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Abends Schichtwechsel "Endlich! Nimm du sie bitte!"

Familienleben: Vater knuddelt Baby
© Halfpoint / Shutterstock
Familien-Schichtarbeit (gerade mit Baby) bedeutet vor allem: Arbeit. Über viele Stunden. Pinkelpause für Mama (oder Papa) knapp bemessen. Essen? Höchstens im Stehen. Produktivität – naja. Vom Softskill-Gewinn und Kuschel-Output mal abgesehen. Erschöpfung? Total. Und gegen Ende, also so etwa ab vier Uhr nachmittag, schau ich ständig auf die Uhr: Wann ist endlich Schichtwechsel? Gemeint ist hier der magische Moment, wenn mein Mann ENDLICH heimkommt.

Was für ein Genuss, Kopf und Arme frei zu haben. Kurzum: wenn also Schichtwechsel ist und man die (im besten Falle gut duftende) kleine „Staffel“ übergeben kann. Gilt aber auch für größere Kinder. Was dann kommt? Süße halbe Stunden oder gar Stunden. Verantwortung abgeben, tausend kleine Aufgaben abgeben. Nix machen. Nicht Windeln wechseln, nicht füttern, nicht schuckeln. Nix. Endlich zwei Hände frei. Für was auch immer. Den Trage-Arm ausschütteln, der gefühlte drei Stunden für den Fliegergriff zuständig war. Und bei etwas Größeren: Nicht "Jaaaaa?? Was denn???“ in die erste Etage brüllen, wenn nochmal jemand ruft, obwohl man schon achthundert Geschichten Bobo Siebenschläfer vorgelesen hat. Nicht unter großem Geheul kleine Zähne putzen. Nix. Rumsitzen und gegen die Wand glotzen. DAS ist Schichtwechsel, den ich mag.

Die beste Variante kommt harmlos daher: "Badest du sie heute?“, flötet man zuckersüß und möglichst belanglos. Papa/Mama freut sich natürlich: Zeit ganz für das Kleine, das man doch tagsüber so vermisst hat. Aber seien wir ehrlich: Der generöse Kinder-Abgeber freut sich fast noch mehr. Denn auch wenn diese kleinen Bötchen-Popos und das Geplansche toootal süß sind, das dicke Ende kommt bestimmt: Haare kämmen, Haare föhnen, Zähne putzen, Fußnägel schneiden. Das ganze Geschrei drumrum und der nasse Badezimmerfußboden.

 

Familienleben: Kind badet in der Badewanne
© dotshock / Shutterstock

Es ist ja so: Egal wer, ob Mama oder Papa – wer den ganzen Tag oder auch nur den halben die Kinder mit all ihren verständlichen Bedürfnissen betan hat, ist am Abend so unfassbar platt, dass es genau diese Stunden sind, die zwischen 18 und 20 Uhr, an denen einem (mir jedenfalls) total die Kräfte ausgehen. Ihr wisst schon, dass sind die Stunden, die unter Baby-Profis "Schreistunden“ genannt werden. Eigentlich braucht man für die vor allem eins: starke Nerven. Doch woher nehmen um die Uhrzeit? Vor allem wenn "die Schicht“ um 6 Uhr begonnen hat? Auch mit Größeren sind das die toughen Stunden: Hoffnungsfroh, dass bald Schlafenszeit ist, setzt man eben noch müde Kinder an den Abendbrotstisch. Aber wehe, wenn die erstmal Joghurt und Brot intus haben! Dann kriegen die dermaßen zweite Luft, dass ich das einfach nicht mehr gestemmt kriege. Dann horche ich wie unser Hund auf die Schritte der Büroschuhe meines Mannes und den Schlüssel in der Haustür. Und ich weiß, dass es andersrum bei ihm genauso ist, wenn er dran ist. Schichtwechsel eben.

Wenn die Tür zum Badezimmer zuklappt oder schon oben am Bettrand vorgelesen wird. Dann beginnt unten für den jeweils anderen von uns die Stunde, der meine kluge Tante den weltbesten Namen gegeben hat. Die "Gott-sei-Dank“ Stunde. Eine Stunde bzw. Schicht, deren weiterer Verlauf vor allem gekennzeichnet ist von dem vermehrten Konsum von a) Schokoloade, b) anderen Drogen wie Alkohol, Candy Crush oder Tinder (nur so natürlich).

Unter uns: Manchmal reicht bei mir auch Fencheltee, um mich glücklich zu machen. Das Glück, das man PAUSE nennt. Ein Wort, dessen süße Bedeutung man fast vergisst, wenn man Mutter ist – oder andersherum: erst richtig zu schätzen lernt. So wie das Wort "Schichtwechsel“.

An dieser Stelle eine tiefe tiefe, tiefe Verneigung vor allen, die das als Alleinerziehende nicht haben.  

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.


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