VG-Wort Pixel

Verdrängte Schwangerschaft Unbemerkt schwanger? Gar nicht so selten

Verdrängte Schwangerschaft: Verzweifelte Frau
© fizkes / Shutterstock
Kann man ignorieren, dass man schwanger ist? Klingt unglaublich, kommt aber gar nicht so selten vor: 1500 Frauen verdrängen in Deutschland jedes Jahr ihre Schwangerschaft. Manchmal bis zur Geburt. Dr. Ilka Lennertz, Psychologin in der Klinik für Psychosomatik des Universitätsklinikums Dresden, kann das erklären.

Es klingt unbegreiflich: Wie ist es möglich, dass Frauen ihre Schwangerschaft einfach nicht bemerken, manchmal bis zum Schluss nicht?

Es handelt sich um eine enorme Verdrängungsleistung, die im Nachhinein selbst für die Betroffenen schwer nachvollziehbar ist. Ich habe mit Frauen gesprochen, die ihre Wehen für unerträgliche Rückenschmerzen hielten und erst im Krankenhaus erfuhren, dass sie gerade ein Kind bekommen. Viele sagen später: "Ich hatte schon mal gehört, dass es so etwas gibt. Aber ich hätte niemals gedacht, dass mir das selbst passieren könnte."

Sicher, dass es kein bewusstes Verheimlichen, sondern ein unterbewusstes Beiseiteschieben ist?

Bei den meisten Frauen ja. Zwar haben viele zu irgendeinem Zeitpunkt der Schwangerschaft eine Ahnung – aber die wird nicht zu Ende gedacht.  

Aus der Ahnung müsste doch spätestens dann mehr werden, wenn die Hose nicht mehr zugeht ...

Man kann für alles eine Erklärung finden: Viele dieser Frauen kennen Gewichtsschwankungen. Drei, vier Kilo mehr oder weniger auf der Waage sind für sie nichts Besonderes.  

Kann man wirklich einen schwangeren mit einem dicken Bauch verwechseln?

Die betroffenen Frauen sind unbewusst sehr geschickt darin, ihre körperlichen Veränderungen umzudeuten. Der Bauch ist halt gebläht, und für Schwindel und Übelkeit ist vielleicht die Sommerhitze verantwortlich. Darüber hinaus gibt es noch das sogenannte Silhouetten-Phänomen ...  

Was ist das?

Bei Frauen, die ihre Schwangerschaft verdrängen, bleibt der Bauch meist viel kleiner als bei anderen Schwangeren. Wir nehmen an, dass sie unbewusst ihre Bauchmuskeln anspannen und ihre Körperhaltung nicht verändern. Das Baby liegt vermutlich näher in Richtung Wirbelsäule. Einigen dieser Babys sieht man nach der Geburt regelrecht an, dass sie sehr wenig Platz im Bauch hatten.  

Streng geheim!

Auch das gibt es: Frauen, die ihre Schwangerschaft bemerken, sich aber niemandem anvertrauen wollen. Oft gelingt es, das Geheimnis bis zur Geburt aufrechtzuerhalten. Aber was dann? Zum Glück gibt
es in Deutschland das Angebot der vertraulichen Geburt, bei der niemand von der Identität der Schwangeren erfährt. www.geburt-vertraulich.de  

Was ist mit den Kindsbewegungen, die kann man doch nicht ignorieren?

Ignorieren ist das falsche Wort. Es ist vielleicht schwer zu verstehen, aber wenn es einfach nicht im Bereich des Möglichen liegt, dass das Rumoren im Bauch von einem Baby stammt, dann liegen alle anderen Gründe einfach näher: ein knurrender Magen, Verstopfung, ein Darm-Infekt. Häufig sind die Erklärungen so schlüssig, dass auch der Partner oder die Arbeitskollegen keinen Verdacht schöpfen. Einer Studie zufolge war etwa ein Drittel der Frauen bei einem Arzt – eine Schwangerschaft wurde allerdings nicht festgestellt.  

Wie häufig kommt es vor, dass Frauen nichts von ihrer Schwangerschaft wissen?

Wir sprechen von einer verdrängten Schwangerschaft, wenn sie bis zur 20. Woche nicht bemerkt wurde. Das passiert in Deutschland jedes Jahr etwa 1500-mal. 250 Frauen erfahren erst während der Geburt, dass sie ein Baby bekommen.  

Es ist also kein völlig abseitiges Problem?

Absolut nicht. Es kommt etwa so häufig vor wie eine Eklampsie (schwerste Form der Schwangerschaftsvergiftung, Anm. d. R.), nach der ja in der Schwangerenvorsorge routinemäßig gefahndet wird. Es ist sehr wichtig, das herauszustellen: So etwas passiert! Es kann einer gebildeten 42-jährigen Akademikerin genauso wie einer 18-Jährigen ohne Schulabschluss passieren.  

Trotzdem passiert so etwas doch nicht von ungefähr. Was führt dazu, dass Frauen eine Schwangerschaft nicht wahrhaben wollen?

Die von uns befragten Frauen befanden sich alle schon vor der Schwangerschaft in einer Krise. Sie haben vielleicht ihren Job verloren, leben gerade in Trennung oder haben von einer schlimmen Krankheit erfahren. Ihr Kopf ist sozusagen voll mit anderen Problemen. Eine Schwangerschaft würde das mühsam aufrechterhaltene Kartenhaus zum Einstürzen bringen. Auch Krisen in Zusammenhang mit einem Kinderwunsch sind nicht selten: Frauen, die eine Fehlgeburt hatten oder eine lange erfolglose Kinderwunschbehandlung hinter sich haben, verdrängen manchmal eine Schwangerschaft. Sie haben Angst, dass ihre Hoffnung ein weiteres Mal enttäuscht werden könnte. Da lassen sie lieber den Gedanken an eine Schwangerschaft gar nicht erst zu.  

Vorsorge verbessern

Eine verdrängte Schwangerschaft ist nicht nur dramatisch für die werdende Mutter, sondern auch fürs Ungeborene riskant: Die Schwangeren gehen nicht zur Vorsorge, sie rauchen vielleicht oder trinken Alkohol. In besonders tragischen Fällen töten Mütter ihre Babys nach einer heimlichen Geburt. Die Dresdener Forschergruppe will Vorschläge erarbeiten, wie man diese Frauen mit ihren Nöten rechtzeitig aufspüren kann, um sie schnell, unkompliziert und anonym beraten zu können.  

Wäre es für die Psyche nicht die bessere Strategie, offen mit solchen Problemen umzugehen?

Natürlich, aber gerade das ist ja für viele Menschen nicht so einfach. Wenn man sich das Leben dieser Frauen anschaut, stellt man immer wieder fest: Häufig kommen sie aus Familien, in denen Konflikte nie offen ausgetragen wurden, Probleme wie etwa eine Alkoholsucht wurden lieber totgeschwiegen. So ein Muster setzt sich über Generationen fort. Alle in der Familie sind ziemlich gut darin, nach außen hin die perfekte Fassade aufrechtzuerhalten. In einer Konfliktsituation geraten die betroffenen Frauen in starke Verzweiflung und finden keinen Weg mehr, sich zu öffnen.  

Können Sie den Moment beschreiben, in dem den Frauen klar wird, dass sie Mutter werden?

Für viele ist es ein Schock, der umso größer ist, je weiter die Schwangerschaft vorangeschritten ist. Extrem ist es natürlich, wenn die Frauen unter der Geburt ins Krankenhaus kommen und ein Arzt zu ihnen sagt: "Das sind Wehen, und Sie bekommen gerade ein Kind." Da kann man nicht von jetzt auf gleich umswitchen. Manche Frauen verlassen dann auch erst mal ohne Baby das Krankenhaus, um sich darüber klarzuwerden, ob sie das überhaupt wollen – Mutter sein.  

Und dann?

Die meisten wollen. Da gibt es sehr berührende Geschichten. Zum Beispiel die von einer Frau, die erst nach einer ganzen Weile wieder zurückkam, um ihr Baby zu holen. Plötzlich gelang sogar das Stillen, obwohl sie das Baby nie zuvor an der Brust hatte. So geht es aber nicht immer aus. Für manche Frauen und Paare kann es auch der richtige und verantwortungsvolle Weg sein, ihr Baby zur Adoption freizugeben.  

Haben Sie auch Frauen kennengelernt, die sich auf das Baby freuen?

Es klingt möglicherweise paradox, aber: Ja, oft freuen sie sich auch. Wie gesagt, nicht selten steckt auch die übergroße Hoffnung auf ein Kind hinter so einer Verdrängung. Gerade für die Frauen, die schon irgendwie eine Ahnung hatten, wird plötzlich etwas stimmig. Es ist, als hätten sie endlich ein Rätsel gelöst. Es mag komisch klingen, aber: Die Übelkeit, das Ausbleiben der Regel, das Bauchgrummeln – auf einmal ergibt das für die Frauen alles einen Sinn. Gut, wenn dann noch etwas Zeit bleibt, sich auf das neue Leben einzustimmen und ein paar ganz banale Dinge auf den Weg zu bringen: Strampler und Windeln kaufen, der Oma und dem Chef Bescheid sagen.  

Ein holpriger Start ins Familienleben. Kann er trotzdem gut gelingen?

Absolut. Man sollte vorsichtig mit dem Vorurteil sein, diese Mütter könnten keine guten Mütter sein. Es gibt die schlimmen Geschichten, die auch in den Medien gerne aufgebauscht werden: Frauen, die nach verdrängter Schwangerschaft ihr Baby in der Badewanne zur Welt bringen und es dann töten. Aber das ist die absolute Ausnahme. Oft sind es ganz normale Frauen, die aber in dieser Situation unbedingt Unterstützung brauchen. Toll wäre ein ganz gezieltes Beratungsangebot deutschlandweit. Wenn die Frauen merken, dass sie mit ihrer Situation nicht alleine gelassen werden, sondern es Lösungen gibt, könnten sie die Wahrheit vielleicht schon früher zulassen.  

Es wird geforscht

Verdrängte Schwangerschaften sind kein Randproblem – sie passieren in Deutschland jedes Jahr tausendfach. Um ein besseres Bild von diesem Phänomen zu bekommen, befragen Mitarbeiter der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik an der Uniklinik Carl Gustav Carus in Dresden zurzeit Frauen in Sachsen, die ihre Schwangerschaft verdrängt haben. Die Psychologin Dr. Ilka Lennertz leitet dieses Forschungsprojekt.  

Dieser Artikel ist ursprünglich auf Eltern.de erschienen.

Christiane Börger

Mehr zum Thema