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Narzissmus beim Nachwuchs Neurowissenschaftler warnt vor diesen 3 Dingen

Narzissmus beim Kind: Auch die Erziehung hat Einfluss auf diese Persönlichkeitsstörung
Narzissmus beim Kind: Auch die Erziehung hat Einfluss auf diese Persönlichkeitsstörung
© liyasov / Adobe Stock
Wie sorge ich ungewollt dafür, dass mein Kind narzisstisch wird? Ein Neurowissenschaftler gibt drei Hinweise, die wir vermeiden können.

Inhaltsverzeichnis

Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung, die sich unter anderem in einem ungesunden Wunsch nach Anerkennung und einem Mangel an Mitgefühl zeigt. Zumindest oberflächlich betrachtet, lassen sich viele Menschen (mitunter auch man selbst) als Narzisst:in betiteln, auch wenn es sich bei dem Begriff eigentlich um eine klinische Diagnose handelt, die auch nur von medizinischem Personal wie Therapeut:innen festgestellt werden kann.

Niemand möchte wohl selbst Narzisst:in sein. Vor allem wollen Eltern nicht, dass ihre eigenen Kinder Narzisst:innen werden. Aber: Was bedeutet eigentlich Narzissmus und wie zeigt sich diese Persönlichkeitsstörung? Haben wir als Eltern Einfluss darauf, dass unsere Kinder aufgrund ihrer Erziehung und Entwicklung eine narzisstische Persönlichkeitsstörung entwickeln? Neurowissenschaftler Cody Isabel gibt drei wichtige Hinweise, wie wir unsere Kinder ungewollt zu Narzisst:innen machen – und wie wir das verhindern können.

Narzissmus: Wenn die Selbstliebe zur Störung wird

Am Ende aller Tage haben wir alle gewisse narzisstische Anteile in uns – und das ist auch etwas Gutes. Denn schließlich ist Narzissmus in Maßen nichts anderes als Selbstbewusstsein. Und ein gesundes Maß an Selbstbezogenheit sorgt dafür, dass wir unsere eigenen Wünsche und Ziele nicht aufgrund von anderen Menschen aus den Augen verlieren. Eigenschaften wie Durchsetzungsfähigkeit, Erfolgsorientierung – aber auch extreme Kränkbarkeit – beschreibt "Psychologie Heute" als erst einmal unproblematischen "Persönlichkeitsstil".

Dieser wird allerdings dann problematisch, wenn er derartige Ausmaße annimmt, dass man ihn als "normverletzend und sozial unflexibel" beschreiben kann. In diesem Fall spricht man von einer Persönlichkeitsstörung, einer klinischen Diagnose. 

Wird eine narzisstische Person geboren oder gemacht?

Die Forschung ist sich uneins darüber, ob eine Person als Narzisst:in auf die Welt kommt. Im Gespräch mit "Deutschlandfunk Kultur" geht der Wissenschaftler Professor Claas-Hinrich Lammers davon aus, dass Persönlichkeitsstörungen zu 70 Prozent genetisch bedingt seien. Allerdings betont er auch, dass die Menschen, die zu ihm kommen, leiden würden. "Und bei denen kriegt man schon Kindheitsgeschichten raus, wo man den Eindruck bekommt, die Eltern haben sie vernachlässigt und häufig bestraft und nicht ausreichend beachtet."

Die durchschnittliche grandios-narzisstische Person geht nicht in Therapie.

Ein dominantes, arrogantes Verhalten, welches als "grandioser Narzissmus" kategorisiert wird, ist aktuell noch wenig erforscht – denn die Menschen, die darunter "leiden", lassen sich selten untersuchen. Schließlich geht es ihnen meist gut, sie sind tendenziell auf der erfolgreichen Seite im Leben. Joshua Miller, Professor für Psychologie an der University of Georgia, würde im Interview mit "Deutschlandfunk Kultur" gar so weit gehen und sagen, "dass die durchschnittliche grandios-narzisstische Person wahrscheinlich nicht in Therapie geht".

Der Grund: Entweder läuft in ihrem Leben alles wunderbar – und wenn es das nicht tut, suchen diese Menschen eher die Schuld bei anderen. "In der Regel kommen die mit Krisen", sagt Claas-Hinrich Lammers. Niemand komme zu ihm und sage: "Ich bin ein Narzisst und brauche Hilfe", vielmehr würden sie sich in Therapie begeben, weil sich ein:e Partner:in "mal wieder getrennt" habe oder weil sie beruflich "mal wieder" gescheitert seien, so der Professor.

Wie Eltern ihre Kinder zu narzisstischen Menschen erziehen

Haben Eltern überhaupt eine Verantwortung für die Entwicklung dieser Persönlichkeitsstörung, wenn sie zu 70 Prozent genetisch bedingt sein soll? Tatsächlich ist es wohl so, dass auch die Erziehung bei der Entwicklung einer narzisstischen Störung eine Rolle spiele, schreibt "Psychologie Heute". Zwar gebe es kein gesichertes Wissen, allerdings verschiedene Theorien, nach der die Erziehung die Entwicklung narzisstischer Tendenzen begünstigt. Ein Beispiel: Ständiges Loben, ohne dabei die eigentlichen Leistungen des Kindes und anderer Kinder zu berücksichtigen. Neurowissenschaftler Cody Isabel gibt drei Hinweise, mit denen Eltern ihre Kinder zu Narzisst:innen erziehen.

1. Die Eltern reflektieren ihre eigenen negativen Verhaltensweisen nicht

Dein Kind lernt, indem es dich beobachtet und nachahmt. Und das tut es auch bei Verhaltensweisen, die negativ zu bewerten sind. Isabel nennt ein Beispiel: "Nehmen wir an, ein Kellner bringt Ihre Bestellung durcheinander. Anstatt diese Situation mit Fassung zu tragen, demütigen Sie den Kellner und schreien ihn an. Ihr Kind sieht zu und findet Ihre Reaktion in Ordnung."

Der Wissenschaftler betont, dass es wichtig sei, Kindern emotionale Intelligenz vorzuleben und vor allem auch Empathie. Ein guter Anfang sei hierbei, die eigenen Emotionen zu erkennen und zu beschreiben, indem du zum Beispiel fragst: "Fühlst du dich verletzt oder enttäuscht von dem, was dein Freund getan hat?" Dem Nachwuchs fällt es auf diese Weise mit der Zeit immer leichter, die eigenen Emotionen zu verbalisieren und darauf zu achten, wie sich die Menschen in seiner Umgebung fühlen.

2. Sie spiegeln die Emotionen des Kindes nicht und geben ihm das Gefühl, dass ihre Emotionen keinen Platz haben dürfen

Es ist wichtig, die Gefühle des Kindes nicht zu beschämen, abzulenken oder sogar zu ignorieren. "Studien haben ergeben, dass Scham, Unsicherheit und Angst die Ursache für das innere Selbst des:der Narzisst:in sind", erklärt der Neurowissenschaftler Isabel. Wer die Gefühle des Kindes nicht ernst nimmt, lehrt dem Nachwuchs, dass Emotionen falsch seien. "Infolgedessen wird es dem Kind schwerfallen, das eigene Verhalten zu regulieren, was zu einer Reihe von Problemen führen kann."

Indem du die Gefühle deines Kindes spiegelst, hilfst du ihm dabei zu lernen, die eigenen Gefühle zu benennen und indem du diese Emotionen bestätigst, zeigst du ihm, dass es absolut in Ordnung ist, das Gefühl in diesem Moment zu empfinden. "Ich kann verstehen, dass du wütend bist", ist beispielsweise eine gute Reaktion, wenn dein Nachwuchs aufgebracht von einem Erlebnis erzählt, dass ihn beschäftigt.

3. Narzisstische Tendenzen nicht als solche benennen

Natürlich geht es hierbei nicht darum einem dreijährigen Kind, das gerade einen Tobsuchtsanfall hat, zu sagen: "Du verhältst dich narzisstisch und das ist nicht in Ordnung." Es geht aber auch nicht darum, den Tobsuchtsanfall deines Kindes stillschweigend hinzunehmen, weil es gerade seinen Willen nicht durchsetzen konnte, erklärt der Wissenschaftler. Vielmehr sei es wichtig, auf den Nachwuchs einzugehen und ihn aus dieser Situation herauszuholen.

"Was ist passiert? Wie fühlst du dich? Was glaubst du, wie sich andere Menschen durch deine Reaktionen fühlen?" Damit hilfst du deinem Kind, das eigene Einfühlungsvermögen, das soziale Bewusstsein und die Fähigkeiten der Emotionsregulierung zu trainieren.

Verwendete Quellen: cnbc.com, psychologie-heute.de, deutschlandfunkkultur.de, focus.de, spektrum.de, pnas.org

cs Brigitte

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