Kann ich mein Kind nackt draußen rumlaufen lassen?

Wie viel Nacktheit dürfen wir unseren Kindern noch erlauben? Unsere Autorin Merle Wuttke geht der neuen Verkrampftheit und dem Schamgefühl einiger Eltern nach.

Gerade hatte ich geduscht und war dabei, mich abzutrocknen, als die Badezimmertür aufgerissen wurde, mein Achtjähriger fröhlich herein sprang und rief: "Mama, darf ich gleich zu Rosalie?" Eine alltägliche Situation, dennoch riss ich das Handtuch hoch und hielt es mir verschämt vor den Busen. Vor den Busen, der vor acht Jahren genau dieses Kind ernährt hat und bei dem ich mir damals nie einen einzigen Gedanken gemacht habe, ob Fremde einen Blick darauf erhaschen könnten und wenn, ob das anstößig sein könnte. Geschweige denn, ob das hingebungsvoll saugende Kind an meiner Brust von dem Anblick eben dieser traumatisiert werden könnte. Und jetzt das. Panik im Badezimmer.

Im ersten Moment wusste ich nicht: Ist es mir jetzt unangenehm, dass mein Sohn mich völlig entblößt sieht? Oder ist es vielmehr der Gedanke, dass er sich unwohl beim Anblick des nackten Körpers seiner Mutter fühlen könnte?

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Nackt spielen? Möglichst nur im eigenen Garten

Wie und wann hatte das angefangen? Und warum? Bisher pflegte ich ein recht unverkrampftes Verhältnis zu nackten Körpern. Für die Hoch-Zeit der Oben-ohne-Welle in den Freibädern und an den Stränden bin ich zwar ein paar Jahre zu spät geboren, aber als Teenie ging ich mehr oder weniger regelmäßig in die Sauna. Meine Eltern liefen vor meiner Schwester und mir nackt herum, wenn sie sich gerade umzogen oder aus dem Bad kamen. Es gibt unzählige Kinderfotos, auf denen ich als Sechsjährige glücklich und selbstverständlich nackt am Strand spiele.

So etwas gilt heute unter nicht wenigen Eltern als sehr unangemessen. Nackt draußen spielen dürfen im Jahr 2015 höchstens noch Einjährige - wenn überhaupt, und am liebsten sicher und unbeobachtet nur im eigenen Garten.

Hatte sich, weil das so ist, auch etwas in meinen bisher stabilen Parametern verrückt? Auf der einen Seite begegnet man im öffentlichen Leben überall und ständig nackten Menschen. Wenn ich möchte, kann ich innerhalb von einer Viertelstunde mindestens sechs zumindest fast nackte Menschen sehen - und muss fast nichts dafür tun, nur mit dem Rad ins Büro fahren (Plakatwerbung), die Webseite eines großen Wochenmagazins aufrufen oder dem Instagram-Account einer Pop-Ikone folgen. Fernsehgucken reicht auch, denn selbst der Kauf einer Schrankwand ist im Werbeclip sexuell konnotiert.

Andererseits wird die Hemmschwelle im Umgang mit Nacktheit immer höher. Und da kommt noch ein zweites Thema ins Spiel: Gerade als Mutter habe ich unterschwellig ständig das Gefühl, darauf achten zu müssen, wer sich so im Sommer am Spielplatz in der Nähe meiner Kinder herumtreibt, wenn sie nur mit dem Höschen bekleidet durch den Sand toben und spielen.

Beim Kontakt von Haut zu Haut fühlte ich mich komplett

Es ist ja so: Kaum etwas berührt Eltern mehr als das eigene nackte Baby oder Kleinkind - und zwar im wirklich allerunschuldigsten Sinne. Da ist dieses Wesen, schutzlos, mit einem Duft, den es nur am Anfang im Leben gibt, und einer "Million-Dollar-Baby"-Haut.

Ich weiß noch, wie das Baden unserer Kinder im Säuglingsalter geradezu in eine feierliche Zeremonie ausartete. Und klar bin ich mit ihnen zum PEKIP (Prager-Eltern-Kind-Programm) gegangen - eben damit sie sich gerade nackt frei entfalten und selbst spüren konnten. Schließlich liegen hier die Babys nackt auf Matten, um spielerisch über die Haut Körpererfahrungen zu sammeln.

Beim Stillen, dem Kontakt von Haut auf Haut, fühlte ich mich als Mutter komplett. Und tollten die Kinder mit zwei, drei Jahren im Sommer nackt durch den Sand oder den Park, konnte ich sehen, wie wohl sie sich in ihrer eigenen Haut fühlten.

Bis. Ja, bis. Bis mir andere Mütter erzählten, dass sich immer so ein Typ am Planschbecken herumdrückt - aber nie ein eigenes Kind dabei hat. Bis ich mich selbst ertappte, bei einem Fünfjährigen am See zu denken: "Na, dem sollten die Eltern jetzt aber auch mal eine Badehose kaufen!" Bis mein Mann und ich im letzten Sommerurlaub in Frankreich komische Blicke am Strand bemerkten, weil unsere Tochter als einziges Kleinkind ohne Badeanzug herumlief. Ausgerechnet in Frankreich, dem Land, in dem Frauen tatsächlich noch oben ohne auf dem Handtuch liegen und das ich bislang nicht als Hort der Prüderie eingeschätzt hatte. Wir fühlten uns so verunsichert, dass wir am nächsten Tag im Supermarkt einen Badeanzug für die Kleinste kauften.

Verrennen wir uns in eine falsche Scham?

Es ist nur eine schwammige, gefühlte Hysterie, aber sie färbt ab. Im Internet findet man daher auch in etlichen Eltern-Foren Diskussionsstränge, in denen Mütter sich mit der Frage herumplagen: "Darf ich mein Kind nackt im Freibad oder am See rumlaufen lassen?". Umgekehrt taucht fast noch häufiger die Frage auf: "Dürfen meine Kinder mich nackt sehen?"

Verrennen wir uns also gerade in eine falsche Scham? Denn ja, unsere Welt ist erotisch aufgeladener geworden, gleichzeitig aber auch sexuell aseptischer. Und das, was uns an nackter Haut gezeigt wird, ist schließlich derart höchst artifiziell, dass es mein Schamempfinden eigentlich überhaupt nicht beeinflussen sollte. Oder?

Es ist verwirrend, weil es eben nicht länger nur darum geht, die Kinder vor fremden, unpassenden Blicken zu schützen, sondern sie auch nicht mit einem Zuviel an elterlicher Nacktheit zu kompromittieren. Ich möchte zwar das gute Gefühl, das meine Kinder in und für ihre Körper noch empfinden, nicht kaputtmachen. Ich möchte aber auch, dass sie ihre eigenen sowie unsere Grenzen als Eltern und Erwachsene kennen. Und ich möchte auf gar keinen Fall, dass wir irgendwann in einem Land leben, in dem schon ein nackter Zeh ausreicht, um als anstößig zu gelten, oder man nur mit Badeanzug in die Sauna geht.

Eltern müssen den Umgang mit der Körperscham vorleben

Die Psychologin Bettina Schuhrke fand in einer Studie heraus, dass Kinder von ihren Eltern lernen, wie sie Nacktheit zu bewerten haben. Leider ist ihre Studie zum Thema Körperscham die einzige in Deutschland dazu, und sie ist auch schon 20 Jahre alt. Damals untersuchte die Psychologin, wie der Umgang zu Hause das Verhältnis von Kindern zur eigenen Nacktheit prägt. Sie stellte fest: Mit fünf Jahren, spätestens aber mit sieben, empfinden Kinder Schamgefühl. Dabei gilt: Wenn Kinder sich ihres Körpers bewusst werden und wissen, wann Blicke anderer für sie unangenehm werden, wenn sie auf der Toilette allein sein möchten oder nicht mehr mit dem großen Bruder baden möchten, sprich anfangen, ihre Grenzen zu benennen, dann haben sie eine eigene Körperscham entwickelt.

Im Zuge dieser Entwicklung müssen Eltern schauen, welcher Rahmen passt - zu viel Offenheit kann Kinder überfordern, zu viel Verstecken kann in die falsche Richtung führen, sodass man spätestens als Teenie gar nicht mehr weiß, wie man sich fühlen soll. "Körperscham hat eine Schutzfunktion. Sie bringt einem bei, wie man seinen persönlichen Bereich abgrenzt, aber auch dass andere Menschen einen Bereich haben, in den man nicht eindringen soll", so Bettina Schuhrke. "Eltern sollten sich daher bewusst werden, welche Regeln bezüglich der Körperscham von ihren Kindern eingehalten werden sollen, und die müssen sie selbst auch vorleben. Es ist wichtig, dass in der Familie Grenzen gesetzt werden, wobei die nicht statisch festgelegt sind, sondern sich im Laufe der kindlichen Entwicklung verändern müssen."

Brauchen wir diesen Schutzraum?

Das klingt logisch, dennoch finde ich es schwer, eine klare Position einzunehmen, weshalb ich immer öfter im Bademantel durch die Wohnung laufe und beim Umziehen die Tür des Schlafzimmers schließe. Nackt lasse ich meine Tochter zu Hause oder im Garten, aber nicht länger im öffentlichen Raum herumlaufen. Es ist, als ob ich einen Schutzraum schaffen würde. Für meine Kinder - und irgendwie auch für mich.

Die Frage ist nur, brauchen sie und ich diesen Schutzraum? Versuche ich meine Kinder vor etwas zu bewahren, vor dem ich sie gar nicht schützen kann, weil es sowieso irgendwann von allen Seiten auf sie einströmt?

Nein, ich liege gar nicht so falsch. Experten vermuten, dass im Zuge einer vermehrten Nacktheit auch die Besorgnis, etwa was das Thema Missbrauch angeht, zugenommen hat. Hätte man als Gesellschaft sehr, sehr klare Bekleidungsregeln und wäre Nacktheit nicht so präsent, wäre der Umgang einfacher. Durch die Freizügigkeit im öffentlichen Raum werden wir jedoch dazu herausgefordert über Grenzen zu reden. Wir werden uns also diese Frage weiterhin stellen müssen. Die perfekte Antwort habe ich noch nicht, aber ich bin auch nicht auf dem Weg, total verklemmt zu werden.

Text: Merle Wuttke

Wer hier schreibt:

Merle Wuttke
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