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"Na, du Asloch" Schimpfwörter aus der Kita - Wie gehe ich damit um?

Schimpfwörter: Junge streckt die Zunge raus
© Christin Lola / Shutterstock
Kommt das Kind in den Kindergarten, macht es schnell Bekanntschaft mit anderen Kindern – und neuen Ausdrücken. Auf einmal kommen aus dem Kindermund Begriffe, von denen man sich sicher ist, sie nie in den eigenen vier Wänden verwendet zu haben. Warum Schimpfwörter für Kinder so interessant und auch wichtig sind und wie man mit ihnen angemessen umgeht, lest ihr hier.
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1. In der menschlichen Erbmasse schlummert ein Schimpfwort-Gen

Weshalb halten sich bloß jene Vokabeln so hartnäckig, auf die wir gut verzichten könnten? Vielleicht gibt es ein menschliches Gen, auf dem all die Wörter gespeichert sind, die wir zwar kennen, aber doch nicht in den Mund nehmen sollten? Eine etwas wissenschaftlichere Erklärung haben so genannte Malediktologen. Sie beschäftigen sich mit dem Fluchen und haben festgestellt, dass die schlimmsten Beschimpfungen Rückschlüsse auf die stärksten Tabus einer Gesellschaft zulassen. Wir Deutschen seien wie die Nordamerikaner protestantisch geprägt, sagen sie, und damit ziemlich verklemmt und prüde. Geht man nach den Themengebieten, aus denen unsere Schimpfwörter stammen, hat sich daran bis heute nichts geändert –aller scheinbaren Hemmungslosigkeit zum Trotz.

Aber warum fluchen wir überhaupt? Weil man sich Luft machen muss, wenn man sich ärgert. Wer immer alles in sich hineinfrisst, wird früher oder später darunter leiden, seelisch und körperlich – davon sind Mediziner und Psychologen gleichermaßen überzeugt. Trotzdem ist die Gesundheit natürlich kein Freifahrtschein für Pöbeleien unter der Gürtellinie. Schließlich wollen Menschen einigermaßen friedlich miteinander auskommen. Erwachsene haben deshalb ihre Unmutsgefühle im Griff -–es sei denn, sie suchen gerade verzweifelt einen Parkplatz, der Computer ist abgestürzt oder der Geburtstagskuchen angebrannt. Wenn etwas schief geht, kann es schon "verdammt" schwer sein, die Ruhe zu bewahren.

Und genau bei diesen Gelegenheiten schnappen dann die eigenen Kinder Wörter wie "Scheiße", "Idiot" oder "Saubär" auf, um vergleichsweise harmlose zu nennen. Aber selbst wenn Mütter und Väter Engel wären – was im Chaos des Familienalltags einfach unmöglich ist -, würden unsere Kinder die Litanei der Schimpfwörter kennen lernen, denn sie kursieren in jedem Kindergarten, dröhnen aus Radios und Fernsehern. Die meisten Eltern wollen gar nicht so genau wissen, was die Kleinen das alles aufschnappen. Je weniger Schimpfwörter, umso besser, denken sie. Das stimmt nicht unbedingt.

2. Schimpfwörter sind ein Vertrauensbeweis

Manchmal gibt es Missverständnisse zwischen Eltern und Kindern. Eins der ersten fällt in die Trotzphase. Wenn sich ein kleines Bündel auf dem Boden wälzt und nicht weiß, wohin mit seiner Verzweiflung über die Welt, wittern wir dahinter fälschlicherweise die Absicht, uns zu ärgern. Später empfinden wir dies, wenn uns der Vierjährige im Supermarkt ein "Asloch" ins Gesicht schleudert, weil er keine Gummibärchen kriegt. Vor allem in der Öffentlichkeit fühlen wir uns durch derlei Aufmüpfigkeiten bloßgestellt. Erst recht, wenn sich selbst ernannte Miterzieher zu Wort melden: "Diese modernen Eltern haben ihre Kinder überhaupt nicht mehr im Griff!" Wie gern würde man solchen Leuten die Meinung sagen, aber wie? Indem man ihnen zum Beispiel erklärt, dass Schimpfwörter in diesem Alter völlig normal sind. Dass Psychologen sogar von Entwicklungsdefizit und gestörtem Bindungsverhalten sprechen, wenn Kinder sprachlich nie über die Stränge schlagen. Auf den Punkt gebracht, heißt das: Eine Vierjährige, die zu Papa "Du Blödkopf" sagt, weiß, dass dieser Papa sie ganz fest lieb hat. Nur deshalb kann sie es wagen, ihn so anzumachen. Und warum tut sie das überhaupt? Weil sie Grenzen austesten und die Macht der Worte ausloten will. Das gehört zum Alltagsgeschäft der Kleinen und ist wichtig fürs Großwerden.

3. Schimpfwörter fördern Höflichkeit und Mitgefühl

Dieser Gedanke scheint nur auf den ersten Blick absurd. Schließlich ist jedes Schimpfwort ein Übungsanlass für soziale Regeln. Denn es besteht kein Zweifel daran, dass die kindliche Lust an der Provokation in verträgliche Bahnen gelenkt werden muss. Das Repertoire der richtigen Reaktion reicht dabei von Überhören bis zur scharfen Zurechtweisung. Das Alter des Kindes spielt eine entscheidende Rolle: Je jünger ein Kind ist, umso eher können Eltern davon ausgehen, dass es die Bedeutung eines Schimpfwortes nicht kennt. So benutzen Dreijährige bestimmte Vokabeln, weil ihnen die Reaktion der Umwelt gefällt.

Ein knappes "Du Depp", und jeder horcht auf: Die Erzieherin schaut todernst, der große Nachbarsjunge verdreht die Augen, Papa reagiert mit einem tiefen Seufzer, und Oma wendet sich pikiert ab. Die wortlose Variante ist gut, solange es bei seltenen Schimpfworteinlagen bleibt. Doch viele ältere Kinder werden Wiederholungstäter. Sie streuen die Worte nicht mehr als Versuchsballons in die Konversation ein, sondern als Provokation. Jetzt brauchen Kinder die Erklärung, dass Schimpfwörter einen Menschen beleidigen und ihm wehtun. Dass man damit den besten Freund verlieren kann, weil der sauer auf einen ist. Aber auch, dass jeder Mensch, selbst wenn man ihn nicht besonders mag, Respekt verdient. Und schon redet man nicht mehr allein über Schimpfwörter, sondern über Höflichkeit und Mitgefühl. Das ist gut so. Denn nur sehr kleinen Kindern verzeiht man, wenn sie sich zur Begrüßung vor Oma stellen und sagen: "Hallo, du Stinkerfrau!"

4.Schimpfwörter bringen versteckte Gefühle ans Licht

Die kleine Mareile ist außer sich: Sie sitzt in ihrem Hochstuhl, klammert sich mit ihren Händen daran fest und kreischt zwei wildfremde Menschen, die freundlich auf sie zukommen, an: "Ihr Arschlöcher bekommt meinen Sitz nicht!" Ahnen Sie den Hintergrund? Der Hochstuhl sollte verkauft werden, und Mareile war damit überhaupt nicht einverstanden. Sie hat sich Luft gemacht und die Interessenten zumindest an diesem Abend vertrieben. Für ihre Eltern war dies der eindeutige Hinweis, dass die dreijährige Tochter nicht einfach übergangen werden darf – ist ja schließlich auch ihr Hochstuhl. So schnell wie in diesem Fall führen Schimpfwörter nicht immer auf die richtige Fährte.

Aber sie zwingen uns, Spuren zu lesen. Das gilt besonders dann, wenn Kinder plötzlich auffällig oft aus der Fassung geraten und die sprachlichen Entgleisungen zum Dauerzustand werden. Denn wie wir Erwachsenen suchen sich auch Kinder Ventile, wenn sie etwas umtreibt. Hinter der verbalen Anmache steckt dann in Wahrheit ein Hilferuf. Eine mögliche Reaktion: "Sag mal, du meinst doch nicht wirklich, was du da zu mir sagst. Aber ich glaube, du bist sauer und wütend. Was ist los?" Es ist wichtig, auf die Antwort zu warten. Dauert es, kann man geduldig nachfragen: "Wenn du mir sagst, was dir fehlt, versuche ich dir zu helfen." So erfahren Sie vielleicht, dass die neue Erzieherin andere Regeln aufstellt, die Ihr Kind aus der Balance bringen. Oder dass da ein kleiner Rabauke ist, der es immer triezt. Die Schimpfwörter sind plötzlich kein Thema mehr. Statt zu kritisieren, können Sie helfen. Statt im Clinch mit Ihrem Kind zu sein, kommen Sie ihm näher.

5. Schimpfwörter sind Stichwortgeber für die erste Aufklärung

Wörter wie "Depp", "Idiot" und "Doofschädel" finden wir Eltern ärgerlich. Bei Begriffen, die unter die Grütellinie zielen, kommt zum Ärger auch die Verlegenheit. "Das sagt man nicht" oder "Das ist ein schmutziges Wort", flüstern wir unserem Kind ins Ohr, wohl wissend, dass dies keine wirklich gute Erklärung ist. Aber wenn wir deutlicher werden wollen, müssen wir über ein Thema reden, über das niemand so locker plaudert wie übers Wetter: über Sexualität. Hinzu kommt, dass wir glauben, die Impulse für erste Aufklärungsgespräche müssten von den Kindern kommen. Doch das trifft nur teilweise zu, denn Kinder lassen ihrer sexuellen Neugier nur dann freien Lauf und trauen sich, Fragen zu stellen, wenn sie wissen, dass daheim alles gesagt und gedacht werden darf.

Statt Sprachlosigkeit in Sachen Sex wäre mehr Offenheit hilfreich. Aber wie anfangen? Sexualisierte Schimpfwörter taugen dabei sehr gut als Stichwortgeber: "Du Fichse", wetterte zum Beispiel der Kleine meiner Cousine gegen seine Schwester. „Ich bin keine Fichse“, heulte die los. "Bist du auch nicht", tröstete ich sie. Leider verpasste ich die Gelegenheit zu erklären, was sich hinter diesen "schmutzigen" Wörtern verbirgt. Ich hätte zum Beispiel sagen können, dass zwei Menschen, die sich lieben, gemeinsam ganz schöne Gefühle haben. Und dass manche Wörter diese tollen Gefühle schlecht machen. Mehr wäre gar nicht nötig gewesen. Denn es geht nur darum, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die uns in Sachen Aufklärung auch heute noch zu schaffen macht. Außerdem entschärfen wir auf diese Art die übermächtigen Schimpfwörter. Mehr noch, wir nutzen sie positiv für unsere Erziehung. Und das ist das Beste, was wir tun können, denn verschwinden – da bin ich ganz sicher – werden sie nie.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Claudia Greiner-Zwarg

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