Hilfe, wir benehmen uns wie ein Paar aus den 50ern!

Kaum ist ein Kind da, verfallen viele Paare in uralte Rollen-Klischees. Das gilt auch fürs Thema Geld. Dann kann ein neues Paar Schuhe plötzlich zum Grundsatz-Thema werden, meint die Autorin Diana Faust.

Mein Warenkorb gehört mir

Das wird jetzt keinen Leser vom Sofa hauen, aber ich liebe Schuhe. Ja, am liebsten würde ich sie alle kaufen: Turnschuhe, Sandalen, Pumps, Cowboystiefel ... Auch, wenn ich sie gar nicht unbedingt alle trage, ich möchte sie haben – sie einfach besitzen. Und wählen können.

Der Text ist ein gekürzter Auszug aus Diana Fausts Buch "Du klingst wie Deine Mutter! Warum Eltern so schnell in die Rollenfalle tappen" (südwest Verlag, 160 S., 12,99 Euro)

In sehr regelmäßigen Abständen macht sich in meiner Brust das sehr dringende Gefühl breit, dass es wieder Zeit ist für neue Schuhe. Anlässe gibt es in einem Freundeskreis meiner Altersklasse zur Genüge. Man denke nur an die unzähligen Hochzeiten.

Man will schließlich bei solch einem bedeutungsschweren Anlass wie einer Hochzeit gut gekleidet sein. Und nicht nur da. Der Sommer kommt, also braucht es neue Sandalen und neue Ballerinas. Und direkt anschließend – das nenne ich das Schuhkauf-Phänomen im erweiterten Sinn – wird eine neue Shorts nötig sowie mindestens ein Rock. Und den Bestand an Shirts aus der letzten Saison könnte man ebenfalls auffrischen. Schon sind wir mittendrin im Shopping-Strudel.

Dazu kommt, dass ich jetzt, wo ich Mutter bin, vor allem abends mehr Zeit zur Verfügung habe. Und die will genutzt werden. Wenn mich die Leere wieder in ihrer vollen Gnadenlosigkeit packt, greife ich zum Laptop, äh, zum MacBook Pro selbstverständlich, suche Artikel, vergleiche Preise, suche noch mehr Artikel, fülle Warenkörbe. Hosen, T-Shirts, Schuhe, für mich, für Klein-Max, manchmal auch für meinen Gatten, ganz egal.

"Schon wieder neue Schuhe?"

Erreicht mein Gatte abends den heimatlichen Hafen, kommt es also häufiger vor, dass nicht nur ich, seine liebende Ehefrau, und Klein-Max ihn empfangen. Auch diverse Pakete zieren zusätzlich unseren Flur.

"Schon wieder neue Schuhe?", fragt mich mein Mann halb amüsiert, halb verärgert.

"Meine alten Flip-Flops sind total hinüber. Außerdem habe ich das Porto gespart. Ich brauchte doch eine neue Handy-Hülle. Da haben 20 Cent gefehlt, damit sie das Paket umsonst liefern. Und weil es auf dieser Seite auch neue Schuhe gab ..."

Ich rechtfertige mich. Gleichzeitig fühle ich mich wie im falschen Film, dass ich mich überhaupt genötigt fühle, mich zu erklären.

Traut mir mein Mann nicht zu, mit Geld umzugehen?

Ich benehme mich wie eine Hausfrau in Reinform, schließlich gebe ich auch das Geld meines Mannes aus. Für Flausen. Das zehnte Paar Schuhe. Ob das wirklich nötig war? Schlimmer noch: Bin ich nicht in der Lage, vernünftig zu wirtschaften? Denkt das mein Mann?

Ich ärgere mich. Über meinen Mann und sein möglicherweise fehlende Vertrauen in mich – glaubt er denn, ich kann nicht beurteilen, was angeschafft werden muss und was nicht?

Über mich selbst ärgere ich mich noch viel mehr: weil ich mich für mein Verhalten rechtfertige. Anstatt sein Vertrauen in meine Urteilsfähigkeit vorauszusetzen und zu erwarten. Und diesem Ruf selbstverständlich gerecht zu werden.

Die Situation ist skurril. Als ich noch mein eigenes Geld verdient habe, musste ich niemandem Rechenschaft darüber ablegen, was ich mit meinem Gehalt anstellte. Was ich kaufe und was nicht. Wir teilten uns die Kosten für unser gemeinsames Leben, der Rest war Privatsache. Seine und meine.

Ja, ich bekomme Haushaltsgeld

Jetzt hat sich die Situation geändert: Ich bin zurzeit von meinem Mann finanziell abhängig. Das ist ein verdammt merkwürdiges Gefühl. Bei uns verstärkt sich der Gruß aus 1950er Jahren insofern, als dass ich wirklich so eine Art Haushaltsgeld von ihm bekomme. Ach, wem will ich was vormachen: Ich bekomme Haushaltsgeld. Von diesem Geld bestreite ich unser Familienleben: Lebensmittel, Drogerieartikel, Kleidung, Schuhe, Strafzettel, alles, was an kleinen und großen Ausgaben im Alltag anfällt.

Früher hat es meinen Mann nicht sonderlich interessiert, was ich von meinem Geld angeschafft habe. Er hat höchstens gelächelt über meine akribischen und ausdauernden Kaufgewohnheiten. So wie man über einen schrulligen Zug des Partners schmunzelt.

Jetzt schaut mein Mann genauer hin, wenn wieder ein Paket geliefert wird. Es ist nicht so, als würde er mir meinen Spaß grundsätzlich missgönnen, aber es ist auch nicht so, dass er sein Einkommen uneingeschränkt als unseres betrachtet. Mein Mann unterhält ein eigenes Konto und überweist davon einen Teil auf ein gemeinsames Konto. Das bedeutet, dass er die Hoheit über die Finanzen behält.

Die Machtverhältnisse verschieben sich

Und wer bezahlt, schafft an. Geld erzeugt Machtansprüche. Auch wenn diese Wahrheit ungern ausgesprochen wird: Sie lässt sich nicht weglächeln.

Ich kann es meinem Gatten noch nicht einmal verübeln, dass er es merkwürdig findet, wenn ständig neue Kleidungsstücke bei uns Einzug halten. Wo er den ganzen Tag ackert. Und ich nichts Besseres zu tun habe, als sein schwer verdientes Geld direkt wieder auszugeben ...

Aber soll ich mir keine neuen Klamotten mehr kaufen, weil ich ein Kind bekommen habe? Das wäre zumindest der beste Beweis dafür, dass sich das Leben einer Frau deutlich mehr ändert als das eines Mannes, wenn sich ein Paar für ein Kind entscheidet.

Es sei denn, der Ehemann beschränkt sich ebenfalls in seinem Kleiderkonsum. Das wäre dann wieder hinnehmbar. Denn ein Kind zu bekommen, das bedeutet nun mal Veränderung. Soweit die Veränderungen für beide gelten und nicht auf den Schultern der einen lasten, ist das ja auch wunderbar.

Freiheit bedeutet Verantwortung

Wenn jemand gern finanziell abhängig ist, bitte schön. Ich persönlich verstehe nicht, wie man so wenig Eigenverantwortung übernehmen kann. Schließlich liegt die Scheidungsquote in Deutschland in den letzten Jahren zuverlässig zwischen 45 und 49 Prozent.

Das heißt nicht, dass ich irgendjemandem eine Scheidung wünsche, das heißt aber, dass dieses Szenario durchaus einen selbst treffen kann. Wie ein Blitzschlag selbstverständlich. Doch immerhin einer mit fast 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit.

Und was ist dann? Denn seit 2008 betont in Deutschland geltendes Recht vor allem die Eigenverantwortung der Geschiedenen, für ihren Lebensunterhalt selbst aufzukommen. Die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries erklärte das so: "Einmal Zahnarztgattin, immer Zahnarztgattin. Das gilt nicht mehr."

Es ist halt so: Freiheit bedeutet Verantwortung. Rechte und Pflichten. Man kann sich gegen Pflichten entscheiden. Damit gibt man aber auch Freiheit auf. Ob man will oder nicht. Das sollte man sich zumindest klar gemacht haben. Und noch besser: Frauen sollten ihre Konsequenzen daraus ziehen und um Himmels willen alles dransetzen, ihre finanzielle Unabhängigkeit nicht aufzugeben.

Ihr Schuhe, wartet nur, ich komme wieder!

Die Sicht des Mannes auf die Schuh-Problematik sowie Tipps einer Expertin lest ihr in Diana Fausts Buch "Du klingst wie Deine Mutter! Warum junge Eltern so schnell in die Rollenfalle tappen" (südwest Verlag).

Text: Diana Faust, ein Auszug aus dem Buch "Du klingst wie Deine Mutter!" (südwest Verlag)
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