Will ich ein Kind? Ja, nein, vielleicht!

Autorin Melanie Hughes über eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben. Lange war sie unschlüssig, ob sie ihren Karriereweg, ihre Unabhängigkeit und ihre glückliche Paarbeziehung gegen ein Familienleben eintauschen soll. 

Zwei Turteltäubchen beim Abendessen. Es gab etwas zu feiern, mein Lebensgefährte war befördert worden. Doch plötzlich kippte die Stimmung. Er eröffnete mir, dass er keine Kinder wollte. Zumindest nicht damals. Morgen vielleicht. Oder übermorgen. Hatte ja noch Zeit, sagte er. Doch was war mit mir? Hatte ich mit Ende dreißig auch noch Zeit, die Entscheidung Jahr für Jahr vor mir herzuschieben?

Der Kinderwunsch blieb ambivalent

Ich war 38 Jahre alt. Statistisch gesehen hatte ich den Zenit meines Lebens noch nicht erreicht, biologisch gesehen war ich eine alte Frau. Doch kurz vor dem biologischen Ende meiner Gebärfähigkeit war ich immer noch unschlüssig, ob ich überhaupt Kinder haben wollte. Unabhängig von meiner jeweiligen Lebenssituation waren die Ängste, die Fragen und der gefühlte Druck, der auf mir lastete, immer gleich.

Endlich Ordnung: Diesen Aufräum-Trick sollten alle Eltern kennen!

Doch irgendwann lief mir die Zeit davon. Schon damals waren die wenigen Eizellen, die mein Körper noch produzierte, von mieser Qualität und meine Chance, schwanger zu werden, nahm von Jahr zu Jahr rapide ab. Mit Anfang zwanzig ging ich noch vertrauensvoll davon aus, meine biologische Uhr würde sich in den folgenden Jahren irgendwann bemerkbar machen. Eines Tages, so nahm ich an, würde sich der Kinderwunsch einschleichen wie ein Herpes-Virus. Einmal eingefangen, nie wieder weg. Doch mit Ende dreißig war ich davon überzeugt, man hätte bei mir die Uhrenbatterie vergessen. Meine Einstellung und meine Gefühlslage in Bezug auf Nachwuchs blieben so ambivalent wie die Jahre zuvor. 

Familien mit Kindern in meinem Umfeld waren weniger Appetitmacher als abschreckende Beispiele. Auf mich wirkten sie gestresst, überfordert, ihrem Schicksal und den Erwartungen anderer ausgeliefert. Die in Hochglanzmagazinen porträtierten Karrierefrauen, die es spielend leicht schafften, Beruf und Karriere miteinander zu vereinbaren und dabei noch aussahen, als hätten sie gerade eine Ayurveda-Kur absolviert, machten mir keinen Mut – im Gegenteil. Sie waren für mich eine ziemlich hoch angesetzte Messlatte. Und ich war mir nicht sicher, ob es mir guttat, mich daran zu messen.

Mangel an Unterstützung

Würde ich als Mama in Vollzeit arbeiten wollen? Könnte ich meine Karriere auch in Teilzeit weiterverfolgen? Wie würde sich meine Partnerschaft verändern, wenn gewisse Abhängigkeiten entstünden? Welchen Energieeinsatz müsste ich leisten, um den Spagat zwischen Familie, Job und Haushalt zu meistern?

Schon damals übernahm ich im Vergleich zu meinem Partner achtzig Prozent der Arbeiten im Haushalt und konnte mir hochrechnen, zu welchen Ungunsten die Aufwände der Kindererziehung verteilt werden würden. Ja, in vielen Bereichen waren wir sicherlich gleichberechtigt und gleichgestellt – beim Miete zahlen zum Beispiel. Doch Wäsche waschen, Bügeln und Staubwischen gehörten nicht zu den Pflichten, derer sich mein Lebensgefährte bewusst war. Somit würde auch ich diejenige sein, die die Verantwortung für Kita-Anmeldungen, Impftermine, Schulhefte und Kindergeburtstage tragen würde. Wollte ich das? Da es mir an familiärer Unterstützung in greifbarer Nähe mangeln würde, würden wir uns nur entlasten können, in dem wir Dienstleistungen wie Haushaltshilfe oder Babysitting einkauften.

Bekam ich also keine Kinder, weil das Geld nicht reichte, mir ein Leben als Familie zu bescheren, das es mir ermöglichte, mich auf das Bereichernde zu konzentrieren und das Nehmende auszublenden? Nein, es waren nicht die fehlenden finanziellen Möglichkeiten, die ich als freiheitsberaubend empfand, es war die Tatsache, dass es mir schlichtweg an Unterstützung mangelte, die auch ohne Geld zu haben wäre.

Die nackte Angst - aber wovor?

Jahrelang konnte ich die Frage, ob ich ein Kind wollte, verdrängen und vertagen. Doch irgendwann spürte ich die Endlichkeit. Ich fühlte den Druck, der auf dieser irreversiblen Entscheidung lag. Und ich hatte panische Angst, in meinen Dreißigern eine Entscheidung zu treffen, die ich in meinen Vierzigern bereuen würde.

"Na, dann lassen wir es doch einfach mit den Kindern", dachte ich. Ohnehin wusste ich wenig mit ihnen anzufangen. Mein Beschäftigungsrepertoire für Kleinkinder endet nach zwei Minuten Hoppe-Hoppe-Reiter und überhaupt verspürte ich wenig Lust, einem Zweijährigen hinterherzurennen, weil dieser gerade die Welt entdecken wollte. Doch so sehr ich auch die Veränderungen fürchtete, die ein Kind mit sich bringen würde, ich konnte den Gedanken nicht ad acta legen. Ich dachte an einsame Weihnachtsfeste ohne Kinder, ohne Enkel (logische Verknüpfung). Ich dachte daran, dass von mir auf diesem Planeten nichts bliebe, weder ein Wikipedia-Eintrag noch mein Genpool.

Und irgendwann bei all dem Grübeln wurde mir bewusst, dass es die nackte Angst war, die mich blockierte. Doch Angst vor was? Hatte ich Angst, mir einzugestehen, dass ich kinderlos bleiben wollte? Oder hatte ich Angst, dass mich die Liebe zu meinem Kind so verändern, so ablenken würde, dass ich um mich selbst sorgte?

Bewusste Entscheidung treffen

Nach fünfzehn Jahren des Zögerns musste ich eine Entscheidung treffen – ich wollte sie aktiv treffen. Ich wollte nicht zusehen, wie die Biologie das für mich übernahm. Und so fragte ich eine mir sehr vertraute alte Dame. Mich selbst in vierzig Jahren, mein Alter Ego. Ich setze mich gedanklich neben die Achtzigjährige und fragte sie, was sie über ihr Leben zu berichten hatte. Was wollte ich von ihr hören? Dass sie kinderlos geblieben und mit fünfzig auf Weltreise gegangen war? Oder, dass sie zumindest versuchte, Kinder zu bekommen?

Nun, ich wollte eigentlich nur eines: sie sollte mutig gewesen sein und kein Hasenfuß. Sie sollte sich nicht von ihren Ängsten haben leiten lassen. Auch wenn ich genug davon hatte und bei jeder Spinne in der Wohnung auch mit fast vierzig noch Schnappatmung bekam. Auf meine alte Dame war Verlass. "Trau dich!" riet sie mir. "Versuche, schwanger zu werden. Die Erfahrung wird dich bereichern." "Ob es auch klappt?" wollte ich wissen. "Du wirst es erleben. Nimm das Abenteuer an. Auch in dieser Phase wirst du einiges über dich lernen."

Als dann auch mein Partner zu dem Schluss kam, dass es wohl nie den perfekten Zeitpunkt für Kinder geben würde und wir es versuchen sollten, taten wir es. Und ich wurde schwanger. Nicht sofort, aber irgendwann und zu einem Zeitpunkt, als ich schon nicht mehr damit rechnete. Heute bin ich Mutter einer kleinen Tochter. Ob meine Befürchtungen eingetreten sind? Ja, alle.

Das größte Geschenk – Mutterliebe 

Auch ich hänge in der Teilzeit-Falle, streite mit meinem Mann über Haushaltsthemen und kämpfe mit Schwangerschaftspfunden. Der finanzielle Aspekt und die fehlende unentgeltliche Unterstützung im Alltag machen uns zu schaffen, und ich hatte schon lange keinen Moment mehr für mich allein.

Aber ich habe etwas kennengelernt, von dem ich vorher nicht wusste, wie mächtig es sein kann. Ein Gefühl, das ich als das größte Geschenk meines Lebens empfinde und mir jeden Abend die (Freuden-)Tränen in die Augen treibt, wenn meine Tochter in meinem Arm eingeschlafen ist: Mutterliebe.

Und nun kämpfe ich für eine bessere Mütter-Welt. Eine Welt, in der junge Frauen in jedem Alter Kinder bekommen können, ohne sich um ihre berufliche Zukunft zu sorgen. Eine Welt, in der die Gesellschaft die Verantwortung für Kinder anerkennt und teilt. Eine Welt, in der Politik und Arbeitgeber für Rahmenbedingungen sorgen, die für Familien attraktiv sind. Eine Welt, in der sich Mütter untereinander solidarisieren und nicht mit Konkurrenzdenken in den Wahnsinn treiben. Eine Welt, in der ich als Frau und Mutter schön bin, wie ich bin. Und eine Welt, in der ich zugeben darf: Nein, ich wollte nie Kinder. Ich wäre auch ohne glücklich geworden. Und doch bin ich froh, mich getraut zu haben, und bin dankbar, dass ich Mutter werden durfte.

 Melanie Hughes, wohnhaft in Frankfurt am Main, ist Geschäftsführerin und Mitgründerin eines Datenvermarkters im Online-Marketing. Lange war sie unschlüssig, ob sie ihren Karriereweg, ihre Unabhängigkeit und ihre glückliche Paarbeziehung gegen ein Familienleben eintauschen soll. Ihr Buch "Will ich ein Kind? Ja nein vielleicht" erschien im Februar 2020 bei EDEL Books.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Gehören Kinder zu einem erfüllten Leben dazu?-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

Wer hier schreibt:

Melanie Hughes
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Brigitte-MOM-Newsletter

MOM-Newsletter

Mit unserem Newsletter erfährst du alles über die neuesten Online-Beiträge und verpasst keine MOM-Ausgabe!