Fasching in der Kita: Germany’s next Karnevalsprinz

Statt Spaß am Fasching nur Stress mit Eltern und Kostüm-Konkurrenz: Autorin "Benni Mama" fragt sich, warum es in ihrer Kita nicht möglich ist, einfach mal nur zu feiern.

Fashion-Week war gestern – heute ist Kita-Fasching

Anfang des Jahres, genau zwischen der Mailänder Modewoche und den Pariser Prêt-à-porter-Schauen gibt es ein weiteres Fashion-Highlight, das uns Eltern der Wilden Schlümpfe in Atem hält: den Kita-Fasching. Ich kann mich an meine eigenen Kindergartenfaschingsfeste kaum erinnern, weiß aber, dass ich wahlweise als Gespenst oder als Vampir verkleidet war. Also nicht viel mehr brauchte als ein bisschen weiße Schminke, ein weißes Bettlaken oder einen schwarzen Umhang. So ähnlich wollte ich es auch bei meinem Sohn Ben halten. Aber daraus wird natürlich nichts.

Ben selbst ist noch zu klein, um konkrete Wünsche zu äußern, aber ich spüre, dass ein Bettlaken mit zwei Löchern drin es wohl nicht richten wird. Wie stehe ich da vor all den anderen Müttern, die sich offenbar mal wieder viel mehr Gedanken über die ganze Sache gemacht haben als ich? Ich versuche mir vorzustellen, welches Kostüm Ben am ehesten entsprechen würde. Brüllen kann mein Sohn sehr gut und laut, er mag Katzen und hat mit seinen blonden Locken durchaus etwas, was man als Mähne bezeichnen könnte. Ben wird also als Löwe zum Kita-Fasching gehen. Ein kurzer Blick ins Internet, und ich stelle erleichtert fest: Es gibt jede Menge Löwenkostüme für Kleinkinder. Ich bestelle eines für 20 Euro und bin stolz auf mich.

"Du hast das Kostüm für deinen Sohn GEKAUFT? Im INTERNET?"

"Du hast das Kostüm für deinen Sohn GEKAUFT? Im INTERNET?" Bio-Bärbel sieht mich an, als hätte ich dort gerade eine von Bens Nieren versteigert. "Na ja, du arbeitest ja auch sehr viel und hast wahrscheinlich keine Zeit, deinem Kind ein richtiges Kostüm zu nähen", sagt sie noch.

Ich muss schlucken. Bio-Bärbel hat recht, ich habe eigentlich wirklich keine Zeit, außerdem kann ich gar nicht nähen. Aber vielleicht sollte ich mir diese Zeit nehmen? Denn alle anderen tun es offenbar auch. Ole, der Sohn von Bio-Bärbel, bekommt ein Wikingerkostüm mit handgeschnitztem Schild. Den Fellbesatz der Wikingerstulpen schneidert Bio-Bärbel aus Oles altem Lammfell, auf dem er als Baby immer gelegen hat. Krümel-Mama filzt inzwischen rote Schnabelschühchen und näht einen Umhang sowie einen Traumsandsack, denn Krümel darf nicht als Spiderman zum sondern muss als Sandmännchen gehen.

Die Mädchen- Mütter haben sich im Kaufhaus verabredet, um gemeinsam Glitzerfäden und Pailletten für die Prinzessinnenkostüme zu erstehen. Nur Luzi-Papa gibt gleich zu, dass er Luzis Kostüm gekauft hat, wofür natürlich alle Verständnis haben. Der arme Mann ist schließlich allein und arbeitet auch so schrecklich viel.

Ich kaufe also Stoff und krame die alte Nähmaschine hervor, die ich von meiner Oma geerbt und seitdem noch nie benutzt habe. "Was soll der Quatsch?", fragt Benni-Papa, als er mich dabei beobachtet, wie ich fluchend versuche, den Faden richtig einzulegen. "Ben ist es doch völlig egal, ob er ein selbstgeschneidertes Kostüm anhat oder nicht." "Ben vielleicht. Aber den anderen Müttern nicht", grummle ich zurück.

Also fange ich an zu nähen. Den ersten Versuch verwerfe ich und fange noch einmal neu an. Vier Tage lang sitze ich Abend für Abend an Bens Löwenkostüm. Währenddessen hat sich eine weitere grundsätzliche Diskussion in der Elternschaft der Wilden Schlümpfe ergeben. Krümel-Mama hat eine E-Mail an alle geschrieben, in der sie dafür plädiert, den Kita-Fasching waffenfrei zu halten: "Die Verherrlichung von martialischen Figuren, von Pistolen, Schwertern, Säbeln und Dolchen halte ich für äußerst problematisch. Wir sollten unseren Kindern vielmehr vermitteln, dass Gewalt keine Lösung sein kann." Leon-Papa widerspricht sofort und schreibt zurück: Ein Pirat ohne Säbel sei kein richtiger Pirat. Woraufhin Bio- Bärbel anmerkt, dass Piraten gesetzlose Verbrecher sind, schon immer waren und seit Jahrhunderten auf bedenkliche Weise romantisch verklärt würden. »Ach, aber Wikinger sind Friedensengel, oder was?«, ätzt Leon-Papa in die Runde. Und Theo-Mama, die für Theo schon ein Polizistenkostüm besorgt hat (und gar nicht erst auf die Idee gekommen ist, selbst Hand anzulegen), fragt, wie das denn dann mit der Dienstwaffe sei.

"Wenn Waffen an Fasching verboten werden, dann muss auch pinker Glitzerschrott verboten werden."

Emma-Mama springt Krümel-Mama zur Seite. Es sei doch nun wirklich irre, den Kindern ständig zu sagen, sie dürften sich nicht prügeln, nur um ihnen dann einmal im Jahr einen Totschläger in die Hand zu drücken. Und ob die Welt nicht ein friedlicherer Ort wäre ohne die männliche Faszination für Waffen. "Ich frage mich eher, ob diese Fixierung auf Niedlichkeit und Schönheit, die sich in der Versessenheit der Mädchen auf Feen und Prinzessinnen zeigt, nicht noch viel gefährlich ist", schreibt Leon-Papa. "Wenn Waffen an Fasching verboten werden, dann muss auch pinker Glitzerschrott verboten werden."

O Mann, bin ich froh, mich für ein Löwenkostüm entschieden zu haben! Tiere sind im Genderdiskurs unverdächtig. Leider reichen meine Nähkünste bei weitem nicht aus. Ich muss trotz aller Mühen zugeben: Niemand wird Ben als Löwen erkennen, eher wird man ihn für eine Kartoffel halten. Im besten Fall für eine Bio-Kartoffel. Am großen Tag stecke ich Ben dann doch in das gekaufte Löwenkostüm. Mein Kind soll nicht unter meinem Komplex leiden müssen, nicht für eine gute Mutter gehalten zu werden. Er sieht großartig aus und faucht schon mal sein Spiegelbild an, während ich ihm noch ein paar Schurrhaare aufschminke. In der Kita öffnet uns Erzieherin Petra die Tür, die sich das Gesicht blau angemalt und eine weiße Mütze aufgesetzt hat. "Da ist echt keiner drauf gekommen, sein Kind als Wilden Schlumpf zu verkleiden!", sagt sie fassungslos. Stattdessen kommen nun nach und nach all die Prinzessinnen, Feen, Darth Vaders, Piraten und Spidermans eingetrudelt.

Der arme Krümel sieht etwas unglücklich aus in seinem Sandmännchenkostüm, zum Glück hat Thore gleich zwei Laserschwerter mitgebracht und kann ihm eines leihen. Erzieherin Annabelle hat sich als "Bezaubernde Jeannie" verkleidet, eine Referenz, mit der die Kinder sicher nichts anfangen können. Aber den Vätern ermöglicht das Kostüm einen schönen Blick auf Annabelles flachen Bauch. "Jetzt feiern wir ein wildes und fröhliches Faschingsfest, mit Polonaise, Luftschlangen, Apfelsaft und Konfetti. Ganz ohne Streit", sagt Annabelle, kreuzt die Arme und zwinkert, so wie die bezaubernde Jeannie es tut, wenn sie ihrem Master einen Wunsch erfüllt. Ein Faschingsfest ohne Streit – der Wunsch wird wohl in Erfüllung gehen. Schließlich sind wir Eltern ja nicht eingeladen.

Verkleiden: Fasching in der Kita: Germany’s next Karnevalsprinz

Mehr von Benni-Mama in ihrem Buch "Große Ärsche auf kleinen Stühlen"Wo Jungs- und Mädchenmütter, Erzieher der alten Schule und Kuschelpädagogen sich auf kleinen Stühlen zum Elternabend treffen, um einen Laternenumzug zu organisieren oder den biologisch korrekten Speiseplan zu erörtern, fliegen die Fetzen. In ihrem Buch "Große Ärsche auf kleinen Stühlen" beschreibt Benni Mama Elterntypen, die wir auf so ziemlich jedem Elternabend ertragen müssen (8,99€, S.Fischer Verlage - oder direkt hier bestellen)

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Kommentare (9)

Kommentare (9)

  • Anonymer User
    Anonymer User
    Fortsetzung: Nicht ausgrenzen. Also zieht er ein Piraten-Tshirt an und bekommt einen Drei-Tage-Bart. Fertig ist die Laube.

    Nochwas: Ein bisschen mehr Toleranz und Respekt unter den Kommentarteilnehmern wäre echt schön.
  • Anonymer User
    Anonymer User
    @Jenna & Noname: Na was für ein Glück, dass Ihr hier ja keine Klischees bemüht...



    Wir wohnen ziemlich dörflich, in der Nähe von Braunschweig (als norddeutsche Karnevalshochburg...) In unserer Krippe wird jedes Jahr angeschlagen, dass Karneval ganz klein gefeiert wird mit Räuberfrühstück und Modenschau und so (?). Auf dem Anschlag steht weiter: Wer mag, darf "sich" (= sein Kind) verkleiden. Also habe ich mir die Mühe erspart, ein teures Babykostüm für ein 15-monatiges Kind, dass noch nicht lief (ja, er fing erst nach seinem ersten Krippen-Karneval an zu laufen!) zu kaufen und schickte ihn unkostümiert hin. Zu meiner allergrößten Überraschung war mein Sohn mit einem weiteren Kind als einzige ohne Kostüm! Da mit allen Gruppen gefeiert wurde, hat das dann auch jeder gesehen... Da ich jetzt weiß, was "klein feiern" in dieser Krippe heisst, wird mein Kleiner mit seinen 12 Monaten auch verkleidet. Da er in seiner Gruppe deutlich jünger als die anderen ist, will ich ihn ni
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Ich habe als Kind immer von einem dieser rosa glitzernden Prinzessinenkleider aus dem Kaufhaus geträumt :-)
  • Anonymer User
    Anonymer User
    @Jenna: Dein Beitrag spricht mir aus dem Herzen!
  • Anonymer User
    Anonymer User
    Eieiei…vielleicht würde es was bringen, wenn die Autorin ihr Kind in eine KiTa in einem benachteiligten Stadtteil bringen würde? Da freuen sich alle, wenn der Anteil an Bio-Deutschen steigt (die ja gewöhnlicherweise, sobald sie ein Kind bekommen, auf einmal gar keine Lust mehr auf den spröden Arbeiter*innencharm ihres Schmuddel-Viertels aus Studi-Zeiten haben). Und die Eltern dort haben weder Geld noch Zeit, um aus einem Kinderfest so ein Theater zu machen. Problem gelöst!

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