Schwangerschaft unbemerkt: "Ich glaube, ich kriege gerade ein Kind!"

Für Katrin ist Familiengründung noch kein Thema. Dass sie in den vergangenen Monaten ein bisschen an Gewicht zugelegt hat, erklärt sie sich mit Stress. Bis plötzlich Wehen einsetzen. Wie ist es möglich, dass eine Frau ihre Schwangerschaft nicht bemerkt? 

Unbemerkte Schwangerschaft - viel häufiger als angenommen

Es gibt viele Gründe, nicht schwanger werden zu wollen: eine kriselnde Partnerschaft, das unpassende Alter, oder einfach kein akuter Kinderwunsch. Genauso gibt es Gründe, warum man wahrscheinlich nicht schwanger wird – weil man sicher verhütet, oder weil die Ärztin eine Unfruchtbarkeit attestiert hat.

Auf Katrin, heute 26, traf vor drei Jahren alles auf einmal zu. Die Grazerin war wegen einer Entzündung der Eierstöcke in Behandlung, die Gynäkologin verschrieb ihr Antibiotika und empfahl, weiterhin die Antibabypille einzunehmen – auch wenn in den nächsten paar Jahren eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg sehr unwahrscheinlich sei.

Für Katrin ist die Diagnose kein Weltuntergang. Sie ist jung und Kinder sind für sie noch kein Thema. Erst recht nicht mit ihrem Freund, zu dem ihre Liebe bereits sehr abgekühlt ist. Öfter hat sie schon daran gedacht, sich zu trennen, und wenige Wochen später tut sie es tatsächlich.

Vier Monate nach der Trennung verliebt sie sich neu. Schon beim ersten Date erzählt der attraktive Kollege von seinem Sohn und dass für ihn weitere Kinder nicht infrage kämen. Katrin ist nahezu erleichtert und berichtet von ihrer Erkrankung.

Keiner der beiden ahnt, dass in Katrins Bauch ein Baby heranwächst, das an diesem Abend bereits 22 Zentimeter groß ist.

Verdrängung ist das Stichwort

Wie kann das sein? Müsste eine Frau im fünften Monat nicht merken, dass der Bauch wächst, die Brust spannt, die Hormone verrückt spielen und die Monatsblutung ausbleibt? Katrin hat die Pille nicht vergessen. Und sie hat alle vier Wochen eine Blutung. Das ist kein seltenes, allerdings bisher ungeklärtes medizinisches Phänomen bei unbewusst Schwangeren, die weiterhin hormonell verhüten. Von einem Bauchansatz sieht weder sie etwas noch ihr Partner.

Anruf bei Anette Kersting, Direktorin in der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum Leipzig. "Oft registrieren Schwangere die körperlichen Veränderungen zwar, finden aber harmlose Erklärungen dafür. Die Gewichtszunahme lässt sich mit dem vielen Fast Food begründen, frühe Kontraktionen könnten ja auch ein Magendarminfekt sein." Manchmal verlagert sich eine Schwangerschaft auch in die Vorderwandplazenta, wo sie weniger sichtbar ist. "Jahr für Jahr merken etwa 1600 Frauen erst nach der 20. Schwangerschaftswoche, dass sie ein Kind erwarten", sagt Kersting.

Damit ist das Phänomen der unbemerkten Schwangerschaft nicht so selten, wie man gemeinhin glaubt. "Da steckt natürlich keine Absicht der Mütter hinter. Es gibt Lebensphasen, in denen schwanger zu sein mit so gravierenden und unlösbar scheinenden Problemen verbunden ist, dass manche Menschen mit einer ausgeprägten Vermeidungsstrategie reagieren." Fachleute sprechen von einer Verdrängung, die sich kollektiv ausweiten kann. Sogar Partner, Eltern und Ärzte sehen dann die Anzeichen nicht.

"Verdrängte Schwangerschaften kommen in allen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen vor", sagt Anette Kersting. Häufiger in festen Beziehungen als nach One-Night-Stands.

Katrin bemerkt die Schwangerschaft erst, als die Fruchtblase platzt

Katrin merkt von ihrer Schwangerschaft nach wie vor nichts. Sie reitet in ihrer Freizeit ausgelassen mit ihrem Pferd durch die Wälder entlang der slowenischen Grenze, trinkt abends Cocktails mit ihrem Freund und tanzt in Clubs. Sie wirft Aspirin ein, wenn sie Kopfschmerzen hat, und wundert sich nicht über die sieben Kilo mehr auf der Waage, die sich in letzter Zeit angesammelt haben, aber auf ihren breiten Hüften gut verteilen.

Monate später, eine gemeinsame London-Reise mit ihrem Freund steht an, fühlt sie sich unwohl. Sie geht früh zu Bett und schläft unruhig. In ihrem Bauch rumort es. Ein heftiger Magen-Darm-Infekt, denkt sie. Am nächsten Morgen rafft sie sich zu einem Spaziergang mit dem Hund auf und legt sich danach erschöpft wieder hin. Nachts wird sie von unerträglichen Bauchkrämpfen geweckt. Sie schleppt sich ins Bad und erschrickt. An ihren Beinen läuft Flüssigkeit herunter. Auf den Fliesen sammelt sich eine Wasserlache.

"Ich glaube, ich kriege ein Kind", sagt sie dem Notarzt

Sie sucht ihr Handy, zieht sich eine Leggings an, ruft den Notarzt an. "Ich glaube, ich kriege ein Kind", sagt sie wimmernd vor Angst und Schmerzen. Der Mann in der Notarztzentrale versteht nicht. "Was heißt glauben? Haben Sie einen Mutterpass?" Das Einzige, was Katrin hat, sind Bilder im Kopf von einer Fernsehdokumentation, in der zwei Mütter schildern, wie ihre Fruchtblase platzte und sie auf einmal kapierten, dass sie schwanger waren. Alle anderthalb Minuten kommen die Schmerzwellen jetzt.

Im Landeskrankenhaus Graz schiebt man sie direkt in den Kreißsaal. Eine Hebamme schnallt ihr einen Wehenschreiber um. Zum ersten Mal hört sie den Herzschlag ihres Kindes. Sie schaut fassungslos auf ihren Bauch. Auf einmal kommt er ihr runder vor. Ist das möglich?

"Erst wenn sich eine Frau ihrer Schwangerschaft bewusst wird, kann der Raum für das Kind entstehen", sagt Andrea Volz. Die analytische Psychotherapeutin für Säuglinge, Kinder und Jugendliche begleitet Eltern während komplizierter Schwangerschaften und Geburtsverläufe am Universitätsklinikum Hamburg (UKE). Sie hat Frauen erlebt, die zutiefst erschrocken über sich selber waren, weil sie ihr Baby monatelang nicht spürten und sich nach der unerwarteten Geburt nur schwer verzeihen konnten, die Entwicklung des Kindes nicht bewusst mit liebevoller Fürsorge begleitet zu haben.

Das unerwartete Bay ist winzig – und gesund

Auch Katrin Steiner ist außer sich. "Ich wusste wirklich von nichts", sagt sie weinend. Die Hebamme streichelt ihr über den Kopf. Katrin fragt sich, wie sie mit einem ungeplanten Baby und einem Freund ohne Kinderwunsch weiterleben soll. "Ich muss es weggeben", denkt sie.

Als die erste Presswehe kommt, fragt die Hebamme, ob sie noch schnell jemanden anrufen will. Katrins Freund kann rechnerisch nicht der Vater sein. Zu ihrem Ex hat sie keinen Kontakt mehr. Ihre Mutter weiß ja nicht mal, dass sie schwanger ist. "Nein", sagt Katrin.

Fünfzehn Minuten später legt ihr die Hebamme ein winzig kleines Mädchen auf die Brust. Gesund und reif geboren. Ein Wunder. Früh- und Totgeburten kommen bei verdrängten Schwangerschaften vergleichsweise häufig vor – aufgrund der unguten Ernährung der Mutter, Medikament-Einnahmen oder Nikotin- und Alkoholkonsum.

Oma und Opa packen mit an

Katrin küsst ihre Tochter, zählt Finger und Zehen. Und denkt, dass sie es irgendwie schaffen wird. Sie beschließt, das Mädchen Lina-Marie zu nennen, nach ihrer besten Freundin. Die Hebamme rät, ein bisschen zu schlafen.

Wie soll man an Schlaf denken, wenn man gerade aus dem Nichts Mutter wurde?

Katrin fällt das Sushi ein, das sie gegessen hat, sie muss an den Alkohol denken, die Ausritte. Sie ruft ihre Mutter an. "Erschrick dich nicht", sagt sie. "Du bist gerade Oma geworden." Oma und Opa sind sprachlos, fahren sofort in die Klinik und anschließend weiter zum größten Babyladen. Sie packen das Auto bis unters Dach voll mit Kinderwagen, Wickeltisch, Stramplern.

Katrins Freund storniert derweil die London-Reise. Er braucht zwei Tage, bis er sich zu einem Wochenbett-Besuch durchringen kann. Ihre Beziehung wird Monate später zerbrechen, die unerwartete Veränderung ist zu groß. Lina-Maries biologischer Vater fordert nicht nur einen, sondern gleich zwei Vaterschaftstests.

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Happy End als Mama

Während sich die Männer von ihrer schwachen Seite zeigen, zieht Katrin zurück zu ihren Eltern ins einstige Kinderzimmer. Zwar ist jetzt immer jemand da, der beim Wickeln hilft, aber es fühlt sich auch nach Rückschritt an, nach Abhängigkeit. Die Hauptsache aber ist Lina-Marie. Abends in der Küche sagt Katrin zu ihrer Mutter:

Könnte man alles planen, würden die besten Dinge nicht passieren.

Sie hat sich kein Baby gewünscht. Aber sie liebt es, seit es im Kreißsaal auf ihrer Brust lag.

Anderthalb Jahre später verliebt sich Katrin wieder, ihr Freund wünscht sich noch ein Kind. Kaum bleibt Katrins Periode aus, ist ihr wochenlang übel. In der 20. Woche sieht sie auf der Bauchdecke die Bewegungen von Lina-Maries kleinem Bruder. Kurz vor der Geburt kippt sie mit 130 Zentimeter Bauchumfang beinahe vornüber. "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich nicht glauben, dass man seine eigene Schwangerschaft verpassen kann", sagt Katrin und schaut sich die Fotos aus der Zeit an, als Lina-Marie in ihrem Bauch war und niemand auf die Idee kam, dass sie schwanger ist. Am allerwenigsten sie selbst.

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BRIGITTE 19/2019

Wer hier schreibt:

Silia Wiebe
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