrauch dieser. Aber ganz oft ist es auch Nachlässigkeit, Betriebsblindheit. Ich finde es auch daneben, abfällig über einen narkotisierten Menschen zu reden. Ich habe mich so oft geschämt, Teil dieses Klinikteams zu sein."

Über solch gewaltvolle Erfahrungen in einem der intimsten Momente des menschlichen Lebens zu sprechen, erfordert großen Mut. Doch die Frauen, die sich trauen, darüber zu sprechen, wollen nicht einfach hinnehmen, dass so viele Frauen unter der Geburt Gewalt erleben. In einem aktuellen Blogbeitrag zum "Roses Revolution Day" fasst Christina Mundlos zusammen: "Es gibt nur eine Möglichkeit wie die Gewalt vermindert und die Gleichberechtigung gestärkt werden kann: Der politische Protest muss weitergehen. Damit wir wenigstens für unsere Töchter erstreiten können, was uns zu oft verwehrt blieb – Menschlichkeit (im Kreißsaal)."

Videotipp: Darum sollte sich keine Mutter dafür schämen, dass sie Hilfe braucht

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