Eine Mutter in Gaza

Wie in so vielen anderen Kriegen sterben bei den Kämpfen in Gaza größtenteils Unbeteiligte, Zivilisten, Kinder. Die palästinensische Bloggerin Lina Al-Sharif beschreibt, wie es ist, in einer solchen Umgebung Mutter zu sein.

Während der letzten Militäroffensive Israels im Jahr 2012 war ich gerade im achten Monat schwanger mit meiner Tochter Yasmeen. Ich wusste damals noch sehr wenig darüber, welche enormen und vielschichtigen Emotionen es mit sich bringt, ein Kind zu lieben, es großzuziehen und zu beschützen.

Von der Angst vor der Geburt über Schlafmangel bis zum täglichen Sorgen um das Wohl eines menschlichen Wesens - Mutter sein ist nicht einfach und wird auch nie einfach sein. Das gilt schon für den ganz normalen Alltag, in dem du von einer grundsätzlichen Sicherheit für dich und dein Kind ausgehen kannst. Doch in Gaza ist das nicht der Fall.

In einem Post auf Twitter stand, dass Kinder, die 2007 in Gaza geboren wurden, bereits den dritten Militärangriff erleben. Viele starben beim ersten Angriff 2008/2009, viele starben 2012 und viele werden in diesen Tagen getötet. Die größte Angst der Mütter und Kinder in Gaza ist die Angst vor Israel.

Wenn die Bomben fallen und Explosionen die Wiegen und Betten erschüttern, dann ist es die Mutter, bei der die Kinder Sicherheit suchen, Schutz und Trost. Die Mutter muss sich dann alle möglichen Geschichten ausdenken, die die Situation für die Kinder erträglicher machen. "Das ist ein Feuerwerk", "das ist Donner", "das ist nichts Schlimmes", "alles wird gut", "ein Ballon ist geplatzt" und noch mehr Erklärungen, die mehr oder weniger glaubwürdig sind. Und wenn die Kinder sie auffordern, "das laute Knallen" zu stoppen, weiß sie, dass sie genauso hilflos ist wie ihre Kinder. Die Situation übersteigt ihre Macht.

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"Eine Mutter in Gaza hat die Aufgabe, ihrem Kind ein Gefühl von Sicherheit zu geben, das sie selbst nicht spürt."

Das Verstörende ist: Eine Mutter in Gaza hat die Aufgabe, ihrem Kind ein Gefühl von Sicherheit zu geben, das sie selbst nicht spürt. Sie muss den eigenen Stress und die Angst immer verbergen, um Hoffnung und Normalität auszustrahlen. Das erfordert unvorstellbar viel Kraft.

Eine Mutter in Gaza ist eine Mutter, die selbst dem Tod ins Auge blickt und deren Kinder jederzeit zu Waisen werden können. Sobald du Mutter geworden bist, kannst du dir keine Zukunft vorstellen, in der du nicht stolze Zeugin ihres Studienabschlusses oder ihrer Hochzeit sein wirst. Du fürchtest dich davor, dass du die Welt verlassen musst, wenn sie noch klein sind, und dass dann keiner für sie da sein wird. Und du weißt: Eine Mutter ist unersetzbar.

Es ist wahr, dass jede Mutter sofort ihr Leben für das ihrer Kinder opfern würde. Aber in ihrem tiefsten Inneren weiß sie auch, dass sie ein Teil der Gegenwart und der Zukunft ihrer Kinder bleiben will. Im Krieg bleiben Familien während eines Angriffs zusammen in einem Raum - falls sie getötet werden, gehen sie alle gemeinsam. Es bleibt dann niemand zurück, der trauern muss. Trotzdem werden viele Kinder in Gaza zu Waisen. Und viele Mütter trauern um das Leben ihrer Kinder.

Eine Mutter in Gaza ist eine Mutter, die um ihre verlorenen Kinder weint, die geborenen und die ungeborenen. Viele Mütter in Gaza haben Fehlgeburten, ausgelöst durch den Stress und die Wucht der Luftraketen. Die Leere in ihrem Haus, die Kinderkleider, das Bett, die Spielsachen, die Fotos erfüllen sie mit Erinnerungen an ein Kind, das sie einmal in sich getragen und unendlich geliebt haben.

Es ist ein unersetzlicher Verlust.

Was ist bitterer und schmerzvoller, als eine Mutter, die ihr Kind ein allerletztes Mal küsst - statt ihm einen einfachen Gute-Nacht-Kuss zu geben?

Ich schreibe das, weil meine Mutter, meine Schwägerin, viele meiner Freundinnen, die Kinder haben, jetzt in Gaza sind und mit Israels Angriffen konfrontiert sind.

Ich schreibe das, weil die Stärke, die sie zeigen, inspirierend und ohnegleichen ist. Sie betrachten diese Stärke als selbstverständlich, dabei kostet es eine enorme Kraft und unglaublichen Mut, eine Person zu bleiben, die unter solchen Umständen Liebe und Schutz bietet.

Ich wünsche allen Müttern in der Welt die Stärke der palästinensischen Mütter.

Ich wünsche den palästinensischen Müttern, dass sie irgendwann in einem friedlichen Palästina leben können.

(Palästinensische Väter sind nicht weniger bewundernswert, aber ich habe mich auf die Mütter konzentriert, weil ich mich mit ihnen am besten identifizieren kann.)

Der Text ist leicht gekürzt und ursprünglich erschienen auf livefromgaza.wordpress.com. Die Palästinenserin Lina Al-Sharif schreibt dort über "Mutterschaft, Mutterland und Lyrik". Die 25-Jährige hat eine Tochter und lebt heute in Katar. Wir haben den Text hier veröffentlicht, weil er die Angst und Verzweiflung beschreibt, die alle Mütter in Kriegsgebieten erleben, egal, wo auf der Welt. Lina Al-Sharifs Blogtexte stimmen nicht unbedingt mit der Ansicht der Redaktion überein.

Übersetzung: Michèle Rothenberg

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