Notaufnahme: Pflegerin findet deutliche Worte für überbesorgte Eltern

Muss man wegen etwas Fieber oder einer Zecke in die Notfallambulanz? Während nebenan Ärzte um das Leben eines Kindes kämpfen? Eine Kinderpflegerin schreibt sich den Frust von der Seele.

Irgendwann sitzen fast alle Eltern mit ihrem Kind mal in der Notfallambulanz eines Krankenhauses. Weil das Fieber einfach zu hoch ist. Weil ein Unfall passiert ist. Weil das Kind schreit ohne Ende. Oder weil es etwas noch viel Schlimmeres hat.

Niemand geht grundlos an diesen Ort, der mit so viel Kummer und Ängsten verbunden ist.

Aber manchmal lohnt es sich vielleicht, abzuwarten. Es erst noch mit Hausmitteln und fürsorglicher Pflege zu versuchen, ehe man sich mit dem kranken Kind ins volle Wartezimmer setzt.

Zumindest aber sollten Eltern ein bisschen Verständnis und Vertrauen in das Klinikpersonal mitbringen, das versuchen muss, aus der Masse die richtig ernsten Fälle herauszufiltern.

Das jedenfalls ist die Botschaft einer Frau, die offenbar Kinderkrankenpflegerin ist und in einem offenen Brief auf Facebook beschreibt, wie es in einer Notfallambulanz zugeht.

Während Eltern um ihr Kind trauern, motzen andere herum

Was Tami Li in ihren Post beschreibt, ist Stress pur – körperlich und emotional.

"Ich sehe Mütter , die sich zu Gruppen zusammen stellen und lauthals schimpfen, wie lange sie schon warten.
Rechts im Spielbereich, sehe ich einige Kinder fröhlich singen und spielen, und frage mich, was für ein Notfall sie hierhin führt.
Links sehe ich einen blassen 8-Jährigen, und ich schaffe es gerade noch rechtzeitig ihm einen Mülleimer hinzuhalten, indem er sich entleert. Seine Mutter, sichtlich besorgt und überfordert, erzählt mir von Erbrechen und Durchfall.(seit heute) Und ich überlege ernsthaft, die Mutter darauf hinzuweisen, mit ihrem Sohn doch lieber nach Hause zu fahren, ihn ins Bett zu stecken , damit er in Ruhe seinen Virus auskurieren kann.
Jedoch weiss ich auch, dass solch eine Empfehlung nach hinten los gehen kann, und der Ruf der Klinik und unser Personal daran zu tragen haben.
Ich bringe dem Jungen ein kaltes Glas Wasser und bitte ihn , dass er löffelchenweise Wasser zu sich zu nehmen soll.
Neben dem Jungen, sehe ich ein 5 jähriges Mädchen fröhlich malen.
Ach, da sitzt eine Zecke am Hals.
Ich frage mich, ob es nicht risikoärmer gewesen wäre, hätte die Mutter die Zecke zu Hause entfernt.
Jetzt sitzt sie evtl 3 Stunden im Wartebereich und die Zecke hat mehr Zeit sich ihrer Bakterien zu entledigen.
Und hoffentlich komme ich morgen rechtzeitig, um diesem Mädchen den Mülleimer zu reichen."

Die Pflegerin schont ihre Leser nicht. Sie erzählt auch von den Fällen, bei denen die Ärzte das Kind nicht mehr retten können. Dass die Pflegerin dann sauer wird auf die Mutter, die mit einem fröhlichen Kind dort sitzt und sich beschwert – ja, man kann es verstehen.

"Da ich weiß, dass unsere Ärzte gerade einer Mutter vom Tod ihres Kindes erzählen, mache ich schonmal auf eigene Faust eine Blutentnahme, Inhalationen und suche ein Bett auf Station.
Wieder draußen, fängt mich Mutter X wieder ein und wird laut. Sie versteht nicht, dass sie jetzt 2 Stunden warten, obwohl vorhin nur 2 Patienten vor ihr dran waren.
Ich schaue ihr Kind an, es spielt fröhlich mit dem Handy, ich messe eine Temperatur von 38.3 Grad, Schmerzen werden verneint und ich teile der Mutter mit, dass jetzt 3 Patienten vorher dran sind."

Tami trifft mit ihrem Bericht einen Nerv: Über 40.000 Likes hat ihr Post bereits - Tami ist selbst überrascht, wie ihre Schilderung einschlägt. Und erklärt in einem weiteren Post, dass man ihre Botschaft nicht falsch verstehen solle:

"Mit meinem Beitrag möchte ich keine sorgenden Eltern davon abhalten in die Notfallambulanz zu fahren. Mir ging es nicht um Eltern, die den Gesundheitszustand ihres Kindes nicht einschätzen können. Mir ging es um Eltern, die um den Schnupfen, Erkältung, Mückenstich....wissen. Sich aber selbst nicht mehr vertrauen, die Verantwortung nicht tragen wollen. Nicht mehr auf ihr Bauchgefühl vertrauen und ihrem Mutterinstinkt folgen."

Am Ende bleibt eine schwierige Gratwanderung. Es gibt natürlich auch Situationen, in denen Eltern mit ihren Sorgen nicht ernst genommen wurden – und dann doch eine ernstere Sache dahinter steckte. Und schließlich sitzen wir eben lieber einmal zu oft im Wartezimmer, als uns womöglich ein Leben lang Vorwürfe machen zu müssen.

Aber wir sollten uns eben auch in die Lage der Profis versetzen, ihrem Urteil öfter vertrauen und unseren gesunden Mutterverstand nicht von Panik vernebeln lassen.

Wie Tami Li richtig sagt: "Das Pflegepersonal ist geschult, um ein Kind einschätzen zu können, wie schwer krank es ist. Seid froh, wenn ihr warten dürft, denn dann ist euer Kind kein Notfall."

Beschwert euch lieber über fehlende Hebammen!

Bei einem Punkt ist Meckern allerdings angebracht: Das ist der Mangel an Hebammen, den auch Tami Li in ihrem Brief anspricht. Hierüber können wir uns gar nicht laut genug beschweren. Allerdings nicht bei Ärzten und Pflegern. Sondern bei der Politik.

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