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Sectio-Bonding nach Kaiserschnitt Kuscheln noch während der OP

Sectio-Bonding nach Kaiserschnitt: Baby und Mutter nach Geburt
© Natalia Deriabina / Shutterstock
Unsere Autorin wusste, dass auch die dritte und letzte Geburt wieder ein Kaiserschnitt sein würde. Das war ok, doch sie wollte nie wieder direkt nach der Geburt von ihrem Baby getrennt werden. Sie bestand auf Sectio-Bonding. Die beste Entscheidung ihres Lebens.

Januar 2012. Nach vielen kräfteraubenden Stunden im Kreißsaal wurde ich in den OP geschoben. "Nur noch ein paar Minuten, dann halten Sie Ihre Tochter im Arm", beruhigte mich die Hebamme, ihre Hand auf meinen zitternden Schultern. Der Gedanke an mein Kind beruhigte mich tatsächlich. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Nach einem Kaiserschnitt hält man sein Kind nicht im Arm so wie man sich das nach einer Geburt vorstellt. Man bekommt mit etwas Glück ein komplett eingewickeltes Handtuchpäckchen auf einen festgeschnallten Arm gelegt und versucht, irgendwie den Kopf so zu verrenken, dass man das Gesicht des Babys erahnen kann. Nach wenigen Augenblicken verlässt der Papa des Kindes dann zusammen mit dem Handtuch-Päckchen den OP-Saal zum Bonding. Man selbst bleibt zurück und fühlt sich leer und alleine. So ging es mir zumindest.

Nach dem Kaiserschnitt: Du bist mir irgendwie fremd

Ganz sicher geht es nicht jeder Mama so, aber ich hatte mit dieser eigentlich gängigen Praxis während und nach der Geburt große Probleme. Heute könnte mir mein großartiges, mittlerweile neunjähriges Mädchen nicht näher stehen. Doch in den ersten Tagen war sie mir einfach nur fremd. Vielleicht waren es die Hormone, vielleicht der Schock über den Verlauf der Geburt. Ich persönlich glaube aber, es waren die wertvollen Minuten (und es waren bei ihr bestimmt 60), die ich mit ihr hätte verbringen müssen, weil alles in mir nach meinem Kind schrie. Es dauerte lange, bis ich klar kam darauf, jetzt echt Mutter zu sein, obwohl ich mich so sehr darauf gefreut hatte

Das Gleiche nochmal? Bitte nicht!

2013 wiederholte sich die Geschichte. Ich hoffte bis zur letzten Sekunde auf eine natürliche Geburt, wusste: Das ist meine letzte Chance, dieses Abenteuer Geburt jemals zu erleben. Es sollte nicht sein. Natürlich war und bin ich letzten Endes dankbar für die medizinischen Möglichkeiten heutzutage. Wer weiß, wie diese Geburt sonst geendet hätte. Und trotzdem. Der Moment, in dem mein Mann mit unserem Sohn den OP-Saal verließ, war einfach nur furchtbar. Vorher hatte ich mit den Ärzten gescherzt, doch nun war mir nur noch zum Heulen zumute. Mein Sohn sollte hier sein, bei mir, auf meiner Brust. Er sollte meinen vertrauten Herzschlag hören und ich sollte ihm 1000 Küsse auf seinen kleinen kahlen Kopf hauchen und ihm versprechen, die beste Mama zu sein, die ich sein kann. Und auch meinem Mann sah ich an, dass es ihm schwerfiel, zu gehen. Es fühlte sich auch für ihn nicht richtig an, mich im OP alleine zu lassen.

Sectio-Bonding ist möglich! Happy-End beim dritten Kind

Ich sollte mich täuschen. Ja, die zweite Geburt war vielleicht die letzte Chance auf eine natürliche Geburt gewesen. Aber es war nicht meine letzte Chance auf eine Geburt, wie sie sein sollte. Mitten in der Pandemie, im Sommer 2020, kam unser kleiner Nachzügler auf die Welt. Während mich die Hebamme auf die geplante Operation vorbereitete, was eine ziemlich abgefahrene und surreale Situation ist, traute ich mich, noch einmal zu fragen, worauf die Ärztin beim Vorgespräch eher irritiert reagiert hatte: "Kann mein Kind nicht einfach bei mir bleiben im OP? Ich meine nackt, auf meiner Brust, so wie bei einer natürlichen Geburt?" Die Hebamme, eine sehr resolute erfahrene Frau, nickte. "Kriegen wir hin!", sagte sie nur. "Ich besprech das!" Ich freute mich mit angezogener Handbremse. Wer weiß, dachte ich. Wer weiß, was die anderen Beteiligten dazu sagen.

Dieser eine Moment, von dem ich geträumt habe

Im OP empfing mich das Team. "Wir sind auch etwas aufgeregt!", sagte mir die Oberärztin. "Das haben wir tatsächlich so noch nie gemacht. Aber wir finden eine Lösung." Sie erzählte mir, dass sogenanntes Sectio-Bonding, also das Bonding noch während der OP, die Abläufe etwas verändert und ein paar Dinge bedacht werden müssen. "Es ist kalt hier drinnen und alles muss steril bleiben, da müssen wir ein paar Dinge bedenken." Die Stimmung war konzentriert, aber ich bemerkte, dass auch das Team meinen Wunsch irgendwie gut fand. Es lag eine wunderschöne Aufregung in der Luft. Und dann war es so weit. Es ruckelte etwas, im nächsten Moment hörte ich einen schrillen Babyschrei. Die Hebamme nahm meinen Sohn entgegen und schaute ihn sich gemeinsam mit dem Kinderarzt ein paar Sekunden an, wischte vorsichtig das Fruchtwasser ein wenig ab. "Wir müssen ihn gut zudecken!", sagte sie und brachte vorgewärmte Handtücher. Und dann passierte das, wovon ich immer geträumt hatte: Sie legte mir meinen gerade geborenen Sohn auf meine Brust. Nackt. Auf ihm schichtete sie einen kleinen warmen Handtuch-Turm, sodass er es schön warm hatte.

So heilsam, das Kind zu fühlen, zu riechen, zu streicheln

Da lag er. Winzig und nass und die kleinen Bewegungen passten exakt zu denen, die ich aus meinem Bauch kannte. Während ich vor Freude nur noch weinte, beruhigte er sich auf meinem Körper sofort. Die Menschen um uns, die offene Wunde, das Licht, die Angst, nichts von all dem hatte Bedeutung. Mein Mann erzählte mir später, es hätte etwas länger gedauert, das Zunähen. Dritter Kaiserschnitt halt. Aber davon bekam ich überhaupt nichts mit. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, sofort nach der Geburt Mama zu sein. Wir lagen da, gemeinsam, eine Hand meines Mannes auf meiner Schulter, die andere auf dem winzigen, atmenden Handtuchberg, und alles fühlte sich so richtig an. Selbst als ich umgebettet wurde vom OP-Tisch auf mein Bett, ließ man mir meinen Sohn auf der Brust. Die Hebamme hielt ihn beim Hochheben mit mir fest. Und da war einfach nur Glück.

DAS sollte der Standard sein

Die Frage, die ich mir immer wieder stelle: Warum ist DAS nicht der Standard? Ich hatte so viel weniger Probleme nach dieser Geburt als nach den anderen. Meine Hormone spielten nicht ganz so verrückt, ich konnte nach wenigen Stunden aufstehen (bei den anderen Kaiserschnitten undenkbar) und mein Sohn war mir von Sekunde Eins an so vertraut. Auch die Schmerzen hielten sich in Grenzen und das Stillen klappte viel besser.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf ELTERN.de erschienen.


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