Hebamme rät: Gebt euch nicht an der Kreißsaaltür ab!

Wie selbstbestimmt sind Geburten? Und warum muss immer alles so schnell gehen? Hebamme Jana Friedrich plädiert dafür, dass Frauen wieder mehr auf ihre eigenen Wünsche hören.

Frau mit feinen Sinnen: Jana Friedrich, Autorin des Hebammenblogs, bei der Arbeit

Unser Blog-Liebling: Jana Friedrich lebt in Berlin, ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet seit 14 Jahren als Hebamme. Früher riet sie ihren Schwangeren: "Lest bloß nicht im Internet!" Bis sie entschied, mit ihrem Hebammenblog selbst für bessere Infos zu sorgen. Hier bekommen wir Tipps, inspirierende Geschichten und spannende Fakten rund ums Kinderkriegen - ohne Dogmen und Panikmache.

Selbstbestimmte Geburt: (wie) geht das?

Ich weiß nicht wie viele Geburtsverläufe ich in meinem Leben schon gehört und gesehen habe. Aber immer wenn Menschen von meinem Beruf erfahren, beginnen sie auch schon zu erzählen. Das können junge Frauen sein, die gerade erst geboren haben, oder auch ältere Damen, bei denen es schon lange her ist. Aber das Erlebnis der Geburt – sei es positiv oder negativ – brennt sich ins Gedächtnis ein.

Schöne Geburten werden mit strahlenden Augen erzählt. Die Frauen berichten dann von einem unglaublichen Glücksgefühl, der Stärke und dem Selbstbewusstsein, welches ihnen dieses Ereignis gegeben hat. Die Anderen, bei denen es nicht so gut gelaufen ist, sagen oft: "Wenn ich eine Hausgeburt gehabt hätte, wäre es böse geendet." Ob das wohl stimmt? Ich sage: "In den allermeisten Fällen ist das Quatsch!" Ich gehe sogar noch weiter und behaupte: Einige dieser Geburten wären zu Hause viel besser gelaufen! Und Frauen, bei denen dann trotzdem Komplikationen aufgetaucht wären, hätte man dann eben in die Klinik verlegt. Zur Not mit Blaulicht.

Nein, dies wird kein Artikel pro Hausgeburt. Den schreibe ich ein andermal. Aber der Vergleich von Klinik- und Hausgeburt macht einfach ein paar Dinge sehr deutlich.

Geburtsverläufe sind nicht vorprogrammiert

Der Deutsche Hebammenverband schrieb 2002 im "Plädoyer für die normale Geburt":

"Die überwiegende Zahl aller Geburten in Deutschland findet in Kliniken statt (98%). Bei ca. 90% aller Geburten werden routinemäßig Interventionen durchgeführt, wie z.B. venöser Zugang, Eröffnung der Fruchtblase, zu frühes Pressen statt aktives Mitschieben, Dammschnitt und Kristellerhilfe, {...} Außerdem werden ca. 25% aller Kinder durch Kaiserschnitt oder vaginale Operationen entbunden. Der Kaiserschnitt auf Wunsch wird zunehmend als Alternative zur spontanen Geburt diskutiert und angeboten."

Klingt das selbstbestimmt? Mal abgesehen vom Wunschkaiserschnitt ist natürlich keine dieser Interventionen gewollt. Die Frage ist also, ob und wie sich diese Maßnahmen verhindern lassen.

Aktion – Reaktion

Es ist sehr selten, dass Komplikationen einfach aus dem Nichts auftauchen. In der Regel bahnt sich ein ungünstiger Verlauf an. Und zwar egal, ob zu Hause oder in der Klinik.

Wenn mir von Geburten berichtet wird, kommt irgendwann der Punkt "of no return", an dem nämlich vom Klinikpersonal in das Geburtsgeschehen eingegriffen wird. Das passiert dann nicht etwa mit böser Absicht oder gar mangels Einfühlungsvermögen, sondern auf Grund von Leitlinien, die in Kliniken aus rechtlichen Gründen einfach eingehalten werden müssen.

Ein Beispiel: Bei einer Frau hat sich unter der Geburt der Muttermund bereits einige Zentimeter geöffnet. Dann stagniert das Geschehen. In der Konsequenz folgt in der Klinik sicher der Wehentropf. Die Geburt ist ja im Gange und soll weiter gehen. Es wird also in den Geburtsverlauf eingegriffen.

Zu Hause gibt es natürlich keinen Wehentropf. Die Hebamme würde feststellen, dass der Körper wohl eine Pause braucht und die Frau entsprechend dazu anhalten sich einfach noch etwas auszuruhen.

Die Frau mit dem Wehentropf ist vielleicht auch erschöpft. Aber ihrem Körper wird diese Pause nicht eingeräumt. So muss sie weiter steigende Wehen ertragen, obwohl sie vor lauter Müdigkeit eigentlich gar nicht mehr die Kraft dazu hat: Sie braucht also ein Schmerzmittel! Und durch das Legen einer PDA erfolgt somit der nächste Eingriff.... Und so geht es weiter.

Auf Nummer sicher

Viele Geburtsverläufe nehmen also meist erst durch medizinische Eingriffe eine neue Wendung. Wir in der Klinik, sowohl Ärzte als auch Hebammen, wissen das natürlich auch. Aber wir sind, durch das Wissen um die rechtlichen Folgen, in unserem Handeln einfach entsprechend eingeschränkt. Denn die Logik ist leider simpel: So weit ich weiß, wurde noch nie ein Arzt verklagt, der sich genau an die Leitlinien gehalten hat. Auch nicht, wenn der Verlauf dadurch absehbar ungünstig verlief.

"Mehr Interventionen und Technik erreichen keine besseren Geburtsergebnisse." (Deutscher Hebammenverband e.V.)

Lasst euch von schlimmen Geburtsberichten also bitte keine Angst machen! Natürlich gibt es eine Schicksalskomponente, auf die man keinen Einfluss hat. Aber in der Geburtshilfe spielen die eigene Einstellung und die Qualität der Geburtsleitung oft eine entscheidende Rolle!

Wenn eine Frau unter der Geburt klar formuliert, was sie möchte und was nicht, ist oft ganz viel möglich.

Man hat also Einiges selbst in der Hand: Es ist, außer in echten Notfallsituationen, immer möglich, Maßnahmen zu hinterfragen und sich Alternativen aufzeigen zu lassen. Oft gibt es welche. Den Wehentropf, aus dem Beispiel oben, hätte man durchaus ablehnen können.

Wenn eine Frau unter der Geburt klar und deutlich formuliert, was sie möchte und was nicht, ist oft ganz viel möglich. Zumindest ist das in meiner Klinik so!

Weniger ist mehr

Das bedeutet keinesfalls, dass ich die Schulmedizin und ihre Technik grundsätzlich ablehne. Ich selbst arbeite gerne in einer Klinik und bin froh, dass ich heute und nicht etwa vor 100 oder gar 1000 Jahren lebe und arbeite. Aber meiner Meinung nach sind wir in unserer Gesellschaft an einem Punkt angelangt, an dem sich die Geburtshilfe eben nicht durch immer noch "mehr tun" noch weiter verbessern lässt. Vielleicht aber genau durch das Gegenteil. Schon der deutsche Frauenarzt und Gelehrte, Professor Dr. Dr. Willibald Pschyrembel (1901 – 1987), sagte:

"Man muss in der Geburtshilfe viel wissen, um wenig zu tun."

Viel wissen tun wir absolut, aber dieses "wenig tun", genau das haben wir leider etwas verlernt.

Natürlich – aber schnell

Und nicht nur die Medizin, sondern auch die Frauen selbst haben es oft verlernt zu warten: Kaum ist der Entbindungstermin erreicht, wollen sie eingeleitet werden – manchmal auch schon vorher. Und unter der Geburt fordern sie häufig Maßnahmen zur Beschleunigung. Den Willen, natürliche Prozesse abzuwarten, haben nicht mehr viele. Wenn man sie fragt "Natürlich?", dann heißt es: "Ja sicher!" Aber kurz und schmerzlos soll es trotzdem sein.

Die "normale" Geburt

Aber was ist schon normal? Im "Plädoyer für eine natürliche Geburtshilfe" vom BDH heißt es:

"Hebammen wissen, dass 'normal' im Sinne von 'ungestört' oder 'natürlich' nicht immer das vorrangige Kriterium für eine Frau ist, wenn sie sich für einen Entbindungsort, bzw. eine Entbindungsform zu entscheiden hat. Jede Frau hat selbstverständlich das Recht, für sich selbst zu wählen, welche Art von Betreuung und Geburt sie möchte. Um aber wohlüberlegt entscheiden zu können, muss sie zuvor ausreichend informiert worden sein. Eine interventionsarme Geburt sollte als Wahlmöglichkeit zur Verfügung stehen, – auch im klinischen Bereich." (P.E. Treffers 2000 ).

Wahrscheinlich sind die Zahlen in der Hausgeburtshilfe auch deshalb so gut, weil sich Frauen, die sich für eine Hausgeburt entschließen, lang und gründlich damit beschäftigt haben. Durch die Gespräche mit ihrer Hebamme wissen sie einfach genau, was auf sie zukommt. Auf der Seite des Quag e.V. ("Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe") heißt es dazu:

"Mehr als der Technik und ärztlichen Unterstützung vertrauen diese Frauen ihrer eigenen Kompetenz, Intuition und Kraft sowie dem fachkundigen Beistand einer Hebamme, um ihr Kind im eigenen Rhythmus ungestört zu gebären."

Haben also 98% aller Frauen, also die, die sich für die Klinik entscheiden, schon von vorn herein schlechte Voraussetzungen für eine "normale" Geburt? Oder müssen wir "normal" einfach nur mal wieder neu definieren? Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) geht in ihren "Empfehlungen zur normalen Geburt"** davon aus, dass

- jede Frau ein grundlegendes Recht auf eine umfassende Betreuung in der Schwangerschaft hat. - sie bei allen Aspekten dieser Betreuung im Mittelpunkt steht und an der Planung, Durchführung und Beurteilung der Vorsorgemaßnahmen teilnimmt. - neben der medizinischen Vorsorge soziale, emotionale und psychische Faktoren entscheidend sind für eine umfassende Betreuung in der Schwangerschaft.

Ich denke, wir können natürlich nicht immer von diesen idealen Voraussetzungen ausgehen, aber die Strukturen sind zumindest längst da.

Optimale Bedingungen

Im Herbst 2012 nahm ich am Hebammenkongress der DHZ teil. Das Motto: "Hebammenkunst – Die Rettung der normalen Geburt". Ina May Gaskin, Hebamme und Trägerin des alternativen Nobelpreises, war eine der Referentinnen. Sie machte uns darauf aufmerksam, wie gut wir es hier in Deutschland haben. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern. Und damit meinte sie nicht etwa Entwicklungsländer. Bei uns gibt es:

- Die Möglichkeit einer umfassenden Hebammenbetreuung in jeder Phase der Schwangerschaft – von den Krankenkassen bezahlt! - Die Möglichkeit einen Geburtsvorbereitungskurs zu belegen – wird zumindest für die Frau, zunehmend aber auch für den Partner bezahlt. - Freie Wahl des Geburtsortes (Klinikgeburten sind in anderen Ländern teilweise Pflicht) - Die Möglichkeit einer Hebammenbetreuung im Wochenbett – auch bezahlt!

Von diesen Rechten träumen beispielsweise amerikanische Frauen, bei denen noch nicht mal eine Hebamme bei der Geburt anwesend sein muss! Es gibt bei uns also einige Möglichkeiten, um sich mit dem bevorstehenden Geburtsgeschehen auseinanderzusetzen und entsprechende Dinge in die Wege zu leiten.

Fazit

Selbstbestimmtheit könnte das neue Normal sein! Die selbstbestimmte Geburt ist möglich, nötig und absolut empfehlenswert. Gebt euch nicht einfach an der Kreißsaaltür ab!

Immer häufiger kommen Frauen mit kleinen "Wunschlisten" zur Anmeldung. Ich finde das gut. Natürlich ist eine Geburt nicht im Detail planbar. Aber einige Weichen kann man schon stellen. Es ist eure Geburt! Überlegt was euch wichtig ist. Dann habt ihr die besten Chancen auf ein schönes und gutes Geburtserlebnis.

"Geburt ist wie über eine ganz schmale Brücke gehen – es können Dich Menschen zur Brücke begleiten, es können Dich welche am anderen Ende in Empfang nehmen, aber über die Brücke gehst Du alleine."

(afrikanisches Sprichwort)

Text von Jana Friedrich, erschienen auf hebammenblog.de

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