Tabuthema! Wie ich unter der Gewichtszunahme in der Schwangerschaft psychisch leide

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Katrin, ich bin 30 Jahre alt und zum ersten Mal schwanger. Seit 20 Wochen nehme ich kontinuierlich zu und fühle mich heillos überfordert. Bin ich damit alleine?!

Schwanger werden ist nicht schwer, schwanger sein dagegen sehr – so könnte meine persönliche Abwandlung von Wilhelm Buschs berühmten Zitat lauten. Doch durch die Schwangerschaft muss man eben durch, wenn man sich ein Baby wünscht. Blöd nur, dass es einige Tabuthemen rund um den "anderen Umstand" gibt. Etwa die Gewichtszunahme und seine Folgen.

Über die körperlichen Veränderungen in der Schwangerschaft wird man gut informiert: Von morgendlicher Übelkeit und seltsamen Gelüsten über Blähungen und Sodbrennen bis hin zu Verstopfung und Kurzatmigkeit weist die menschliche Trächtigkeit zahlreiche mögliche Nebenwirkungen auf. Hinzu kommt eine Gewichtszunahme von durchschnittlich sieben bis 18 (!) Kilogramm, die ab einem gewissen Zeitpunkt zu Rückenschmerzen führen kann.

Schlankheitswahn: Wie soll ich 18 Kilo locker wegstecken?!

Und da wären wir auch schon an dem Punkt angelangt, über den kaum einer spricht: Wie wirkt sich diese extreme Gewichtszunahme auf die weibliche Psyche aus? Oder genauer gesagt: Auf diejenige weibliche Psyche, die einem ständigen Schlankheitswahn ausgesetzt ist?

Vor etwa 20 Wochen war ich noch eine schlanke Frau, die mit ihrem Körper zufrieden war. Das soll nicht heißen, dass ich über Modelmaße verfügte. Aber ich war im Einklang mit meinem Körper, habe Frieden mit ihm geschloßen.

Dass es überhaupt zu einem Kriegsstillstand zwischen mir und meinem Körper kam, wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Denn als Kind war ich dick. In der Grundschule wurde ich gemobbt wegen meines Gewichts. Es hat sich in mein Gehirn eingebrannt, mich fürs Leben geprägt. Erst auf dem Gymnasium nahm ich einige Kilos ab. Seitdem bin ich zwar normalgewichtig, achte aber penibel genau darauf, dass ich meinen alljährlichen Winterspeck zur Frühlingssaison rechtzeitig wieder los werde.

Als Kind wurde ich gemobbt. Das hat sich in mein Gehirn eingebrannt

Ob "nur" das Mobbing in meiner frühen Schulzeit Schuld an meinem empfindlichen Gewichtsbewusstsein ist, oder auch das gängige Schönheitsideal der westlichen Welt seinen Teil dazu beiträgt, kann ich nicht sagen. Um mich selbst vor dem propagierten Perfektionismus zu schützen, reicht mir aber inzwischen eine Postkarte am Badezimmerspiegel. Darauf abgebildet das Werk René Magrittes, "Le Miroir Magique": Ein Handspiegel, den statt des Spiegelglases die Aufschrift "corps humain" (dt.: "menschlicher Körper") ziert.

Alles gut also. Doch dann wurde ich schwanger  – ein Wunschkind, nebenbei bemerkt. Mein Selbstbild ist seitdem bedroht.

Postkarte im Badezimmer: René Magritte, "Le Miroir Magique" / "Der magische Spiegel", 1929 (Öl auf Leinwand, 73 x 54 cm)

In der Natur der Sache liegt, dass man in der Schwangerschaft Gewicht zulegt. Ich bin jetzt im zweiten Trimester, Halbzeit, um genauer zu sein. Bislang habe ich etwa fünf Kilogramm zugenommen. Folgt mein Körper dem statistischen Durchschnitt und legt ab jetzt monatlich zwei weitere Kilo zu, bringe ich um die Entbindung herum insgesamt etwa 15 Kilo mehr auf die Waage als vor der Schwangerschaft. Klingt viel. Ist es bei einer Körpergröße von 1,61 Meter meines Erachtens auch.

Natürlich ist mir bewusst, dass es ein Mix aus der wachsenden Plazenta, dem Fruchtwasser, der Gebärmutter, Wassereinlagerungen einem erhöhten Blutvolumen und des Babys selbst ist. Nur etwa zwei Kilogramm machen auch Fettanlagerungen als Polster für die Stillzeit aus, so die medizinischen Angaben. Klingt verkraftbar. Wäre da nicht meine beinahe traumatische Angst vor den Extrakilos.

Es fällt mir schwer zuzusehen, wie ich täglich dicker werde

Ja, ich sage es, wie es sich für mich anfühlt: Es macht mir beinahe täglich zu schaffen, zuzusehen, wie ich dicker werde. Natürlich halte ich mir ständig vor Augen, dass da ein kleines Wunder in mir geschieht, mein Körper dabei ist, ein neues Lebewesen zu produzieren und meine Heißhungerattacken schon seine Richtigkeit haben werden. Doch so einfach lässt sich der Dämon in mir nicht besiegen.

Von meinen 30 Lebensjahren habe ich etwa 20 darauf verwendet, mich mit meinem Körper anzufreunden, ihm Gewichtsschwankungen von wenigen Kilos saisonbedingt zu genehmigen und meinen Selbstwert nicht von der Waage abhängig zu machen (welche ich im übrigen nie verwende). Es war ein langwieriger Prozess, der mich in jungen Jahren Tränen, später auch Schweiß kostete. Durch die Schwangerschaft wird die Beziehung zwischen mir und meinem Körper auf die Probe gestellt.

Die Schwangerschaft stellt die Beziehung zwischen mir und meinem Körper auf Probe

Wenn ich jetzt von ausreichender Ferne in den Spiegel schaue, sehe ich eine durchaus typische Silhouette einer schwangeren Frau: Ein vorstehender Bauch, größere Brüste. Doch dann schaue ich genauer hin, rücke meiner Haut auf die Pelle, sozusagen. Prompt bemerke ich auch die etwas dicker gewordenen Beine und Oberarme. Ich denke an all die Frauen, die es nach der Geburt ihrer Kinder nie wieder geschafft haben, in ihre alte Körperform wiederzufinden – und die darunter leiden. Wird es mir auch so ergehen?

Warum schenke ich dieser Gewichtszunahme – die auch noch einen so wunderbaren Grund hat! – so viel Aufmerksamkeit, so viele Sorgen? Es nervt mich zutiefst, wenn ich mich bei diesen zerstörerischen Gedanken ertappe.

Ich fühle mich allein gelassen mit den Selbstzweifeln

Manchmal fühle ich mich allein gelassen mit diesen Selbstzweifeln. Mit diesem Kindheitsdämon in mir, der nicht einmal in der Schwangerschaft von mir ablässt. Immer wieder lese ich von werdenden Müttern, die ihre Schwangerschaft ganz toll finden, sich über den wachsenden Bauch nur freuen können. Und ich höre von Müttern, für die, sobald das Baby erst mal auf der Welt ist, die eigene Körperform nun wirklich keine große Rolle mehr spielt und es ja wohl Wichtigeres gäbe als das!

Bin ich wirklich die einzige Schwangere auf der Welt, die mit der ansteigenden Körperfülle ein Problem hat? Die – womöglich unbegründete – Panik davor hat? Die sich hin und wieder für die anwachsenden Kilos schämt, statt sie stolz zu präsentieren?

Nicht so schlimm? Für mich schon!

Um mich aufzubauen, denke ich in diesen ärgerlichen Momenten an meine Mutter, die nach zwei Kindern schnell wieder zu einer schlanken Frau mutierte (und es bis heute geblieben ist). Ich denke an meine Schwester, die vor zwei Jahren Mama wurde und heute noch schlanker ist als vor ihrer Schwangerschaft. Ich denke an all die Winter, die ich mich Schokolade mampfend im Bett verkrochen habe und es mit Ausdauer und starkem Willen geschafft habe, im Sommer wieder eine ansehnliche Bikinifigur vorzuzeigen. Ich denke auch an meinen Freund, der mich immer noch begehrenswert findet (wofür ich ihm je nach Stimmung entweder dankbar bin oder ihn skeptisch beäuge) und an meine Freundinnen, die mir vergewissern, dass das alles doch nicht so schlimm ist.

Doch das ist es. Für mich schon.

Wie bringt man den inneren Dämon zum Schweigen?

Ich hoffe, dass sich das irgendwann einmal ändert. Vielleicht auch erst, wenn mein Baby auf der Welt ist, ich tatsächlich wieder zu meiner alten Form zurückfinde und meinem Dämon damit beweise, dass die Schwangerschaftskilos noch lange kein Grund sind, durchzudrehen.

Ich hoffe, dass ich spätestens bei einer weiteren Schwangerschaft alles viel lockerer sehe und meinen Heißhunger nicht mit schlechtem Gewissen, sondern mit mütterlicher Fürsorge stille. Ich hoffe einfach, dass dieser Flashback in meine Kindheit irgendwann ein Ende findet. Und der Dämon für immer schweigt.

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