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Tod des Partners Wie geht man damit um?

Tod des Partners: Person stellt brennende Kerze auf
© Dmitri Ma / Shutterstock
Als ihr Freund, der Reporter Gabriel Grüner, erschossen wurde, war sie im sechsten Monat schwanger. Wie überlebt man den Verlust desjenigen, den man am meisten geliebt hat? Woher nimmt man die Kraft, jeden Tag und jede Minute gegen die Verzweiflung anzukämpfen? Unsere BRIGITTE-Kollegin Beatrix Gerstberger über die ersten Jahre nach der plötzlichen Zerstörung ihrer Welt. 
Beatrix Gerstberger

Als auf ihn geschossen wurde, saß ich mit einer Freundin in einem Café an der Alster, deckle die Augen mit beiden Händen gegen die Sonne ab, dahintreibend, von Zukunft sprechend.

Als er im heißen Staub der Straße lag, innerlich blutend, von fremden Soldaten umgeben, deren Sprache er nicht verstand, fuhr ich mit meinem Fahrrad über eine Brücke und dachte an ihn, seine Briefe, sein Herz, von dem er schrieb: "Es bockt und will zu dir."

Ein Wagen mit Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen kam vorbei, sie hoben ihn auf die Ladefläche und fuhren fast neunzig Minuten mit ihm zu einem kanadischen Stützpunkt.

Ich habe mir eine Beruhigungsspritze geben lassen und nicht verstanden, was passiert war

Die Nachricht vom Tod meiIch saß auf meinem Balkon und lernte für die Segelprüfung. Es war ein schöner Sommerabend im Juni 1999. Er sagte zu der Krankenschwester, dass er leben will, dass wir einen Sohn erwarten, der Jakob heißen soll, dass er uns so sehr liebt. Er sprach Englisch mit ihr, erzählte von unserem geplanten Umzug, von den Geschichten, die er in Afghanistan, Algerien und im Sudan gemacht hatte; sie hielt seine Hand und dachte, dass er es schaffen würde. Ich telefonierte mit einer Freundin und beklagte mich über seine so häufige Abwesenheit in den vergangenen Wochen, immer wieder in diesen Krieg im Kosovo geschickt, dessen Ende er nun noch miterleben wollte.

Er verabschiedete sich von der Krankenschwester mit der Bitte, ihn doch im Krankenhaus zu besuchen. Dann flogen sie ihn in das Militärhospital nach Brazda.

Als die Ärzte um sein Leben kämpften, schaute ich Nachrichten, sah, wie deutsche Soldaten in Prizren auf einen angreifenden Serben schossen, hörte, es sei sonst alles glatt verlaufen an diesem ersten Tag des Friedens im Kosovo. Ich rief meine Mutter an und sagte, dass ich am Morgen eine neue Wohnung für uns gefunden hätte. "Dann ist ja alles so, wie du es dir immer gewünscht hast", sagte sie.

Als er starb, verblutet, Leber, Darm und ein Teil des Magens zerfetzt, wartete ich auf seinen Anruf. Um 22.30 Uhr am 13. Juni 1999 meldete sich sein Ressortleiter und sagte, er sei angeschossen worden. Ich war ruhig, dachte an einen Armschuss und fragte, wo er sei. "Niemand weiß das so genau", sagte der Ressortleiter. Ich fragte nach dem Fotografen. "Er ist tot", sagte er. Ich bat darum, nach Skopje fliegen zu dürfen. Dann rief ich eine Freundin an, die sofort kommen wollte, und schaltete den Fernseher wieder ein. Plötzlich liefen da diese Eilnachrichten: zwei deutsche Reporter erschossen; auf einem anderen Kanal hieß es: ein Reporter erschossen, einer schwer verletzt. Er lebt noch, dachte ich und klammerte mich an diesen Satz, obwohl ich tief im Innern ahnte, dass es nicht so war.

Um 1.30 Uhr, nach unendlich vielen Telefonaten mit Kollegen in Skopje, mit der Redaktion und seiner Familie, sah ich dieses Bild im Fernsehen. Er liegt auf der Straße, um ihn Soldaten und eine Frau. Ich kann ihn nicht genau erkennen, sehe aber seinen Arm, den er hochhebt, diesen Arm, der mich nachts immer so fest umschlungen hat, sehe seine Uhr und weiß, er ist tot.

Ich habe nicht geschrien, bin nicht in Ohnmacht gefallen. Ich habe mir eine Beruhigungsspritze geben lassen und nicht verstanden, was passiert war. Unser Kind in meinem Bauch trat den Rest der Nacht wild um sich, um dann eine Woche lang in Bewegungslosigkeit zu verfallen.

Ich wache früh auf in diesen Tagen danach

Das Begreifen sickert langsam in mich, ich drehe mich um und akzeptiere nicht. Bin erfüllt von Liebe zu dir. Du kannst doch nicht tot sein. Ich schlafe, stehe auf, wasche mich, esse, rede, funktioniere. Wundere mich. In mir ist nur Liebe und Schweigen, wo bleibt der Sturm? Vor deinem Haus warten Fotografen, hoffen sie auf ein Bild von mir, der Schwangeren?

Am dritten Tag ...

... sitze ich nachts um zwölf in einem Beerdigungsinstitut und warte darauf, dass die Bundeswehrmaschine mit den Särgen ankommt. Neben mir die Familie des Fotografen, die Freunde, es ist Nacht, ich sollte schlafen, das Kind braucht Ruhe, denke ich. Dann fahren wir los, auf das Rollfeld, draußen vor dem Bus Fernsehteams mit Kameras, auf dem Rollfeld die Maschine. Ein riesiger dunkler Schlund, heraus rollen zwei Särge. Ich will da nicht hingehen. Das kannst doch nicht du sein.

Ich denke an den Morgen, als du abflogst, so früh, ich noch schlaftrunken, du die Arme um mich schlingend, wortkarg, dann die Tür, die ins Schloss fällt, das Geräusch des abfahrenden Taxis.

Die Freunde stehen aufgereiht vor dem Bus. Schweigen. Schluchzen. In meiner Hand eine Rose, die mir irgendwer gegeben hat. Ich gehe zu deinem Sarg, so einsam auf dem Rollfeld, diese Scheinwerfer, noch heute erscheint es mir unwirklich, ein billiger Film, ein Albtraum.

Irgendwer sagt am Morgen des vierten Tages, ich solle eine Blutprobe von dir nehmen lassen, damit wir später nachweisen können, dass dieses Kind in mir wirklich dein Sohn ist. Du liegst in der Gerichtsmedizin. Ich höre den Schrei deiner Mutter, hoch, halb erstickt, nichts Menschliches liegt mehr darin, dann schieben sie mich in diesen großen Raum. Du liegst da, in einem weißen langen Hemd, ich berühre deinen Mund, die Wunden an deinen Lippen, das Haar, das Gesicht, so angespannt, nichts ist in dir von jener Ruhe und Sorglosigkeit, die sich angeblich im Tod einstellt. Kein Frieden. Ich drehe mich um, glaube jemanden hinter mir, suche dich, sehe nichts. Ich lege einen Brief in deine Hände, das letzte Ultraschallbild unseres Sohnes, eine Muschel aus Thailand, einen kleinen Plastikhai, gesammelter Liebesplunder, der nun mit dir geht.

Du bist seit vier Tagen tot,

und ich kann nicht weinen, bin ja nie allein, und einige nennen das stark, aber um was sollte ich weinen? Solange wir uns mit dir beschäftigen, die Freunde in meiner Wohnung sind, über dich reden, du im Fernsehen und in den Zeitungen erwähnt wirst, bist du doch da. Ich tue so, als sei ich immer noch dieselbe, wasche die Haut, die nichts mehr fühlt und die ich betaste, um mich ihrer zu vergewissern.

Ich träume von dir in der fünften Nacht. Du stehst an einer kleinen Pforte und willst mit dem Zug wegfahren. Ich sage, dass ich mitwill, aber du bist unwirsch und schickst mich zurück. "Du kannst nicht", sagst du, "du kannst nicht mehr dahin mitfahren, wohin ich will."

Am nächsten Morgen fahre ich mit meiner Familie vom Flughafen in Innsbruck nach Südtirol zu deiner Beerdigung, fahre über die Berge in dein Dorf. Zum ersten Mal erlebe ich die Unerträglichkeit von Schönheit. Sie springen mich an, diese grünen Wiesen, diese bunten Blumen, die junilichten Wälder. Verhöhnen das Geschehene, quälen mit Erinnerungen.

Du und ich damals auf dem Weg in dein Dorf, mein erstes Mal hier, staunend angesichts des funkelnden Abendlichts über dem See hinter der Grenze. Wir beide in diesem einsamen Berggasthof, klarblaue Herbsttage, Wanderungen, kühle Abende beim Wein, erzählen und schweigen, lieben. Sehen, wie du meine Finger küsst, und der vorsichtige Gedanke von dir, unerwartet: "Jetzt und hier und wir, aus so unendlich viel in einem Augenblick sollte – wenn überhaupt – ein neuer Mensch entstehen." Ein winziges Zeitloch, eine höhnische Kostprobe von Vollkommenheit. Es hat sich alles so richtig angefühlt, jetzt lebe ich im Falschen.

"Eure Hochzeit war seltsam schön", sagt die Freundin, merkt den Fehler erst Sekunden später. "Ich meine die Beerdigung." Auf eurer Hochzeit – auch andere versprechen sich. "Man hat einfach so viel Liebe gespürt", sagen sie dann und zucken mit den Schultern. Unsere Hochzeit. Du lagst in deinem schwarzen Samtanzug dreihundert Meter weiter in einem Sarg unter der Erde mit wachsweißem Bräutigamsgesicht.

Ich liege nachts in meinem Bett atme flach. Erstarrt. Ich bin eingemauert mit meinem Kind. Ich will schreien und kann nicht, weil dort in mir ja jemand geschützt werden soll. Reglos, nur nicht den Schmerz berühren.

Ich wäre jederzeit für dich gestorben. Aus Liebe, vielleicht auch aus Egoismus, es ist zu grausam, wenn man diejenige ist, die zurückbleibt. Schutz nirgendwo, denn der bist du gewesen. Du bist tot, ich muss leben.

Eine Woche nach deinem Tod

Im Schwangerschaftskurs bin ich die Einzige ohne Mann, die Hebamme hat mich gebeten, mit einer Freundin zu kommen. Sie will es mir überlassen, den anderen zu erzählen, warum da kein Vater ist. Ich sitze immer in der hintersten Ecke, da, wo es dunkel ist, ich mag nicht angesprochen werden und bin sogar ganz ruhig und glücklich, wenn zur Entspannungsübung Melodien aus "Out of Africa" laufen. Ich grabe den Kopf in die Arme, sehe uns und tue einen Moment so, als sei alles in Ordnung, du heute nur verhindert, und wenn ich gleich nach Hause komme, sitzt du da am Küchentisch mit deiner Gitarre, vor dir ein Glas Rotwein, singst mit schiefer Stimme "Supernatural" von Vic Chesnut, küsst meinen Bauch, hast nicht gespült und meine Nudeln aufgegessen.

Die Hebamme sagt, ich sei nicht die Erste in ihren Kursen, deren Mann während der Schwangerschaft gestorben sei, innerhalb von drei Jahren sogar schon die Dritte. Warum trösten mich die Geschichten vom Unglück der anderen? Ich will das nicht und sauge doch jedes Wort auf, wiege ab, was passiert ist, so, als wollte ich feststellen, ob es noch Schwereres gäbe. Ich sehe kaum fern, lese keine Zeitungen, ich kann Unglück nicht ertragen, und doch zieht es mich magisch an. Ich will bestätigt sehen, dass diese Welt ein unerträglicher Ort ist, Glück nur ein lächerliches Geschenk auf Zeit, jederzeit zerstörbar, und ich wünsche mir tatsächlich einen Krieg, einen Orkan, eine Sturmflut, die mich wegspült von dieser Welt.

Ich stehe in einem Buchladen und suche Schwangerschaftsbücher zusammen, dann gehe ich in die Ecke mit der Trauerliteratur. Es gibt nicht viel, ich nehme fast alles, irgendwas kann vielleicht helfen. Ich stehe an der Kasse und sehe meine zwei Stapel Bücher – über den Beginn und über das Ende. Wie zynisch das alles ist. Tod und Leben. Ich bekomme die Fäden nicht zusammen, es zerstört mich. Ich weiß nicht, in welche Richtung ich die Gefühle wenden soll, es ist ein Hin und Her, das mich zerreißt, und am Boden bleibt ein blutendes Herz zurück, herausgerollt aus einem Etwas, das ich mal Ich genannt habe und nun nicht mehr wiederfinde.

Meine Wohnung ist gekündigt, ich ziehe im August in eine andere in deinem Haus. Babybett zusammenbauen, Regale aufstellen, deine CDs sortieren, ich verschwinde zwischen all dem, liege nachts in deiner alten Wohnung zwei Stockwerke höher, versuche kraftlos mit unserem Kind zu sprechen, merke, wie unser Geruch aus den Laken schwindet, schaue auf die Wände, die Schränke, leer geräumt, aufgeteilt, zusammen mit deiner Mutter, deinen Brüdern und deiner Schwester. Nur noch Fragmente eines Lebens, ein paar Tassen und Teller von den gemeinsamen Frühstücken, die Vase, die ich dir geschenkt habe, deine Bücher, ein Milchkännchen, vor dessen Scherben ich zwei Jahre nach deinem Tod entsetzt und tief schluchzend auf dem Küchenboden kauern werde, und Ordner, in denen ich von dir geschriebene Liedertexte finde. Zwei Monate noch bis zur Geburt. Ich warte darauf, dass ich endlich zusammenbreche. Es geschieht nicht.

Ich lese deine Briefe, immer wieder, auch die, die andere dir schrieben, unmöglich, es nicht zu tun. Ich werde zum Schnüffler, schäme mich, wildere in deiner Vergangenheit, will dich zusammensetzen, suche in jeder Zeile nach einem Teil von dir, den ich vielleicht nicht kenne, weil unsere Zeit zu kurz war.

Kurz vor der Geburt ...

... gehe ich zu einer Therapeutin, sie zündet Duftkerzen an, macht afrikanischen Tee und sagt: "Sie sind doch nicht nur die Frau des toten Reporters. Sie haben doch auch noch ein anderes Ich." Die Unwissende: Ich habe keines, bin ein Ohnedich, ausgelöscht, sieht sie das nicht?

Die Therapeutin sagt, ich solle von dir in der Vergangenheitsform sprechen. Er war, er ist nicht mehr. Ich gehe nicht wieder zu ihr.

Ich schreibe dir einen Brief, ich habe Angst, es zu tun, weil ich glaube, daran zu zerbrechen. Aber ich habe auch Angst vor dem Vergessen. In meinem Kopf vermengen sich die Zeiten, wann warst du eigentlich da, wie haben wir uns gefühlt? Ich versuche verzweifelt, die letzten Tage zu Bildern werden zu lassen, durchpflüge mein Gedächtnis nach deinen Augen, suche in jedem erinnerten Blick, jeder Umarmung eine Art Frieden. Immer wieder, ich will nichts vergessen, klammere mich an die Vergangenheit, um dich nicht zu verlieren, und weiß doch, dass die Erinnerung unbarmherzig sein wird: Sie wird dich idealisieren, das Bild verwischen und die Details an sich reißen – dich noch weiter von mir entfernen. Jede Nacht erzähle ich mir unsere Geschichten, du sollst in mir lebendig bleiben, auch für unseren Sohn.

Ich habe keine Angst vor seiner Geburt. Ich bin angefüllt mit einem rätselhaften Mut, so, als sei nach der Katastrophe keine weitere mehr denkbar. Aber ich fühle mich betrogen um dieses gemeinsame Erleben des ersten Kindes, der ersten Geburt. Ich weiß, egal, was noch kommen wird, ich bekomme diese Chance nie wieder, dein Tod hat mich betrogen: um meine Zukunft und um eine Vergangenheit mit dir. Und er hat unser Kind betrogen, um einen Anfang im Lachen und in der Leichtigkeit. Ich bekomme eine Ahnung vom Rest meines Lebens.

Im Krankenhaus ... 

... stehen die Ärzte bereit, ich will nur mit meiner Hebamme entbinden, meine Schwester ist bei mir, aber sie alle befürchten, dass ich aufgeben werde, mich verweigern gegenüber dem neuen Leben, meinem neuen Leben drei Monate nach deinem Sterben, und dass sie das Kind holen müssen. Nichts von alledem passiert. Ich fahre noch in der Nacht mit dem Kind nach Hause, lege ihn in mein Bett, und wir schlafen tief und erschöpft.

In der nächsten Nacht weint er und schaut mich mit großen alten und wissenden Augen an. Ich erzähle ihm von dir, dass du auf einem hohen Berg stehst, weit weg, und ich traurig bin, und dass du ihn liebst, wir aber ohne dich klarkommen müssen. Dass ich sehr glücklich bin, jetzt, wo er nun bei mir ist. Er schaut mich unverwandt an, sein vorher so angespannter kleiner Körper wird ganz weich, er atmet tief, und dann schläft er. Hat er mich verstanden? Niemals werde ich diese weisen Augen vergessen. Ein Kind, noch nicht ganz hier angekommen, irgendwo zwischen den Welten, mit einem tieferen Wissen um die Dinge als ich.

Mit der Geburt unseres Kindes ...

... habe ich meinen Schutz aufgegeben, eine Rüstung verloren. Ich bin nackt, kann mich nicht mehr hinter meinem Bauch verbergen, wie Steine fällt das Leben auf mich, dieses Leben ohne dich mit einem Säugling, eine Qual, die mich unendlich erschöpft. Wir sinken in eine dichte Stille, ich kann keine Musik mehr ertragen, nichts Lautes.

Manchmal, besonders in den ersten Wochen, wenn ich mit dem Kinderwagen Richtung Wohnung fahre, stelle ich mir vor, wie ich dich anrufe, erzähle, was wir gemacht haben, male mir aus, was ich kochen würde, was wir besprechen müssten. Jedes kleinste Detail eines langweiligen Alltags. Ständig betrüge ich mich selbst, überlege, wohin wir in den Urlaub fahren könnten, schaue Prospekte aus dem Reisebüro an, spiele Familie beim Fleischer und beim Bäcker und kaufe monatelang für zwei Erwachsene Brot und Wurst, die ich am Ende der Woche immer wegwerfen muss. Meine Gedanken weigern sich, dich aus unserem Leben auszuschließen.

Ich beneide die Freundin, die in einem engen Reihenhaus lebt mit zwei Kindern und einem Mann, den sie einen Kompromiss nennt. Ich bin so erschöpft, kann mich oft kaum auf den Beinen halten. Ich sehne mich so sehr nach Ruhe, danach, dass am Abend einer kommt und das Erlebte mit mir teilt, ich, die so wie du immer die Weite gesucht hat, will mit aller Macht nun in die Enge, die mich früher erstickt hätte. Ich fühle mich einsam, ungeschützt, unbehaust, ertrage die Sonntage nicht mit ihren heilen Familien, bin ausgestoßen, mir so fremd in diesen fremden Gefühlen. Ich bin nur noch davon besessen, die Zeit einzuteilen, sie zu beherrschen, kein Stillstand ist möglich, ich haste durch die Welt. Meine Sehnsucht nach dir ist wie ein ungeheurer Hunger, der ein Loch in mich frisst.

"Wenn Sie keine Sterbeurkunde haben, gibt es keine Rente", sagt die Unfallversicherung. "Keine Sterbeurkunde, also auch kein Erbschein", sagt der Nachlassverwalter. Die Sterbeurkunde ist irgendwo in Mazedonien verschwunden, die neue bekomme ich ein Jahr nach deinem Tod. Niemand fragt, wovon ich eigentlich lebe. "Kein Erbschein ohne Vaterschaftsnachweis", sagt das Gericht. Deine Mutter und ich stehen mit dem drei Monate alten Säugling vor dem Amtsrichter. "Können Sie bezeugen, dass Sie zum fraglichen Zeitpunkt Geschlechtsverkehr hatten?", fragt der und spricht mir dann sein Beileid aus und erzählt, dass er immer Urlaub machen würde in Südtirol. "Kennen Sie diese Frau als Lebensgefährtin Ihres Sohnes?", fragt er deine Mutter. "Dies ist mein Enkel, das sieht man doch", sagt sie. "Man hat schon Pferde kotzen sehen", sagt der Amtsrichter und ordnet einen Bluttest an, und dann sitze ich mit unserem Sohn bei einem Sachverständigen, halte meinen und seinen kleinen dünnen Arm hin, aus dem Blut in große Kanülen abgefüllt wird.

Ich liege mittags mit unserem Sohn im Bett

Er atmet tief, ein Gefühl der Ruhe zieht hoch, draußen schlägt Regen gegen die Scheiben. Ich erinnere mich an das Gefühl satter Zufriedenheit und entspannten Dämmerns an dunklen Mittagen, die wir an Wintersonntagen manchmal im Bett verbrachten. Ich erinnere all diese Gefühle, so wie man ein Bild beschreiben kann, das man schon einmal gesehen hat – aber ich bin nur noch ein Betrachter von außen.

Ich habe Angst, wahnsinnig zu werden, ich bin wütend auf dich. Irgendwann werde ich an deinem Grab stehen, auf dein Bild schauen. Eine Frau, mit der du nicht gealtert bist und für die du nur noch ein Schatten zwischen Kindheit und ihrem Tod sein wirst.

Ich bin mit dir gestorben an diesem 13. Juni 1999. Es gibt mich vor und nach diesem Tag. Es sind zwei verschiedene Personen, und vielleicht ist das das wirklich Grausame, wenn derjenige stirbt, der einem Liebe war, wichtig wie Brot und Wasser.

Silvester 99

Der Nebel liegt schwer auf allem, ich gehe mit dem Kind durch Straßen, leer und leblos. Am Abend stehen wir vor deinem Bild, ich hebe das Glas und proste dir zu, das Kind auf dem Arm. Zwei Menschen und ein Foto. Das ist unsere Familie. Ich will kein neues Jahr, will meine Vergangenheit, will dich. Wie soll ich das Essen mit den Freunden überstehen, die die Zukunft feiern wollen?

Die Menschen um mich herum sortieren sich, von außen rücken einige sehr nah, unerwartet, die, die ich früher als lärmend, zu laut empfand, helfen still, bisher Unbekannte rücken ans Herz, aus anderen strömt Kälte, die ich, viel härter als früher, gleich wegschiebe.

"Wo ist denn der Vater?", fragt die Frau von der Kinderkrippe. "Gestorben", sage ich. Ich werde es noch oft sagen müssen, jedes Mal fällt mir das Atmen schwer, die Kehle verengt sich. Ich bekomme den Krippenplatz nicht, sie seien aber wahnsinnig betroffen von meinem Schicksal, sagen sie noch bei der Absage.

Das Gericht beschließt, dass unser Wunsch, dem Kind deinen Namen zu geben, nur eine lächerliche Sentimentalität meinerseits sei. Und dass ich deinen Willen übergehe. Was wissen sie von dir, von uns und unseren Entscheidungen? Sie fragen mich nicht, sie beschließen und stempeln ab.

Ich reise viel mit unserem Kind, liege an einem Strand in Spanien, schaue auf einen Schweizer See im Morgennebel, liege in deinem Bett im Haus deiner Mutter und starre mit offenen Augen in die Dunkelheit, in der ich dich suche.

Ich suche dich in den Bäumen, im Wind, im Meer und in der Nacht. Aber du bleibst unsichtbar an all diesen Orten. Und jedes Mal, wenn wir in unsere Stadt zurückkehren, drückt mich der Schmerz zusammen, du wartest nicht auf uns, wir sind allein. Ich suche lange nach einem Ort, wo ich hingehöre, suche ihn draußen und weiß doch, dass er irgendwo in mir war, schon bevor ich dich kannte, wie könntest du ihn also mitgenommen haben?

Ich habe getanzt nach zwei Jahren, ohne wegbrechende Augen und einen dahingestreckten Körper in einer Blutlache vor einer romantischen Landschaft zu sehen. Habe wieder getrunken und gelacht, unseren Sohn umarmt und sein schlafendes Gesicht zärtlich berührt. Versuche ihn bis zum Rand mit Liebe und Freude anzufüllen und habe doch Angst vor seinen ersten Fragen, die unvermittelt ausholen und zuschlagen.

Du tauchst immer noch unerwartet auf in fremden Gesichtern und Körpern auf Straßen und Plätzen, aber der Geruch in den paar Kleidern von dir, die zwischen meinen hängen, hat sich verändert. Nichts kann ich halten. Ich habe Erinnerungen, in denen du nicht mehr vorkommst, habe Sommer gelebt, die du nie gerochen hast, und Menschen getroffen, denen du fremd bist. Ich wehre mich nicht mehr dagegen. Ich akzeptiere die Welt, die dich nicht mehr kennt, und den Riss, den ich stets in mir tragen werde. Ich erwarte nichts mehr – eine seltsame Form von Freiheit.

Die Abstände zwischen den dunklen Tagen, an denen alles in mir eine offene Wunde ist, werden größer, der Frühling tut noch immer weh, Jasmingeruch, helles Baumgrün, erstes Licht. Aber ich kann unser Kind anschauen, ohne dass ich dich und den Schmerz in jedem Atemzug mitdenke – irgendwann wurde in den schlaflosen Nächten aus zwei abgesplitterten Teilen eines Ganzen eine eigene Einheit.

Ich stehe im dritten Sommer nach deinem Tod ...

... am Meer auf der anderen Seite der Welt, ein Schwarm Pilotwale zieht vorbei, ihre schwarzen Körper glänzen in der Sonne. Nichts ist mehr außer Stille und ihrem regelmäßigen Prusten, kurz bevor sie auftauchen. Ich bin mir plötzlich wieder der Welt bewusst. Sie ist anwesend, sie hat dich überlebt, ihre Schönheit wühlt nichts Dunkles mehr auf. Ich frage nicht mehr, ob du je gewesen bist, und die Sehnsucht trifft mich nicht mehr unvermittelt wie ein Faustschlag, aber die weichen Nächte fallen immer noch über mich her.

Die ungekürzte Fassung der Geschichte von Beatrix Gerstberger und sechs weitere Protokolle von jungen Witwen, die unsere Kollegin für ihr Buch interviewt hat, sind nachzulesen in: "Keine Zeit zum Abschiednehmen – Weiterleben nach seinem Tod" (Ullstein).

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