Stubenhocker? Warum du dein Pubertier getrost im Bett liegen lassen kannst

Wie wahrscheinlich jede Mutter eines pubertierenden Sohnes macht es Karina Lübke wahnsinnig, dass ihrer auch im Sommer zu Hause mit seinen Bildschirmen verwachsen ist und nicht vor die Tür geht. Aber sie ahnt langsam, zu was es gut sein könnte.

Was waren das für Zeiten, als man Kindern noch mit Hausarrest drohen konnte!

Das Wetter ist herrlich. Die Sonne strahlt, die Menschen auch. Sie joggen, sie bummeln, sie grillen und flirten, sie hocken auf Picknickdecken und sitzen vor Cafés. Nur die Altersgruppe zwischen 14 und 19 fehlt nahezu komplett: Die liegt, hockt und sitzt drinnen vor ihren Spielkonsolen. Die Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen, damit das grelle Licht nicht so lästig auf dem Bildschirm spiegelt.

Hebamme zeigt, wie entspannend ein Babybad sein kann ❤️

Was waren das für glückliche Zeiten, als man den Kindern noch mit Hausarrest drohen konnte! Heute würden sie sich unter Tränen dafür bedanken, solange dabei nur das WLAN funzt, das griffbereite Handy vor Nachrichten zufrieden brummt und online alle Kumpel da sind. Es macht Mütter waaahnsinnig. Das große Kind braucht doch Bewegung an frischer Luft! Den guten Sauerstoff! Den kostbaren Vitamin D bildenden Sonnenschein! Ist ja nicht so, dass uns der in Deutschland andauernd zur Verfügung stünde.

Die Generation Drinnen sitzt geschlossen ein

Kurz: Man wünscht sich, das Kind würde mehr rausgehen. Stattdessen wird die Außenwelt ausgeblendet. Ebenso wie die besorgten bis genervten Eltern, die vor der Zimmertür stehen und in zunehmend resigniertem Ton dazu auffordern, "endlich das Scheißding abzustellen und raus in die Sonne zu gehen". Mit Kopfhörern hört einen das Kind zum Glück nicht.

Aber was soll es auch draußen? Da ist ja keiner! Denn die Generation Drinnen sitzt geschlossen ein. Freiwillig. Nachhaltig. Verschmilzt mit den Loungemöbeln. Eine Freundin nennt ihre beiden Söhne heimlich nur noch "Mofa" (Mensch und Sofa) und "Mett" (Mensch und Bett). Auch mein Bubenhocker hängt, gerade aus der Schule gekommen, sofort wieder vor der Playstation und redet angeregt mit seinem Kopfhörer.

Er könnte mit seinen Freunden draußen mit einem echten Fußball spielen. Im Park. Stattdessen lassen sie im Sitzen vor der Playstation bei FIFA 16 virtuelle Mannschaften gegeneinander antreten. Die elektronische Spieleindustrie hat dafür das Wort "E-Sport" erfunden und "Sportgeräte" wie den aus der Alien-Filmausstattung geklaut wirkenden "Racing Gamingstuhl" geschaffen und ist empört, dass der Deutsche Olympische Sportbund sich und echten Sport offiziell davon abgegrenzt hat. Zu Recht, finde ich, denn beim E-Sport bleibt leider immer noch genug Atem, um unglaublich laut und ausdauernd herumzupöbeln.

Sollten allerdings Eltern sich irgendwann gewaltsam Zutritt zur Spielhöhle verschaffen und herumbrüllen, wird ihnen ein konsterniertes "Chill mal!" oder "Bleib geschmeidig!" hingeworfen. Was jedes Mal den emotionalen Effekt eines brennenden Streichholzes in einem Benzinkanister hat.

Sind die Eltern vielleicht selber schuld? 

85 Prozent der 12- bis 17-Jährigen nutzen laut einer aktuellen DAK-Umfrage nahezu drei Stunden täglich WhatsApp, Instagram, Snapchat und Ähnliches. Dieses sei besorgniserregend und an der Grenze zur Sucht. Da kann ich nur hysterisch lachen: drei Stunden? Was sind das für Musterkinder?

Ich fürchte, mein Pubertier ist nur offline, wenn er im Unterricht ist oder – viel zu spät und zu kurz – schläft. Bildschirmzeit ist immer. Vor dem inneren Auge der analog aufgewachsenen Alten leuchten immer goldener die Erinnerungen an ihre eigene abenteuerliche Kindheit, als man sich draußen mit Freunden traf und erst beim Dunkelwerden widerwillig nach Hause kam.

Und plötzlich denke ich schuldbewusst: Haben wir unseren jugendlichen Insassen das wilde Leben in der Außenwelt vielleicht selber verleidet – mit unserer aufgeklärten Paranoia vor sämtlichen Gefahren (Mitschnacker, Hunde, Pollen, Ozon, Feinstaub, Allergien, Roller, Rollschuhe und Räder ohne Helm und Protektoren)? Wir mit unseren steten "Pass auf!"-Ausrufen und "Denk bloß an ...!"-Mahnungen; die wir unsere Kleinkinder beim ersten Sonnenstrahl zwanghaft mit zäher mineralischer LSF 50-Bio-Sonnenmilch weiß angestrichen und nicht ohne wüstentauglichen Sonnenhut mit Nackenschutz ins Freie gelassen haben? Die wir überall Bedrohungen sahen und uns laut sorgten, das Kind könne unterwegs keine Bionahrung bekommen und sich unbeaufsichtigt Milch, Zucker und Farbstoffe reinpfeifen? Waren wir nicht auch heimlich froh, die Kinder sicher zu Hause zu wissen?

Dazu die Weltuntergangsstimmung in Schule und Medien, wo täglich sämtliche Probleme von Klimaerwärmung, Kriegen, Aids, Hunger, Umweltzerstörung, Armut und Drogen thematisiert werden.

Da wird das eigene Zimmer – traditionell schon immer der Kokon des sich verpuppenden Jugendlichen – zum Ministerium für innere Sicherheit: wenn morgen die Welt unterginge, besser kein Apfelbäumchen mehr pflanzen, sondern gleich in eine bessere Spielwelt abtauchen.

Der Homo ludens, der spielende Mensch, hat sich endgültig durchgesetzt. Der Kabarettist Lars Reichow berichtete vor Kurzem in der "NDR Talkshow" Ähnliches: "Am schlimmsten war es mit unserem ältesten Sohn. Der hat ungefähr zwei Jahre in einem Sitzsack gelegen und hat daraus alles gesteuert, vor allem mit seinem Handy. Wir haben oft fassungslos vor dem Zimmer gestanden. Meine Frau hat immer gesagt: ,Komm schnell, ich glaube, er steht auf!‘ Er ist aber nie aufgestanden."

Kinder haben zu Hause heute so viele Freiheiten wie nie: Partys, die schönsten Zimmer, Social Media

Wozu auch? Kinder haben zu Hause heute so viele Freiheiten wie nie. Kaum jemand muss noch abhauen, um heimlich herumzuknutschen: "Bring sie/ihn doch mit, Schatz!" Übernachtungen von Freunden? Klar! Partys, auch außerhalb von Geburtstagen? Aber sicher! Natürlich kriegen Kinder heute die schönsten Zimmer, und die sind deutlich größer als die einst als kindgerecht erachteten zwölf Quadratmeter. Da passten damals dann auch nur ein Schreibtisch und ein Einzelbett hinein, das keine 1,40 m breit war. Dafür meistens noch Bruder oder Schwester.

Wer damals mehr körperliche und geistige Intimsphäre wollte, musste schon ausziehen. Auch wer Neues erleben wollte, musste die Bude verlassen. Fremde Länder sehen? Damals per Interrail, heute auf Google Earth. Freunde treffen? Früher: Spielplatz, Sportplatz oder zusammen vor dem Supermarkt rumhängen. Heute: Playstation, WhatsApp, Snapchat. Gespräche unter vier Augen? Früher: Treffen. Heute: Videoanruf.

Aber vielleicht hat das Abhängen vor der Playstation auch positive Seiten? 🤔

Spontan frage ich meinen 17-Jährigen einfach mal etwas anderes als "Wie war es in der Schule?" ("Okay.") und "Hast du Hunger?" ("Geht so."). Nämlich: "Kannst du mir irgendetwas Positives über das Abhängen vor der Playstation sagen, damit ich mich deswegen weniger sorge?" Das Kind überlegt und antwortet: "Man lernt gut Englisch, weil es Spiele wie GTA nur auf Englisch gibt. Die Hand-Auge-Koordination wird geschult. Technisches Verständnis. Reaktionsschnelligkeit. Teamarbeit, weil man bei vielen Spielen zusammenarbeiten muss." "Oh!", sage ich überrascht. Klingt wie ein Bachelor-Studiengang in Heimarbeit.

Also: Lasst die Kinder liegen, wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht ist es ja ein Fortschritt, dass der Mensch derart sesshaft geworden ist. Daran hat die Evolution immerhin seit etwa 10 000 Jahren gearbeitet. Nach einer Umfrage im Freundeskreis werden sie spätestens mit 24 einfach wieder auferstehen – aus den nervlichen Ruinen ihrer Mütter.

Und wenn ich sehr verzweifelt bin, denke ich mir zum Trost immer, dass dieses Abhängen zutiefst pazifistisch ist. Sollten je wieder junge Menschen aufgerufen werden, mit wehenden Fahnen zu irgendwelchen Feldzügen aufzubrechen – mein Sohn wäre nicht dabei.

Dafür ginge der nie im Leben vor die Tür. Erst recht nicht so weit. Ohne Ladekabel und ohne WLAN! Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin – weil die neue Fortnite-Erweitertung gerade rausgekommen ist. Das ist die neue digitale Friedensdemonstration.

Davon abgesehen: Sollte es je eine Zombie-Apokalypse geben – mein Sohn wüsste, was zu tun ist.

Ein Artikel aus BRIGITTE MOM

BRIGITTE MOM 02/2019

Wer hier schreibt:

Karina Lübke
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