Was schenkt man bloß Kindern, die schon alles haben?

Wie können wir heute noch unsere Kinder beschenken? MOM-Autor Till Raether über ratlose Eltern, überforderte Kinder und ein Zimmer, das von Spielzeug überquillt.

Es war einmal eine Zeit, als das Schenken noch geholfen hat. Weil das Kind noch klein war und noch gar nichts hatte. Und sich also über alles freute. Die Spielküche. Die erste Puppe. Eine Kiste voller alter Legosteine. Bessere Stifte. Spielzeugautos. Einen Ball.

Aber jetzt ist das Kinderzimmer voll, das Kind geht zur Schule, und von früher ist nur eins geblieben: der Glaube und die Erwartung des Kindes, dass Geschenke glücklich machen. Dass Geschenke das Beste an Weihnachten sind. Auf unterschiedliche Weise wissen die Eltern und weiß das Kind, dass es nichts Schöneres gibt, als sich etwas sehnlichst zu wünschen und es dann unter dem Weihnachtsbaum zu finden, oder, anders schön, dass man etwas auspackt, von dem man bis zu dem Moment, wo das Einwickelpapier in der von den Eltern dafür vorgesehenen Wohnzimmerregion landet, noch gar nicht geahnt hat, wie sehr man es haben möchte.

Das Kind ist verzweifelt, weil es keine Wünsche hat

Aber dieses Jahr weiß das Kind nicht, was es sich wünschen soll, und die Eltern wissen nicht, was sie ihm schenken sollen, denn: "Ich hab doch schon alles", sagt das Kind. Und es hat recht.

Man könnte dies als willkommene Selbsterkenntnis werten und als Einladung, dem Kind Bescheidenheit, Verzicht und die Vorteile liebevoll verpackter Stricksocken beizubringen. Wenn das Kind nicht so verzweifelt wäre.

Das Kind, acht, neun oder zehn Jahre alt, ist in der Hölle des Spätkapitalismus angekommen: Der Konsument braucht nichts, sehnt sich aber nach dem Befriedigungsgefühl, das sich nur dann einstellt, wenn einem ein Bedürfnis erfüllt wird. Die Erwachsenen haben gelernt, Bedürfnisse für sich zu erfinden, um sich von Befriedigung zu Befriedigung zu hangeln: ah, ein neues iPhone, ah, ein Fernseher mit zwanzig Zentimetern mehr Bilddiagonale, ah, die neue Espressomaschine, aus der der Kaffee besser schmeckt als aus allen anderen Espressomaschinen zuvor.

Ein "First World Problem"? Ja, aber das hilft auch nicht weiter

Gut, es hilft einem als Eltern wenig, wenn man sieht, dass das Kind unbewusst nur nachfühlt, was man ihm vorgelebt hat. Es hilft einem auch nicht, das Ganze als exquisites, wie man so sagt, "First World Problem" zu sehen, als Luxuskrise einer Bevölkerungsschicht, die noch die Freiheit hat, sich und den Kindern überhaupt noch Wünsche zu erfüllen. Das Kind weiß ja, dass es in Deutschland und vielleicht sogar in seiner Klasse Kinder gibt, deren Problem nicht ist, dass sie keine Wünsche haben, sondern dass keiner in der Familie genug Geld hat, um sie zu erfüllen. Zur Verzweiflung des Kindes, doch schon alles zu haben, kommt also noch ein latent schlechtes soziales Gewissen, für das es womöglich noch zu klein ist.

Bleiben wir mal bei den Fakten. Das Ausmaß an Spielzeug im Kinderzimmer ist absurd. Tatsächlich könnte man jetzt auf der Stelle aufhören, dem Kind je wieder etwas zu schenken, und es hätte bis zur Pubertät genug im Schrank, um sich damit zu beschäftigen. Und wie jedes andere hat auch dieses Kind eine relativ lange Geschichte und einen ganzen Fuhrpark von ehemaligen Herzenswünschen, die dann doch nie so richtig gezündet haben, und über die man jetzt im Keller stolpert: das Longboard, das Einrad, das gottverdammte Zimmertrampolin.

Das Kind hat daraus gelernt, was die Eltern schon wissen: dass man seinen Wünschen nicht trauen darf. Diesmal will es deshalb nichts falsch machen. Weil es nicht weiß, was es sich wünschen soll, weicht es auf Fantasiewünsche aus, die so unrealistisch sind, dass damit niemandem geholfen ist: das neue iPhone, das Kätzchen, der Bogen mit echten Pfeilen.

Glück und Freude nutzen sich ab

Bis vor Kurzem war es so einfach. Für einen kurzen Zeitraum im Leben des Kindes waren seine Wünsche und das Angebot der Konsumgsellschaft absolut deckungsgleich, der paradiesische Urzustand des nackten Wollens und Kriegens: "Lego Star Wars", "Lego Herr der Ringe", "Lego Friends", die Pferdewelt von Playmobil. Jedes neue Set war eine Wunscherfüllung, Nachfrage und Angebot waren eine wunderbare Einheit, und die Eltern mussten nur klick, klick machen - und fertig war die Weihnachtslaube.

Aber nach zwei, drei Weihnachten und Geburtstagen mit diesen Wunschquellen merkt das Kind, dass es mehr von dem Zeug hat, als es noch bespielen kann, und dass das vierte oder fünfte Set aus einer bestimmten Legoreihe sich nie wieder so gut anfühlt wie das erste oder das zweite. Das Kind merkt, dass Glück und Freude sich abnutzen, wenn man sie nicht immer wieder aus neuen, bisher unentdeckten Quellen speist. Das Kind ist, wie gesagt, verzweifelt.

Also fangen die Eltern an, sich verrückt zu machen und helikopterartig nach bisher unentdeckten Bedürfnissen zu suchen, die das Kind noch haben könnte. Der euphemistische Fachbegriff dafür ist: recherchieren. Beispielsatz: Du, ich hab mal in ein paar Foren recherchiert, worüber Neunjährige sich freuen, die eigentlich gern ein echtes Schwert oder einen Bogen mit spitzen Pfeilen hätten oder die früher gern mit Lego gespielt haben, aber nie mit Playmobil. Weiterer Beispielsatz: Ich habe mal bei Frank und Sonja recherchiert, deren Kinder sind ja schon älter, also, worüber die sich gefreut haben, als sie so alt wie unsere waren.

Wir recherchieren, was das Kind sich wünschen könnte

Das kann tatsächlich zu ganz guten, im Sinne von: praktikablen, Ergebnissen führen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist größer, dass man plötzlich einen Moment der Selbsterkenntnis hat: Moment mal, ich, am Feierabend, über dem Laptop, das Glas Rotwein neben mir, und seit anderthalb Stunden recherchiere ich, was mein Kind sich wünschen könnte, damit es sich dann darüber tief empfunden freut, Weihnachten mit anderen Worten also wieder glimpflich abläuft?

Es ist eine Schrecksekunde. Ständig klagen wir darüber, wie frei und wild unsere Kindheit war, wie lang die Leine, an der unsere Eltern uns ließen, und wie durchgeplant und fremdbestimmt die Kindheit im Vergleich dazu heute ist, und dann durchforsten wir Kundenkommentare in Online-Warenhäusern, um unserem Kind Wünsche einpflanzen zu können, die wir ihm dann erfüllen? Laptop zuklappen, Rotwein austrinken: Wir sind zu weit gegangen.

Dann ist da noch die Versuchung, sich ein weiteres Mal im Kinde selbst zu verwirklichen: Wäre es nicht am allerschönsten, dem Kind das zu schenken, womit man in dem Alter selbst so gern gespielt hat? Schau, das "Playmobil Sheriff’s Office" aus der Jubiläumsedition, genau das Gleiche hatte ich damals auch. Sieh, genau diese Kindernähmaschine war mein Schönstes, als ich so alt war wie du.

Eltern, die sich dem hingegeben haben, raten im Nachhinein oft ab: Es verletzt die Selbstliebe, wenn das Kind angeödet davon ist, was einem selbst die schönste Erinnerung an jenes Alter ist. Und noch schlimmer: Das Kind wird unter Umständen erst am zweiten Feiertag in Tränen ausbrechen und gestehen, wie scheiße es den Chemiebaukasten findet, denn es wollte ja die Gefühle des Vaters oder der Mutter nicht verletzen.

Nein: Wir müssen die Mission von ihrem Ende her denken. Nüchtern und pragmatisch. Das unmittelbare Ziel ist es, Weihnachten (oder eben den Kindergeburtstag) mit möglichst wenig Kollateralschäden zu überstehen. Die Frage ist also nicht, mit welchen Geschenken man das wunschlose Kind beglückt, sondern mit welchen Geschenken dieses Missionsziel erreicht werden kann. Das kann man geradezu formelhaft runterbrechen. Es muss ein größeres Hauptgeschenk und mehrere kleine oder mittlere Geschenke geben. Das Hauptgeschenk kann beim wunschlosen Kind durchaus was liebevoll verbrämtes Vernünftiges sein, das es sowieso früher oder später gekriegt hätte: das gebrauchte Fahrrad, weil es aus seinem rausgewachsen ist, der Ikea-Kinderschreibtisch, weil es sowieso einen braucht.

Keine Tränen, nicht mehr und nicht weniger

Die anderen Geschenke müssen aus vier Gruppen kommen: erstens was von dem willkürlichen Wunschzettel, den das Kind nach der "Toggo"-Werbung geschrieben hat. Zweitens was, das gerade alle anderen Kindern in dem Alter toll finden, egal, ob das Kind bisher Interesse daran gezeigt hat oder nicht (Auskunft gibt ohne weiteren Recherchebedarf das nächstgelegene Spielwarengeschäft). Drittens etwas, das das Kind möglicherweise in den nächsten Tagen und Wochen für sich entdeckt, bei dem man es aber auch nicht zu persönlich nimmt, wenn das Kind nie Interesse daran zeigt: Bücher, Bastelsachen, Hörspiele. Und viertens, und das ist mit Abstand die aller-, allerwichtigste Gruppe: etwas, womit das Kind auf Anhieb an diesem Abend und an diesen Feiertagen Spaß haben kann. Betonung auf KANN: Eine Garantie wird es nie geben.

Aber sehr nah kommt man der Sache, wenn man sich vorm Laptop oder im Laden fragt: Welches Spiel, welcher Film, der gerade auf DVD rausgekommen ist, welche Handarbeit mit schnellen Resultaten würde mir eigentlich an den Weihnachtstagen Freude machen, wenn ich es mit dem Kind zusammen machte? Mit was kann ich das möglicherweise indifferente Kind so mit meiner Begeisterung anstecken, dass wir die Stunden nach der Bescherung und rund um den Braten am ersten Feiertag so füllen können, dass wir alle irgendwie froh werden?

Vielleicht ist das was Banales wie das jeweilige "Spiel des Jahres" oder noch mehr Loom-Bänder mit noch komplizierteren Anleitungen. Egal. Denn die Hauptsache ist, sich auf die eine Sache zu besinnen, die man wirklich herausfinden und herbeiführen kann: nämlich was man sich selbst wünscht zu Weihnachten. Und das ist ja nur: eine gute Zeit. Keine Tränen. Nicht mehr und nicht weniger.

keine Bildunterschrift

Und wie haltet ihr es mit dem Schenken?

Diskutiert über diesen Artikel mit anderen Leserinnen im BRIGITTE MOM-Forum.

Text: Till RaetherEin Artikel aus BRIGITTE MOM Heft 4/2014

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