Undankbare Kinder: Fürsorge schätzt man erst, wenn man erwachsen ist

Ihre liebevollen Eltern konnten bei ihr kaum punkten. Dankbar ist man eben erst, wenn man erwachsen ist, sagt BRIGITTE-Autorin Ines Schipperges.

Auf der Holzkommode im Flur meiner Eltern liegt wochentags jeden Morgen eine Frühstücksbox, prall gefüllt mit Schnittchen - wechselnde Kreationen belegter Brote, verziert mit Hartkäse oder Frischkäse, Ei, Karotten, Salat, Tomaten, Radieschen oder Gurken, daneben Apfelschnitze oder eine Handvoll Nüsse. Montags noch ein Stück Sonntagskuchen, manchmal ein Zettel mit lustigem Gruß oder schwungvoll gezeichneten Herzen.

Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin und diese Box sehe, breche ich jedes Mal in Begeisterungsstürme aus. Denn diese Kunstwerke aus Vollkornbrot, die schmiert jede Nacht mein Vater, damit sie meine Mutter jeden Morgen zur Arbeit mitnehmen kann. Was für eine Liebe, sage ich, was für eine Fürsorge. Wie schön, jemanden zu haben, der sich derart um einen kümmert.

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Das liebevoll geschnittene Gemüse war als Kind eine Strafe

Bis mich meine Eltern daran erinnern, dass auch ich jahrelang jemanden hatte, der sich derart um mich kümmerte: sie selbst. Dass mein Vater ebensolche liebevollen Mittagspausen-Appetithäppchen täglich für mich und meine Geschwister bereitete, mit Gemüse dekorierte, in Brotdosen packte und in Schulranzen legte.

Der Dank? Missmutige Gesichter, angewiderte Blicke. "Iiiiiih, Karotten mag ich nicht!" oder: "Wieso müssen wir immer Brot und Obst essen, der Basti darf sich jeden Tag eine Schneckennudel vom Bäcker holen!" – "Die Tina bekommt sogar Süßigkeiten für die Pause mit!" – "Der Hannes hat wenigstens Schoko drauf, immer dieses Grünzeug!"...

Was tun Eltern nicht alles für ihre Kinder? Und was bekommen sie dafür? Obligatorisch hingekritzelte "Danke, Mami"-Bilder zum Muttertag, ein möglichst kurzes, auswendig gelerntes Gedicht an Heiligabend.

Kinder halten nicht viel von Dankbarkeit

"Ein Klavier, ein Klavier - Mutter, wir danken dir", so fasste schon Loriot unser Bedürfnis nach makellos inszenierter Dankbarkeit zusammen. Und genau das ist vielleicht der Grund dafür, wieso Dankbarkeit zuallerletzt eine Kindespflicht ist. Denn Kinder halten mehr von Improvisation als von Inszenierung. Kinder sind nicht bescheiden wie das Veilchen im Moose, nicht anspruchslos zufrieden wie puritanische Eremiten oder genügsame Christen, die aus vollem Herzen singen: "Danke für diesen guten Morgen!"

Kinder danken ihren Eltern morgens nicht, weil die dafür sorgen, dass sie pünktlich zur Schule kommen, sondern meckern, weil es mal wieder viel zu früh ist. Kinder haben wenig am Hut mit Cicero, der Dankbarkeit als die Mutter aller Tugenden bezeichnete, sondern halten es lieber mit Ilsebill, des Fischers Frau, die immer mehr will. Und das ist okay.

Was am Ende bleibt? Die Nostalgie nach dem Pausenbrot

Neulich übernachtete ich bei meinen Eltern, weil ich in einer nahe gelegenen Stadt einen Termin hatte. Ich kam spätabends, fuhr früh am nächsten Morgen. "Oje", sagte mein Vater, "jetzt haben wir gar kein Brot da." – "Macht doch nichts", sagte ich. "Ich backe schnell eins", sagte er. "Nein, nein", sagte ich. Als ich morgens durch die stille Wohnung schlich, fiel mein Blick auf die leere Holzkommode im Flur, und für einen kurzen Moment wurde ich wehmütig.

Auch wenn man längst die Freiheit hat, jeden Tag "Nutella"-Brot zu essen und niemals mehr Mathe zu machen, kommt die Dankbarkeit nicht in einer überwältigenden Welle über einen. All die durchwachten Nächte, geschmierten Stullen, gebundenen Schuhe, geklebten Pflaster, tröstenden Worte, vertriebenen Gespenster ... Nur manchmal blubbert sie ganz sanft hervor, schwimmt mit weißen Schaumkronen garniert an die Oberfläche. Zum Beispiel, wenn man vor einer Holzkommode steht.

Brigitte 14/18

Wer hier schreibt:

Ines Schipperges
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