Alles, nur nicht autoritär: Warum sich Eltern von ihren Kindern schlagen lassen

Sind Eltern heute zu lasch? Warum können viele Mütter und Väter ihren Kindern nicht mehr Kontra geben? Der STERN hat dazu Experten befragt.

Eine Szene aus dem wahren Leben: Eine Vierjährige sitzt im Kindergarten auf dem Klo und weigert sich aufzustehen. Nur Papa dürfe ihren Hintern abwischen. Die Erzieherin ruft zu Hause an. Der Vater eilt in den Kindergarten und greift zum Toilettenpapier. Das Kind strahlt.

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Ach, die lieben Kleinen. Sie geben einem ja so viel zurück. Nicht nur ein Lächeln. Auch das schöne Gefühl, gebraucht zu werden. Erziehung ist, je nach Blickwinkel, eine ganz einfache oder sehr komplizierte  Angelegenheit. Jeder kann mitreden. Mit Erziehungsratgebern lassen sich ganze Bibliotheken füllen. Allein in Deutschland berichten Eltern in grob geschätzt etwa 3000 Internetblogs von ihren Erfahrungen. Ob Erziehung gelingt, ist immer eine Frage der Wertung. Dabei enthält der ungeschriebene Vertrag, den Eltern mit ihren Kindern schließen, stets die üblichen Klauseln: „Wir wollen uns lieben und achten und gegenseitig helfen. Wir wollen regelmäßig Oma besuchen und nicht so viel streiten und viel Freude haben. Wir wollen jeder im eigenen Bett schlafen und Konflikte in gegenseitigem Respekt lösen, voller Empathie und Wohlwollen. Wir wollen einfach glücklich sein und glücklich bleiben, jetzt und für immer und in alle Ewigkeit.“

Die weiteren Bedingungen des Erziehungsvertrages finden sich im Kleingedruckten: „Eltern sind ihren Kindern gegenüber weisungsbefugt, vielleicht auch umgekehrt, keine Ahnung, Genaueres regelt das Leben. Mal sehen, wie es so läuft.“ Und dann läuft es ganz anders als erwartet.

"Kinder wollen Eltern spüren, wollen in Kontakt sein"

Davon kann zum Beispiel Birgit Kärgel berichten. Die 57-jährige Pädagogin sitzt beim Landesverband des Deutschen Kinderschutzbundes in Hamburg am Telefon, wenn hilfesuchende Eltern die „Nummer gegen Kummer“ anrufen. Und die Schwierigkeiten der Eltern sind nicht von Pappe: „Eltern, die sich von ihren Kindern schlagen lassen, sind ein Problem“, sagt Kärgel, „das hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Die Eltern sind verzweifelt, beschämt und hilflos. Sie wehren sich nicht. Das hat seine Ursache häufig schon im Kleinkindalter. Schon da wären Klarheit und Orientierung wichtig. Nach dem Motto: Stopp! Ich verstehe deinen Ärger. Aber du schlägst mich nicht!“

Warum geben Eltern dann nicht rechtzeitig Kontra? „Tief in unseren Knochen sitzt noch immer unsere autoritäre Geschichte, die wir loswerden wollen“, sagt Kärgel. Autoritäre Erziehung sei falsch, aber antiautoritäre Erziehung ebenso wenig hilfreich. „Kinder wollen Eltern spüren, wollen in Kontakt sein und Kraft wahrnehmen. Beziehung bedeutet ein Spiel von Nähe und Distanz. Aber viele Eltern sind heute oft gar nicht in Kontakt zu ihren Kindern“, sagt Kärgel.

Sie verdeutlicht das mit dem Bild eines Seils. Am einen Ende: die Eltern. Am anderen: die Kinder. Damit man sich wirklich erlebe, müsse das Seil zumindest etwas gespannt sein. Viele Eltern aber gäben ständig nach. Dann hänge das Seil durch. Keiner spüre den anderen, Beziehungs- und Bindungslosigkeit drohe. „Zu nachgiebige Eltern sind ein Super-GAU“, sagt Kärgel. „Wie sollen denn Kinder eigene Grenzen finden, wenn sie nie eine Grenze der Eltern erleben? Irgendwann schlagen die Kinder buchstäblich um sich. Sie signalisieren: Nimm mich endlich mal wahr! Und zeig mir meinen Weg. Kinder brauchen Eltern, die wie Leuchttürme sind.“ Wo sind die Leuchttürme, die Kindern den Weg weisen? Wo sind die mutigen, mitfühlenden, konsequenten Eltern? Haben sie Erziehung verlernt?

"Nach außen sieht alles schick aus, aber innerhalb der Familie nehmen die Spannungen zu"

Zahlen sprechen dagegen: Laut „Kinderbarometer“ der Landesbausparkasse LBS fühlen sich heute mehr 9- bis 14-Jährige in ihren Familien wohl als noch vor fünf Jahren. Nach einer Untersuchung der Zeitschrift „Eltern family“ sagen 90 Prozent aller Kinder, sie fühlten sich bei ihren Eltern sicher und geliebt. Laut Shell-Jugendstudie sagen mehr als 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern. Fast zwei Drittel der Befragten gaben an, Respekt vor Gesetz und Ordnung wichtig zu finden. Umfragen zufolge nimmt das Interesse von Jugendlichen an politischen Themen zu. Jugendliche rauchen weniger als früher und beginnen später mit dem Trinken. Die Kriminalitätsrate sinkt seit Jahren.

Gar nicht so übel, oder? Könnte bedeuten: Eltern, entspannt euch. Aber Entspannung ist das Letzte, was einem einfällt, wenn man mit Menschen spricht, die sich auskennen mit Eltern- und Kindersorgen. „Die Unsicherheit in Erziehungsfragen hat deutlich zugenommen“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Cordula Klaffs von der Berliner „Immanuel Erziehungs- und Familienberatung Helmholtzplatz“,  die seit mehr als 20 Jahren zusammen mit ihrer Kollegin Beatrix Solyga ratsuchenden Eltern hilft. „Nach außen sieht alles schick aus, aber innerhalb der Familie nehmen die Spannungen zu.“

Das Bild, das sie vom Alltag in Familien zeichnet, dürfte vielen Menschen bekannt vorkommen. Nicht nur die Mieten steigen, sondern auch die eigenen Ansprüche. Beide Elternteile arbeiten, um ihren Lebensstandard zu halten. Beide kämpfen ständig gegen die Uhr und gegen all das Unvorhergesehene, das die mühsam aufgebaute Alltagslogistik zum Einsturz bringen kann.  Sie kämpfen aber nicht nur mit äußeren Umständen, sondern auch mit sich selbst: mit ihrem unbedingten Willen zur Perfektion. Mit dem schlechten Gefühl, weder Familie noch Arbeitgeber zu genügen.

Der Stress der Eltern wird zum Stress der Kinder

Ruhezonen zum Durchschnaufen gibt es immer seltener – auch wegen des omnipräsenten Smartphones, das mindestens so viel Aufmerksamkeit fordert wie Partner und Kinder. „Eltern geben diesen Druck häufig eins zu eins an ihre Kinder weiter. Der Stress der Eltern wird zum Stress der Kinder“, sagt Erziehungsberaterin Klaffs. „Gleichzeitig aber plagt die Eltern ein schlechtes Gewissen, nicht mehr ausreichend für die Kinder da zu sein. Und aus diesem schlechten Gewissen wird Konfliktvermeidung. In der kurzen Zeit, die Eltern und ihren  Kindern nach Job und Ganztagsschule noch bleibt, soll um Himmels willen kein Streit, keine Auseinandersetzung, keine Meinungsverschiedenheit das Klima trüben.“ In einem solchen Klima fällt es Eltern schwer, sich abzugrenzen. Dem Kind auch mal zu sagen, wann Schluss ist. Aus der Überzeugung heraus, das Kind wisse schon selbst, was für es am besten sei. Oder aus Erschöpfung.

Wie erziehen wir unsere Kinder am besten? Cordula Klaffs und Beatrix Solyga bilanzieren: „Seid echt, seid authentisch. Spielt euren Kindern nichts vor. Aber spielt mit ihnen. Seid einfühlsam, liebevoll und verständnisvoll. Setzt ihnen Grenzen und überprüft, ob sie diese Grenzen noch brauchen. Erweitert so allmählich den Raum. Habt keine Angst vor Fehlern. So schnell haut eure Kinder nichts um. Aber sie haben ein Recht darauf, von euch beachtet zu werden. Zeigt also Interesse, verbringt Zeit miteinander, statt Dinge zu konsumieren.“ Oder ganz kurz: mehr Zeit für Unterhaltungen. Weniger Zeit für Entertainment.

Die komplette Geschichte lest ihr im aktuellen STERN.

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