Oje, mein Sohn wird erwachsen!

Ob beim Anziehen oder beim Trockenwerden, nie kann es Bloggerin Lucie Marshall schnell genug gehen. Doch dann zeigt ihr Sohn erste Unabhängigkeitsbewegungen - und sie hätte am liebsten ihr Baby zurück.

Endlich kann er sich alleine die Schuhe anziehen. Endlich kann er alleine die Gabel halten. Endlich geht er alleine aufs Klo und ich muss keine Windeln mehr wechseln. Jede Etappe wird von mir gefeiert. Jede Etappe bedeutet wieder neuen-alten Freiraum. Interessant ist, dass ich es so wahnsinnig eilig habe. Und dass ich oft so unfassbar ungeduldig bin. Erwarte ich allen Ernstes, dass mein Sohn Sam mit drei Jahren und elf Monaten schon alleine zur Kita geht, sein Pausenbrot schmiert und seine Wäsche wäscht? Wohin will ich denn so schnell? Und warum sitze ich augenrollend neben ihm, wenn er seine Kindergartentasche selber einpacken will und ich nur denke: "Das geht auch schneller!"


Sam schläft jede Nacht bei uns. Er braucht sehr viel Nähe, will meine Hand halten oder muss mit dem Kopf in Marcs Armbeuge liegen. Wenn irgendetwas Besonders passiert ist (wie zum Beispiel: Ein Hund hat ihn schräg angeguckt), dann schläft er auf mir – mit der Nase in meinen Haaren.

Heute wacht er zum ersten Mal neben mir auf und sagt: "Mama, das isse zu eng hier!" Und dabei hat er den meisten Platz bei uns im Bett. Als ich ihn beim Anziehen immer wieder abknutschen will, beschwert er sich: "Mama, lasse das!" Normalerweise bringe ich ihn in die Kita und zum Abschied kommt er noch mit zur Tür und dann gibt es drei Umarmungen, vier Luftküsse und ganz zum Schluss, wenn die Tür fast zu ist, reißt er sie noch mal auf und schreit: "Noch eine letzte kiss!"

"Tja, Lucie, dir kann es ja nie schnell genug gehen. Das hast du jetzt davon."

Heute bringe ich ihn zur Kita und werde noch nicht mal zur Tür gebracht. "Bis späta, Mama!", winkt er mir zu und verschwindet. Oh Gott, das ist mir zu schnell. Ist der schon so erwachsen? Warum hat mein Sohn es denn so eilig? Was ist mit meinen Kuscheleinheiten? Was ist mit den vier Luftküssen? Ich stehe an der Tür wie bestellt und nicht abgeholt. "Tja, Lucie, dir kann es ja nie schnell genug gehen. Das hast du jetzt davon", denke ich. Mein Herz brennt und ich würde mich am liebsten auf den Boden werfen und weinen. Wahrscheinlich werde ich einer dieser Mütter werden, die heimlich am Schulzaun kleben, um noch ein Blick aufs Kind zu erhaschen. Ich werde mich bestimmt in alle Sonderkomitees wählen lassen, damit ich eine lebenslang gültige Schulhofberechtigung bekomme. Ich höre Sam schon zu seinen Freunden sage: "Das ist meine Mutter, voll peinlich! Ignoriert die einfach." Ich werde durch die Stäbe des Zauns winken und mich total zum Affen machen.

Während ich noch vor der Tür stehe und mir meine Zukunft als "desperate mother" vorstelle, kommt Sam um die Ecke gerannt. Er sucht eigentlich seine Freunde, entdeckt mich und springt mir in die Arme. "Noch eine mal kuscheln, Mama", flüstert er mir ins Ohr, legt seine Arme um mich und drückt mir einen nassen Kuss auf den Mund. Dann stürmt er wieder davon. Puhh, zum Glück ist er nochmal zurückgekommen. Ich hatte das Kuscheln nötiger als er.

Ist das nicht absurd? Meine so geliebte und heiß ersehnte Freiheit bezahle ich ganz schön teuer. Das hatte ich bisher nie auf dem Zettel. Jetzt kommt langsam die Phase, wo ich nachmittags mal Zeit habe zu arbeiten, mir in der Nase zu bohren oder shoppen zu gehen... aber scheiße, wo ist denn mein Sohn? Wie geht es ihm? Kann ich ihn vielleicht doch mit Lieblingsfilm und Lieblingsessen nach Hause locken? Auwei. Die Mutter ist nicht nur peinlich, sondern leider auch schizophren. Kriegt Ihr das besser hin? Habt Ihr Tipps?

Text von Tanya Neufeldt, erschienen auf luciemarshall.com


Lucie Marshall, Kontrollfreak mit Widersprüchen

Das Blog: "Lucie Marshall - How my boobs became food"

Die Bloggerin: Tanya Neufeldt alias Lucie Marshall schreibt über den Wahnsinn zwischen Sohn, Arbeit, Mann und eigenen Ansprüchen. Sie ist gerne Mutter, aber auch gerne Frau. Als Kontrollfreak meint sie auch jetzt mit Kind ihr Leben immer noch voll im Griff zu haben und wird täglich eines Besseren belehrt. Und während sie statt Abendbrot die Fischstäbchen-Reste ihres Sohnes isst, fragt sie sich: "Wie zum Teufel konnte mir das denn passieren?"

Das gefällt uns: Selten hat jemand die Komplexität moderner Mutterschaft so lustig und grundehrlich aufgeschrieben. Belebend wie ein Glas Aperol auf Eis.


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