Papa kann nicht mehr ... und wie kriege ich Mama jetzt erwachsen?

Wenn der Vater schwächelt oder stirbt, sind unsere Mütter oft überfordert. Buchautorin Michaela Seul fragt: "Wie kriege ich meine Mama dazu, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen?"

In meiner Kindheit saß der Mann am Steuer

„Diana, ich ess’ jetzt ein Käsbrot“, sagt mein Vater, und meine Mutter bereitet es ihm mundgerecht zu.

„Diana, ich trink jetzt einen Kaffee“, sagt mein Vater, und meine Mutter setzt Wasser auf. Vor vielen Jahren schob ich mir im Beisein meines Vaters einmal ein Bonbon in den Mund. „Für mich auch“, bat er. Ich reichte ihm eines, er legte es auf die Zunge und rief empört: „Da ist ja noch Papier dran!“ 

Ich bin eine von sehr vielen, gehöre zu einem geburtenstarken Jahrgang. In meiner Kindheit saß der Mann am Steuer. Papa bestimmte die Route des Familienschiffs und hatte das Ruder in der Hand, Mama ordnete sich unter, beziehungsweise schob Papas Ruder mit Charme und Diplomatie in die von ihr gewünschte Richtung. 

Lange wollte meine Mutter nicht wahrhaben, dass der Kapitän schwächelte, dass er vergesslich wurde.

Denn das bedeutete, dass sie nun das Ruder in die Hand nehmen und Entscheidungen fällen musste. Dagegen wehrte sie sich mit einer Hartnäckigkeit und Zähigkeit, die mich verblüffte.

Meine Mutter ist kein Einzelfall

Als ich eingeschult wurde, waren alle Mütter meiner Klassenkameradinnen und -kameraden Hausfrauen. Ich erinnere mich gut an die erste Schulstunde. Jedes Kind nannte den Beruf seines Vaters. Der Beruf der Mutter kam nicht vor, sie hatte nämlich keinen, beziehungsweise nicht mehr. 

Und wenn sie einen gehabt hatte, war der in der Regel nur ein Lückenbüßer für die Zeitspanne zwischen Volljährigkeit, damals noch mit einundzwanzig, und Ehe. Die kinderlose Zeit währte oft nur kurz, idealerweise neun Monate nach der Hochzeit. Mit dem Kind wurde sie zur Hausfrau und Mutter, und alles war in Ordnung. 

Diese Frauen sind heute 70 plus. Ihre oft älteren Männer – eine Frau sollte damals mindestens zwei, besser ab vier Jahre jünger sein als ihr Ehemann – sind vielleicht gestorben, dement oder leiden an anderen Altersgebrechen. Auf einmal stehen die Frauen „allein“ da. Plötzlich sollen sie Dinge tun, die bis jetzt immer ihr Mann erledigt hat. Das fängt beim Betanken des Wagens an, führt über Bankgeschäfte zu kleinen handwerklichen Tätigkeiten im Haushalt. Wo ist der Sicherungskasten? Haben wir so was überhaupt? Und natürlich sollen sie Entscheidungen fällen, ihren Mann stehen – und das überfordert sie. 

Unsere Mütter sollen ihren Mann stehen - und sind überfordert

Die Kinder, vor allem die Töchter dieser Mütter, und ich bin eine davon, haben oft jahrelang an ihre Mütter hingeredet: Mama, denk doch mal an dich. Mama, du musst selbstständiger werden, Mama, du musst ein eigenes Leben führen. Aber die Mütter sahen dazu keine Veranlassung. Es klappte doch alles prima. Papa und ich sind ein gutes Team. 

Eines Tages funktioniert die Rollenaufteilung nicht mehr

Doch eines Tages funktioniert die jahrzehntelang gelebte Rollenaufteilung nicht mehr. Manche Frauen, die jung geheiratet haben, denken jenseits der siebzig zum ersten Mal darüber nach: Was will ich eigentlich? Vielleicht sehen sie an ihren eigenen Töchtern, dass es auch anders geht, dass Beziehungen auf Augenhöhe gelebt werden können. 

Auch wenn es schrecklich klingt: Die Demenz meines Vaters verhalf meiner Mutter zu mehr Selbstbewusstsein. 

Allerdings dauerte dieser Prozess Jahre. Als sie erkannte, dass er zu jeder neuen Anschaffung Nein sagen würde, weil er sich darunter nichts vorstellen konnte, überfordert davon gewesen wäre, sich ein eigenes Urteil zu bilden, begann sie, sich nötige Dinge selbst anzuschaffen. Endlich gab sie Geld aus, ohne Rücksprache, auch größere Beträge. 

Beim ersten Mal zögerte sie lange. Es handelte sich um einen Staubsauger, und noch versuchte sie, meinen Vater zu überzeugen. „Der alte saugt nicht mehr richtig“, sagte sie zu ihrem Mann, weil man immer einen guten Grund braucht. Der gewichtigere Grund, dass ihr das altmodische Teil zu schwer war, zählte nicht. Der Kauf von Technik fiel nicht in ihren Bereich. 

In einem halben Jahrhundert Ehe hatte sich folgende Vorgehensweise etabliert: Sie meldete dem Vorgesetzten, also meinem Vater, einen Mangel. Der Vorgesetzte hörte sich die Klage ruhig an, schenkte ihr aber erst einmal keinen Glauben. Frauen übertrieben, das war bekannt. 

Er sah sich die Sache jedoch an, denn das war seine Aufgabe. So widmete er sich gewissenhaft und mit Sachverstand dem rapportieren Missstand, womit er zeigte, dass er ein offenes Ohr für die Beschwerde seiner Mitarbeiterin hatte. Meistens fand er einen Fehler, und der wurde behoben. Meine Mutter gab sich damit zufrieden, hielt die Frist, die sich bewährt hatte, ein, und brachte ihr Anliegen erneut vor. 

Mein Vater scheitert heute schon am Staubsaugerbeutel

Bei meinem Vater begann ein Abwägeprozess. Ohne darüber zu sprechen, kümmerte er sich um die Sorgen und Nöte seiner Mitarbeiterin. Er ging strategisch vor, erkundigte sich im Bekanntenkreis und bei der Stiftung Warentest, streifte durch Geschäfte. Schließlich traf er eine Wahl, die nicht unbedingt mit den Wünschen meiner Mutter, der Staubsaugerführerin übereinstimmte. Doch selbstverständlich hätte sie nicht widersprochen, sondern sich über die Neuanschaffung gefreut.

Diesmal rang sie wochenlang mit sich und führte meinen Vater dann behutsam an das Projekt Staubsauger heran. Wollte, dass er einsah, wie schwer ihr Arbeitsgerät war und wie laut. Und außerdem alles andere als ein Energiesparmodell – wenn das keine Argumente waren! Mein Vater, der diese Fingerzeige früher verstanden hätte, reagierte nicht. 

Und die Beutel seien auch so kompliziert zu wechseln. „Das ist doch ganz einfach“, sagte mein Vater, nahm den Beutel und versuchte es selbst. Fünf Minuten lang mühte er sich, und in dieser Zeit riss wieder ein Stück im Herzen meiner Mutter. Ihr Mann. Der Ingenieur. Der Erfinder. Der Bastlerkönig. Der Alleskönner. Der Hausbauer. Der Feinmechaniker. Der Strombändiger. Der Gartenarchitekt. Der Haushaltsgeräte-Vorstandsvorsitzende. Der Problemlöser. Der Kümmerer. Verschwunden. Scheiterte an einem Staubsaugerbeutel. 

Die Zeichen mehrten sich seit Jahren. Und ich selbst benötigte ebenfalls Jahre, um die Dimension des Schmerzes zu begreifen und somit den Grund, warum man „es“ verdrängte, der Tagesform zuschrieb, normal nannte – er ist ja nicht mehr der Jüngste.

Wie bereitet mich das Schicksal meiner Eltern auf das eigene Alter vor?

Wenn ich manchmal Gefahr laufe, mich über ein sehr langsam fahrendes Auto aufzuregen und darin einen weißen Kopf entdecke … Wenn ich es im Supermarkt eilig habe und arthritische Rentnerinnenfinger in ihrer Geldbörse herumstochern – die sie vorher, als wären sie vom Zahlvorgang an der Kasse eiskalt überrascht worden, umständlich aus ihren diebstahlgesicherten Handtaschen zogen - ... Wenn ich mich dabei ertappe, zu wünschen, die alte Dame möge ihr Portemonnaie doch bitte der Kassiererin reichen, damit sich meine Wartezeit verkürzt … Dann verpasse ich eine gute Gelegenheit, mich auf mein eigenes Alter vorzubereiten. 

Sollte ich mich nicht freuen, wenn sich die alte Dame die Zeit nimmt, eigenhändig zu bezahlen, anstatt aufzugeben? Wenn sie sich nicht gedrängt fühlt von einer ungeduldigen Jugend – die in meinem Fall selbst schon in die Jahre gekommen ist. Wenn sie ein Zeichen setzt gegen die Leistungsgesellschaft und den Wartenden die Gelegenheit gibt, zu erkennen, dass sie mit Ungeduld nichts erreichen, ja, dass sie ihre Lebenszeit verschleudern. Anstatt die Lungenkrebsbildchen im Zigarettenregal zu studieren und Vorsätze für die eigene Gesundheit zu fassen oder als Frauen ein wenig Beckenbodentraining zu betreiben, das schadet nie. Oder bewusst zu atmen – es gibt so viele Möglichkeiten, Wartezeit aktiv zu nutzen, ist sie nicht ein Geschenk? 

Dieses Geschenk machen uns die mutigen Senioren, die mit ihren Gehstöcken für die wahren Werte fechten und mit ihren Rollatoren den Weg in die Hektik blockieren. Hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich kann ich es einmal so sehen und standhaft bleiben und mein Portemonnaie in meinen eigenen Händen behalten.

Und bis es so weit ist, so lange ich selbst noch eine Mutter habe, kann ich in jeder Begegnung mit ihr auch selbst reifen. 

Eine gute Beziehung zur Mutter, zur Tochter ist Seelennahrung. Schon ein paar Körnchen können genügen, und die Saat wird keimen, das liegt in der Natur dieser Beziehung. Einer Beziehung, die sich bis zum letzten Atemzug verändern kann. Und dann gibt es vielleicht doch noch ein Happyend.


Mehr zum Thema?

Am 21. Dezember 2018 erscheint das Buch „Lieber spät als nie – wenn Mütter flügge werden“ von Michaela Seul, in dem sie ihr Programm startet: Mama muss erwachsen werden! (Lübbe, 16 Euro).

Michaela Seul

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