"Wir kennen uns kaum, aber willst du mich schwängern?"

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Katrin, ich bin 30 Jahre alt und schwanger. Den Vater meines Kindes kenne ich seit ca. einem halbem Jahr. Grund genug, um in der Gesellschaft auf Gegenwind zu stoßen. Warum ich zu meiner Entscheidung stehe.

Es ist soweit. Im Juni werde ich mein erstes Baby im Arm halten, wenn alles nach Plan läuft. Mein Wunschbaby, um genauer zu sein.

Eine Präferenz bezüglich eines Geschlechts habe ich nicht, denn egal was es wird, ob Mädchen oder Junge: In mir wächst ein Baby heran, das ich mir von ganzem Herzen wünsche und für das ich mich bewusst entschieden habe. So weit so gut. Wären da nicht die Umstände, unter denen ich mein Baby gezeugt habe. Anscheinend stören sich so manche Menschen daran – und das im 21. Jahrhundert. Aber fangen wir von vorne an.

"Ich brauche Sperma."

Meinen Partner, den Vater meines Kindes, kenne ich seit einem guten halben Jahr. Noch bevor wir ein Paar wurden, haben wir offen über das Thema Kinderwunsch gesprochen. Und ich habe ihm gesagt, was ich ihm zu sagen hatte: Ich brauche Sperma. Ob er sich vorstellen könne, mich zu schwängern? Selbstverständlich ohne irgendwelche Verpflichtungen, weder finanzieller noch pädagogischer Natur. Er sagte,  er denke darüber nach. Kurze Zeit später lautete seine Antwort: Ja, machen wir.

Wir verbrachten viel Zeit miteinander, es wurde eine Art Affäre, nur eben ohne Verhütungsmaßnahmen. Was ich nicht eingeplant habe, mich aber natürlich freut: Wir haben uns ineinander verliebt, uns für eine Beziehung entschieden. Drei Monate später wurde ich schwanger.

"Mit Disney-Filmen großgeworden"

Ich habe beinahe das ganze erste Trimester abgewartet, bis ich es meinem kompletten Freundeskreis erzählte. Denn neben meinen engsten Freundinnen, die meine Einstellung zum Thema "Rolle des Mannes beim Kinderwunsch" kennen, akzeptieren und größtenteils sogar verstehen, habe ich natürlich auch Freundinnen und Bekannte, die meiner Einstellung kritisch gegenüber stehen.

Die am häufigsten gestellte Frage: Wie komme ich bloß auf die Idee, ein Kind von einem Mann zu bekommen, den ich gerade mal wenige Monate kenne? Was, wenn sich schon bald herausstellt, dass er nicht der Richtige ist? Ob ich denn nicht lieber abwarten wollen würde, wie es sich entwickelt zwischen uns?

Nun ja, natürlich bin auch ich mit Disney-Filmen groß geworden, mit Prinzen, die ein Mädchen zu ihrer Prinzessin auserwählen, die um ihre Hand anhalten, sie von sich zu überzeugen versuchen und den sonst so dranhängenden unterwürfigen Scheiß, der einer Frau das Gefühl gibt, auserwählt und gerettet zu werden und etwas Besonderes zu sein.

"Blöderweise kam mir die Realität dazwischen"

Und (zu) lange – bis weit in meine 20er hinein – habe auch ich mir genau das gewünscht, habe darauf gewartet, bis mich ein Mann auswählt. Blöderweise kam mir die Realität dazwischen: Ich führte Beziehungen, die mal wenige Monate andauerten, mal einige Jahre – und früher oder später scheiterten.

In meiner letzten Beziehung glaubte ich, die Liebe meines Lebens gefunden zu haben. Dumm nur, dass derjenige wenig von Commitment hielt, gerne mit mir Zeit verbrachte, aber nicht mit mir zusammenziehen wollte; der mich wohl geliebt hat, aber nicht bereit war zu Heiraten; der zwar einen latenten Kinderwunsch hegte, sich damit aber noch einige Jahre Zeit lassen wollte. Im Nachhinein bin ich mir ziemlich sicher, dass dieses Ungleichgewicht unserer Lebensvorstellungen die Ursache zahlreicher blödsinniger Reibereien war, die letztendlich unsere Beziehung scheitern ließen.

"Seit wann gibt es eine Garantie dafür, dass eine Beziehung ewig hält?!"

Versteht mich nicht falsch, ich finde es fabelhaft, wenn Menschen lange Beziehungen führen, heiraten, ein Haus oder eine Wohnung kaufen und eine Familie gründen. Auch solche Freundinnen und Bekannte kenne ich, bei denen das alles reibungslos lief bzw. läuft – und es freut mich wirklich sehr für sie!

Doch seit wann gibt es eine Garantie dafür, dass eine Beziehung, die schon lange hält, auch für immer hält? Und seit wann ist es in Stein gemeißelt, dass eine frische Beziehung großen Herausforderungen nicht stand halten wird? Ich habe von Ehen gehört, die nach 20 Jahren geschieden wurden und kenne Paare, die sich ziemlich fix das Ja-Wort gaben – und immer noch glücklich zusammen sind, inzwischen nicht nur als Partner, sondern auch als Eltern.

"Ich bin die Frau, die selbst wählt"

Ich sage es, wie es ist: Ich hatte es satt, darauf zu warten, bis mich jemand auserwählt. Vielmehr bin ich der Typ Frau, der selbst wählt: den Lebensweg, den Job, den Mann, den Zeitpunkt für ein Kind. Und der ist jetzt.

Wenn meine Beziehung zum Vater meines Kindes für immer hält – hey, dann werde ich mich freuen, es wertschätzen, es genießen bis an mein Lebensende! Aber wenn es nicht so sein sollte, wird es für mich kein Weltuntergang, eine alleinerziehende Mama zu sein. Ich wäre bei weitem nicht die erste dieser Art auf der Welt.

Ja, ich bin mir dessen bewusst, dass es kein Zuckerschlecken ist, eine alleinerziehende Mutter zu sein. Auch solche Mamas kenne ich. Und auch das habe ich bei meiner Entscheidung, Mutter zu werden, bedacht. Das sollten meiner Meinung nach alle Frauen bedenken, die Mutter werden möchten – ganz gleich, ob sie verheiratet sind, verlobt, in einer langjährigen Beziehung leben oder gerade erst in eine Beziehung geschlendert sind. Eine Garantie, für immer mit demjenigen Partner zusammen zu bleiben, mit dem man zur Zeit zusammen ist, gibt es nicht. Für niemanden. Da macht auch ein Ehering keinen Unterschied, wie die Scheidung etwa jeder zweiten Ehe beweist.

"Frauen leiden, wenn sie ihren Kinderwunsch einer Beziehung unterordnen"

Doch hören wir auf mit der Schwarzmalerei. Wenn wir ehrlich sind, wünschen wir uns doch alle diesen Lebensgefährten, mit dem man durch dick und dünn geht. Und wir brauchen diesen Glauben daran, um uns angstfrei der Familiengründung zu widmen. Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass alles gut wird. Klingt naiv? Nein, realistisch! Wenn ich eines in den letzten 30 Jahren gelernt habe, dann, dass das Leben immer weiter geht. Dass wir mit den Herausforderungen im Leben irgendwie klar kommen, dass jede kleine oder große Katastrophe noch mal gut gegangen ist und dass auf jede gescheiterte Beziehung über kurz oder lang eine weitere folgt, die um zusätzliche Lebensweisheit bereichert ist. Nicht zuletzt habe ich aber auch gelernt: Nicht alles in unserem Leben obliegt unserer Kontrolle.

Natürlich können wir uns wünschen, dass unsere Beziehung niemals scheitert. Und natürlich können wir uns an das "Verliebt, Verlobt, Verheiratet" halten, bevor wir Kinder in die Welt setzen und an die Neverending-Lovestory glauben. Aber zu jeder Lovestory gehören immer zwei. Und was, wenn der Zweite nicht kommt, solange es die biologische Uhr noch zulässt? Was, wenn die Gefühle des einen nachlassen? Liebe ist ein Geschenk und nichts, was wir kontrollieren können. Und eine Beziehung ist eine Entscheidung, die wir immer  zu zweit treffen müssen und nicht alleine.

Wen ich nicht unerwähnt lassen möchte, sind jene Freundinnen und Bekannte von mir, die in den 30ern sind, einen intensiven Kinderwunsch pflegen – aber glauben, an der Situation nichts ändern zu können, weil sie Single sind. Weil "der Richtige" eben noch nicht da war. Diese Frauen leiden darunter teilweise sehr, weil sie ihren Kinderwunsch einer Beziehung unterordnen. Sie leben in der festen Überzeugung, dass sie ohne PartnerIn kein Kind zeugen sollten. Doch mit dieser Einstellung machen sie am Ende nur einen Menschen unglücklich: sich selbst.

"Frau entscheidet selbst, ob, wann und wie sie sich befruchten lässt"

Ich habe irgendwann für mich entschieden, meinen Kinderwunsch nicht von einem Mann, einer Beziehung, abhängig zu machen. Sollte es nicht die Entscheidung einer jeden Frau sein, ob und wann sie sich von wem befruchten lässt und ob sie vielleicht sogar den Gang zur Samenbank in Erwägung zieht (was durchaus mein langfristiger Plan B gewesen wäre, hätte ich nicht das Glück gehabt, meinem jetzigen Partner zu begegnen)?

Was meiner Meinung nach jeder für sich selbst entscheiden sollte, ohne dafür verurteilt zu werden:

  • Ob man Mutter werden möchte oder nicht – auch Abtreibung sollte bis zu einem gewissen Zeitpunkt eine akzeptierte Option sein, für diejenigen, die eben keine Kinder haben möchten.
  • Wann man Mutter werden möchte – nämlich dann, wenn man sich vollends bereit dazu fühlt, ob mit 20, 30 oder 40plus.
  • Unter welchen Umständen man Mutter werden möchte – ob aus der Samenbank, dem Labor, adoptiert oder leiblich.
  • Mit wem man ein Baby bekommen möchte – ob aus einer Homo- oder Heterobeziehung oder aus keiner Beziehung heraus.
  • Wie viele Babys sie bekommen möchte – ob eins, zwei, drei oder eine ganze Fußballmannschaft.

Hat man diese fünf Punkte für sich geklärt, sollte dem Kinderwunsch (oder eben Nicht-Wunsch) nichts mehr im Wege stehen. Es geht hier nicht um richtige und falsche Lebensweisen, die zum Regelwerk der Menschheit erklärt werden sollen. Beim Kinderwunsch geht es um die wohl intimste Entscheidung, die jede Frau frei und individuell für sich treffen sollte. Schließlich geht es hierbei um nichts Geringeres, als die Erhaltung der Menschheit.

Videotipp: 4 Jahre unerfüllter Kinderwunsch – wegen eines Missverständnisses

Überraschtes Paar im Bett

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Kinderwunsch nicht von einem Mann abhängig machen
"Wir kennen uns kaum, aber willst du mich schwängern?"

Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Katrin, ich bin 30 Jahre alt und schwanger. Den Vater meines Kindes kenne ich seit ca. einem halbem Jahr. Grund genug, um in der Gesellschaft auf Gegenwind zu stoßen. Warum ich zu meiner Entscheidung stehe.

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