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Nina Stahr "Kinder spüren, dass sie in der Gesellschaft nicht zählen"

Nina Stahr
Nina Stahr
© focoloco.de
Nina Stahr ist Politikerin, Autorin ("Die Krise ist weiblich") und Mutter von drei kleinen Kindern. Im Interview spricht sie über die Verfehlungen der Politik, unfaire Verteilung von Care-Arbeit und warum Kinderrechte endlich unumstößlich werden müssen.

Man sollte meinen, Familie sei ein klar umrissener Begriff, aber das scheint er für viele Politiker noch immer nicht zu sein. Was bedeutet Familie für Sie?

Familie ist der Raum, in dem Menschen füreinander Verantwortung übernehmen. Eltern, Kinder, Partner – wo liebevoll füreinander gesorgt wird, spreche ich von einer Familie. Ob dann nur ein Elternteil Verantwortung übernimmt oder beide, ob diese Eltern gleichgeschlechtlich sind oder verheiratet, all das ist für mich nicht bedeutend, wenn es um die Definition und die Rechte von Familien geht. Im Mittelpunkt steht immer das Wohl des Kindes. Ich denke Familie vom Kind aus, nicht beginnend beim Erwachsenen. Aber auch wenn wir das Erwachsenenalter erreichen und uns um unsere Eltern kümmern, ist das Familie und muss mit besonderen Rechten ausgestattet sein.

Gesellschaft oder Politik – wer ist Schuld an der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, die sich in der Krise so deutlich offenbart?  

Beides, das bedingt sich immer gegenseitig. Die Rollenbilder, die wir im Kopf haben, ändern sich nicht von heute auf morgen. Dafür müssen politische Rahmenbedingungen geschaffen werden einerseits, andererseits muss es aber auch aus der Gesellschaft heraus Menschen geben, die das einfordern und andere Rollenbilder vorleben. Sicher ist, ohne einen wirklichen politischen Willen, etwas zu ändern, wird das nicht passieren.

Beispielsweise die Idee das Elterngeldes: sie war wirklich gut und hat viel bewirkt. Viel mehr Väter nehmen nun Elternzeit, aber in den meisten Fällen eben doch nur die üblichen zwei Bonusmonate. Hier zeigt sich die Steuerungswirkung, die Politik entfalten kann. Und die nutzen wir noch viel zu wenig, um Gleichberechtigung zu erreichen. In Schweden zum Beispiel wurde bereits in den Sechziger- und Siebzigerjahren dieser Hebel angewendet. Bis heute hat sich das Bild stark geändert, die Gesellschaft steht ganz anders da, ist viel gleichberechtigter im Umgang mit der Familie.

Corona offenbart drastische Missstände

Die Coronakrise offenbart nun drastisch viele Probleme, für die wir kurzfristig nach Lösungen gesucht haben. Aber um das ganze Thema strukturell und langfristig zu verbessern, braucht es echten politischen Willen. Die Antworten – z.B. die Abschaffung des Ehegattensplittings, gleiche Bezahlung für alle Geschlechter, eine finanzielle Aufwertung der sogenannten „typischen Frauenberufen“, ausreichend Kitaplätze – liegen seit Jahren auf dem Tisch. Es gab bloß nie einen wirklichen Willen seitens der Bundesregierung, etwas anzupacken. 

Ich stelle mir die Frage, ob es der Mehrheit der Politiker:innen egal ist, dass Frauen sich erst jahre- oder jahrzehntelang aufopfern bis hin zur Selbstaufgabe – Familie, Haushalt, Job – und dann doch massiv von Altersarmut bedroht sind. Das alles wissen wir doch seit Jahrzehnten, warum wird da so wenig unternommen?!

Ich versteh das nicht, ganz ehrlich.

Schwingt bei diesen Debatten auch ein Generationenkonflikt mit? Wird Politik ausschließlich von und für ältere Menschen gemacht?

Zum Teil auf jeden Fall. Ich kann die Wut der Jungen komplett nachvollziehen. Zum Glück gibt es viele ältere Menschen, die jetzt offen sprechen und zum Teil sehr bereuen, wie unbedacht sie beispielsweise im Blick auf die Klimakrise viele Jahre gehandelt haben. Dass sie es nicht besser wussten oder verdrängt haben, in welche Lage sie unsere Gesellschaft und die jüngeren Generationen bringen. Leider erlebe ich aber auch viel zu oft, dass junge Menschen verlacht werden, wenn sie den Mund aufmachen und zum Beispiel gleiche Rechte einfordern. Ich verspüre aber gerade eine deutliche Aufbruchsstimmung, die durch die gesamte Gesellschaft geht. Das stimmt mich hoffnungsvoll.

Ich selbst habe nach der Geburt meines ersten Kindes noch erlebt, wie wenig in den Köpfen vieler Menschen Mütter und politische Ämter zusammengehen. So als ob es fast ausgeschlossen sei, dass sie an der Gestaltung unseres Landes politisch mitwirken können. Meinen kleinen Sohn nahm ich oft mit zu den Sitzungen ins Bezirksparlament. Zum Stillen bin ich dann sogar rausgegangen aus den Sitzungen, weil ich den alten Herren nicht „zumuten“ wollte, dass sie sich das angucken müssen. Aber sogar das schlafende Kind im Kinderwagen war für einige schon zu viel. Welch Rabenmutter ich doch wäre, das Kind nicht in seinem Bettchen schlafen zu lassen.

Basierend auf persönlichen Geschichten und fundierten Statistiken analysiert Politikerin und Autorin Nina Stahr das Ungleichgewicht in deutschen Familien. "Die Krise ist weiblich", erschienen bei Beshu Books
Basierend auf persönlichen Geschichten und fundierten Statistiken analysiert Politikerin und Autorin Nina Stahr das Ungleichgewicht in deutschen Familien. "Die Krise ist weiblich", erschienen bei Beshu Books
© PR

Wieso sollten Eltern denn nicht mitgestalten? Nur weil wir uns zeitgleich um unsere Kinder kümmern? Wenn die Welt der Politik durch den immensen Zeitaufwand nicht kompatibel mit Kindern ist, dann sollten wir doch hier ansetzen, statt Eltern und damit oft junge, engagierte Menschen kategorisch auszuschließen.

Können Politiker ohne Kinder Familienpolitik machen?

Den Bundespolitikern Merkel, Spahn, Altmaier und Braun wird zum Teil vorgehalten, eine schlechte Familienpolitik in der Krise zu betreiben, weil sie selbst keine Kinder haben. Ist das fair und zutreffend?

Das Verständnis könnte da sein, auch wenn man keine Kinder hat. Man sollte nur in der Lage sein, sich in andere Lebenswelten als die eigene hineinzuversetzen. Zuzuhören, aufmerksam auf die ganze Bevölkerung zu schauen. Aber nehmen wir das erste Leopoldina-Papier zum Beispiel, das wurde ausschließlich von Menschen geschrieben, die sich nicht um kleine Kinder kümmern müssen. Man kann natürlich auch ohne Kinder politische Verantwortung tragen, keine Frage, aber man muss sich eben dessen bewusst sein, dass man die Lebensrealität der Familien mitdenken und sich die entsprechende Beratung holen muss.

Nach der ersten Welle gab es einen großen Aufschrei, dann wurde ein Familiengipfel einberufen, nur kam am Ende leider absolut nichts dabei herum. Wo sind denn die Maßnahmen für Familien? Kein Corona-Elterngeld, keine Luftfilter in Schulen und Kitas, stattdessen aber jetzt ein Aufholprogramm – wie zynisch: Erst hängen wir die Kinder ab, und nun ist die einzige beschlossene Maßnahme, dass wir große Nachhilfeprogramme aufsetzen und wieder den Druck erhöhen? 

Nina Stahr in Aktion: Die Grünen-Politikerin und dreifache Mutter kandiert in Berlin für ein Bundestagsmandat.
Nina Stahr in Aktion: Die Grünen-Politikerin und dreifache Mutter kandiert in Berlin für ein Bundestagsmandat.
© Felix Kraus / Bündnis 90/Die Grünen Berlin

Ich kann jeden Menschen verstehen, der im Sommer 2020 verdrängen wollte, wie lange das möglicherweise alles noch geht mit Corona. Aber wer politische Verantwortung trägt, darf das nicht verdrängen, der muss in Szenarien denken. Man muss langfristig planen und echte Lösungen finden, das ist der Job. Und die Nöte von Familien wurden auch bei der Impfstrategie nicht mit bedacht. Es war ja richtig, zuerst die zu impfen, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, aber spätestens jetzt müssten wir doch Familien in den Fokus rücken.

Wenn Eltern beide schwer erkranken und keine bereits geimpften Großeltern zu Stelle sind, wer kümmert sich dann um die Kinder? Dann müssten Eltern das Jugendamt rufen. Kann das sein? Nach über einem Jahr Pandemie?

Beim Verfassen Ihres Buches haben Sie gehofft, dass in einem zweiten Lockdown nicht nochmal die Familien die Leidtragenden sind. Doch es ist wieder exakt so gekommen, wenn nicht sogar schlimmer. Was macht das mit Ihnen?

Dass die zweite und dritte Welle so heftig kamen, liegt auch daran, dass wir aus der ersten nichts gelernt haben.

Das macht mich fassungslos und frustriert ungemein. Wir haben den Sommer nicht genutzt, wir haben keine Strategien entwickelt und sind auch nicht mutig gewesen. Im Oktober drastische, aber kurze Maßnahmen zu beschließen hätte uns so manches Leid erspart. Wieso traut sich unsere Ministerpräsidentenkonferenz nichts? Ein schlechter Kompromiss nach dem nächsten. Kinder, Jugendliche und Familien allgemein standen auch in der zweiten und dritten Welle nicht im Fokus, obwohl es vorher versprochen wurde. „Nicht nochmal auf dem Rücken der Kinder austragen“, hieß es damals. Was passiert ist, war das genaue Gegenteil: Noch immer gibt es keine Luftfilter in Schulen, keine flächendeckenden Maskenvorräte für Lehrkräfte, geschlossene Schulen und Kitas im ganzen Land.

Die Kinderkrankentage reichen selbst nach der erneuten Erhöhung nicht aus, das Coronakindergeld ist ein Tropfen auf den heißen Stein, noch immer wird nicht über einen umfassenden sozialen Ausgleich, über ein Programm für Spiel und Gemeinschaft und Gesundheit, für die Kinder nachgedacht. Kinderrechte spielen in der ganzen Debatte keine Rolle. Was vermitteln wir unseren Kindern da eigentlich?

Sie spüren, dass sie und ihr Wohlbefinden für die Gesellschaft nicht zählen. Ich halte das für fatal: wenn so früh schon Vertrauen in den Staat verloren geht, kann das bedenkliche Folgen für unsere Demokratie haben. Und die Eltern, auch wenn sie so zahlreich sind, sind einfach zu erschöpft. Man ist sauer bis in die Haarspitzen, fühlt sich im Stich gelassen wie vielleicht noch nie zuvor, aber es gibt keine Energiereserven mehr, um sich lautstark bemerkbar zu machen. Oder um sogar selbst aktiv zu werden auf politischer Ebene. 

Große Wünsche zum Tag der Familie

Am Samstag, den 15. Mai, ist Tag der Familie. Wird man die 20 Mio. Eltern in diesem Jahr mit einer modernen Familienpolitik belohnen?

Ich hoffe es. Ich kämpfe dafür. Wenn im September tatsächlich ein Wechsel geschieht, dann wird es zumindest für meine Partei ein absolutes Fokusthema. Gerechte Familienpolitik steckt den Grünen in den Genen, denn wir haben uns auch aus der Frauenbewegung entwickelt. Familie darf natürlich nicht nur an Frauen hängen – und tut es im Moment doch noch viel zu sehr. Nächstes Jahr sollen Eltern sagen können, dass sich dank unseres Engagements etwas verändert hat.

Was wünschen Sie sich, privat und beruflich?

Ganz ehrlich: Einfach eine Woche Urlaub mit meiner Familie auf einem Bauernhof in Brandenburg – ohne Telefon. Politisch wünsche ich mir und kämpfe dafür, dass wir Kinderrechte endlich ernst nehmen und ihnen den Stellenwert einräumen, den sie verdienen. Mein Sohn hat mich letztens darauf hingewiesen, dass wenn wir Kinderrechte praktisch anwenden, er und seine zwei Geschwister bei uns zuhause in der Mehrzahl wären. „Dann stimmen wir ab und gewinnen und dann dürfen wir hier Zuhause alles bestimmen!“ Da hat jemand Demokratie verstanden. (lacht)

Brigitte

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