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KOLUMNE "KOPFKARUSSELL" Wieder Kita: Warum es sich mies anfühlt, mein Kind abzugeben

Mutter und Kind
© Stanislaw Pytel / Getty Images
Das ewige Hin und Her zwischen Kita, Schule, Homeschooling und Kinderbetreuung 24/7 hat seine Spuren hinterlassen. Bei Eltern und bei Kindern. Vor allem um letztere macht sich unsere Autorin sorgen. 

Ein Jahr Corona. Ein Jahr Kita, keine Kita, Schule, keine Schule. Immer dann, wenn wir gerade unseren Rhythmus zwischen Homeschooling, Homeoffice, Homework und was man noch alles so at Home machen kann, gefunden hatten, kam es wieder anders. Status quo: Die 8-Jährige hat Wechselunterricht, die 4-Jährige darf in die Kita. Es soll eine Erleichterung sein. Für mich wäre es das auch, liefen nur nicht jeden Morgen die Tränen. Erst beim Schulkind, dann beim Kita-Kind, anschließend bei mir im Auto. 

Ein Kita-Kind, das keines mehr ist

Seit Mitte Dezember war die Kleine nun zu Hause. Mittlerweile haben wir Mai. Im Leben einer Vierjährigen sind sechs Monate fast ein Zeitalter. Sechs Monate in denen wir uns hier irgendwie eingespielt haben. Ich im Homeoffice, sie zwischen Langeweile, Tablet und TV, spielen und großer Schwester, der es ähnlich geht. Die Kita vermisst sie eigentlich nicht, ihre Freunde schon und mich, sobald ich mich außerhalb unserer vier Wände ein paar Schritte entferne. Ich bin ihre Sicherheit, neben ihrer Schwester und dem Papa die einzige verlässliche Konstante gerade und das merkt man. Wir haben uns daran gewöhnt, uns um uns zu haben. Mittlerweile ist es normaler, dass wir alle den ganzen Tag hier zu Hause sind, als voneinander getrennt. Doch das wird jetzt, wo sie wieder in die Kita darf, zum Dilemma. Jeden Abend werde ich mit großen Augen gefragt, ob sie denn Morgen wieder zu Hause bleiben darf und jedes Mal die Enttäuschung, wenn ich "nein" sage. Die Vorfreude auf das Wochenende ist bei ihr mindestens genauso groß wie bei mir, dabei hat sie eine wirklich gute Zeit in der Betreuung.

Egal was ich mache, jede Entscheidung fühlt sich falsch an

Sie ist gern dort, hat Freunde zum Spielen in der Kita und mag die Erzieher. Ich weiß, sie ist in guten Händen. Trotzdem habe ich jeden Morgen das Gefühl, eine Rabenmutter zu sein, weil ich sie nicht in ihre Gruppe bringen darf, weil ich sie weinend Erziehern übergebe, die sie lange nicht gesehen hat, weil ich ihren Trennungsschmerz spüre und sie damit allein lassen muss. Ich weiß, sie wird sich ganz schnell wieder beruhigen und dann einen wirklich tollen Tag haben, aber in dem Moment bricht es mir das Herz, mein Kind einfach zurückzulassen. Wie oft musste ich dem Impuls widerstehen, sie einfach wieder ins Auto zu setzen und mit nach Hause zu nehmen. Schließlich geht das ja irgendwie auch. Aber eben nur irgendwie. Sie braucht ihre Freunde und soziale Interaktion. Und ich brauche die Betreuung durch die Kita, um ein paar Stunden ungestört arbeiten zu können. 

Kinder sind anpassungsfähig

Ja, das sind sie. Veränderungen fallen ihnen meist wesentlich leichter als uns Erwachsenen. Andererseits: Was bleibt ihnen auch anderes übrig. Sie werden nicht gefragt. Gefühle zu artikulieren, ist für Kinder ohnehin nicht einfach, vor allem nicht für die Kleineren. Doch auch unser Grundschulkind tut sich schwer, klagt über Bauchweh und Ängste. Die ersten Schultage im Präsenzunterricht waren schlimm für sie. Mittlerweile ist sie länger im Corona-Schulmodus als sie jemals normalen Unterricht hatte. So steht man hier morgens als Eltern vor der Schule und versucht sein verzweifeltes Kind dazu zu bewegen in den Klassenraum zu gehen, das sich einfach komplett weigert. Und die Uhr tickt. Für den Schulbeginn und meine Arbeitszeit.

Was macht das mit unseren Kindern? Was muten wir ihnen gerade zu? Ja, es wird besser, sie gewöhnen sich daran und die Tränen werden trocknen. Nur für wie lange dieses Mal, bis sich wieder alles ändert, die Kitas schließen und die Klasse in Quarantäne muss oder ähnliches? Es gibt keine Sicherheit, keine Stabilität, seit über einem Jahr nicht. 

Wenn wir eine Wahl haben, ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera

Corona lastet schwer auf den Schultern von Familien. Allein, die Entscheidung zu treffen, die Kinder in die Schule und die Kita zu bringen, überfordert mich. Denn ich habe Angst, das Falsche zu tun. Ich habe Angst, dass sie sich anstecken, dass ich mich anstecke. Die vielen Erstkontakte der beiden kann ich kaum zählen. Bislang ist das Hygiene-Konzept der Schule aufgegangen oder wir hatten einfach Glück. In der Kita ist Abstand so gut wie unmöglich. Wie sollte das auch ernsthaft funktionieren? Immerhin sind die Erzieher unserer Kita inzwischen geimpft. Doch wann sind die Kinder dran? Wann wir Eltern? Unser Risiko wird billigend in Kauf genommen, weil wir keine echte Wahl haben, nur die zwischen Pest und Cholera: Zuhause bleiben und Kinderbetreuung und Job in einem wuppen oder das erhöhte Ansteckungsrisiko in Kauf nehmen, dafür aber in Ruhe arbeiten und den Kindern Kontakte ermöglichen. Danke für nichts. 

Der Politik sind Eltern egal...

...und Kinder offenbar auch. Ich gehöre nicht zu denen, die sich per se erstmal über alles aufregen. Viele Regelungen fand ich bislang durchaus sinnvoll und auch die mangelnde Erfahrung mit Pandemien habe ich den Menschen an der Spitze unseres Landes lange zu Gute gehalten. Doch nun, ein Jahr später, sind die Lösungsvorschläge für die Corona-Pandemie noch immer die gleichen und das obwohl man sich bei den Ländern doch nur umgucken braucht, die es hinbekommen. Und damit meine ich nicht nur, was Schulen und Kitas angeht. Vielleicht mache ich mir das zu einfach, aber: Warum tun wir das nicht? Stattdessen schwanken wir zwischen auf-zu-auf-zu, werden mit Kinderboni abgespeist und sollen brav noch ein wenig aushalten, während unsere Kinder genauso unter der Situation leiden wie wir und möglicherweise nicht unbeschadet aus dieser Zeit hervorgehen. Während Familien struggeln, nicht wissen, wie sie noch länger durchhalten sollen, es finanziell eng wird, sie Angst um ihre Gesundheit haben, bereichern sich einige derjenigen, die ohnehin schon an der oberen Nahrungskette angekommen sind – weitgehend ungestraft natürlich. Unfassbar! Es ist so traurig, dass man es nur noch mit Galgenhumor erträgt. 

Ich will nicht krank werden

Bis hierher haben wir es geschafft, gesund zu bleiben, weil wir uns an Regeln gehalten haben. Zumindest physisch. Was meine Kinder aus dieser Zeit mitnehmen, wird sich noch zeigen. Ich bin erschöpft, ich bin müde und wütend, so wie alle anderen Menschen in meinem Umfeld auch. "Wie geht es euch?" frage ich schon länger nicht mehr. Wir sitzen alle im selben Boot mit wenig Wasser unter dem Kiel. Ja, wir sind gesund, aber wie lange noch?

Brigitte

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